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Buchmesse-Chef über Tumulte : „Das war bedrückend und enttäuschend“

Juergen Boos versucht am Samstag, die eskalierende Situation bei einer Veranstaltung des rechten Antaios-Verlags zu beruhigen, rechts neben ihm dessen Verleger, Götz Kubitschek Bild: dpa

Wer hat Schuld an den Tumulten zwischen Antifaschisten und dem rechten Antaios-Verlag auf der Frankfurter Buchmesse? Beide Seiten greifen heftig die Messeleitung an. Direktor Juergen Boos nimmt im FAZ.NET-Interview Stellung.

          Herr Boos, was ist am Samstag am Stand von Antaios, einem erklärt rechten Verlag, gegen 17 Uhr geschehen?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Es war eine Veranstaltung mit Akif Pirinçci geplant, die von einer Gruppe gestört wurde, die ich der antifaschistischen Bewegung zuordnen würde. Zuvor war auch Herr Höcke dort aufgetreten.

          Wann kamen Sie hinzu – und warum?

          Ich wurde von meinen Kollegen angerufen, ich war gerade auf dem Weg zur Dan-Brown-Veranstaltung, das muss gegen 17.30 Uhr gewesen sein. Man sagte mir, dass es zu Streitigkeiten gekommen sei und ich mich darum kümmern solle. Als ich ankam, standen sich zwei Gruppen gegenüber: Die Zuhörer und Anhänger des Antaios-Verlags auf der einen Seite, ihnen gegenüber die offenbar antifaschistische Gruppe.

          Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen?

          Meine Kollegin hatte schon versucht, die Situation zu beruhigen, allerdings erfolglos. Uns war klar, dass die Veranstaltung abgebrochen werden musste, bei dem bestehenden Lärmpegel war nichts anderes möglich. Weder Lautsprecher-Ansagen, noch Durchsagen in der Halle, noch ein Megaphon haben ausgereicht, um ein paar hundert Leute vom Schreien abzuhalten.

          Videoaufnahmen zeigen Sie mit einem offenbar kaputten Megaphon in der Hand vor mehreren Hundert Besuchern, die Ihnen im Chor „Heuchler“ entgegenrufen.

          Das war um etwa 18.20 Uhr, die Messe wurde geschlossen und die Veranstaltung musste allein aus diesem Grund beendet werden. Da versuchte ich es mit dem Megaphon, kam aber nicht gegen das Geschreie an.

          Demonstranten und Ordner rangeln am Samstag auf der Buchmesse bei einer Lesung Björn Höckes.
          Demonstranten und Ordner rangeln am Samstag auf der Buchmesse bei einer Lesung Björn Höckes. : Bild: dpa

          Musste die Polizei eingreifen, um die schreiende Menschengruppe aufzulösen, die sich nicht bewegte?

          Die Polizei musste nicht eingreifen. Die Leute sind zwar stehen geblieben, ich habe aber die Polizei gebeten, die Gruppe nicht auseinanderzudrängen. Ich bat darum, zu warten, bis sich die Versammlung selbst auflöst. Schließlich zog die antifaschistische Gruppe ab, ich habe die Polizei gebeten, sie zu begleiten, die Polizei ist dann der Gruppe gefolgt.

          Wurden Sie auf der Bühne des Antaios-Standes angegriffen, wie behauptet wurde?

          Nein. Ich hatte dort einen Wortwechsel mit dem Antaios-Verleger, Herrn Kubitschek, der wollte, dass der Ablauf der Veranstaltung sicher gestellt wird, ich habe, da das zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich war, gesagt, dass ich das aus Sicherheitsgründen nicht möchte.

          War der Antaios-Verlag kooperativ?

          Es war auf der Bühne so laut, dass wir uns kaum verstanden haben. Letztlich war es eher ein gegenseitiger Vorwurf. Als ein Teil der Gruppe abgezogen war, hat sich der Antaios-Verlag sofort zurück an seinen Stand begeben

          Ein führender Identitärer schreibt bei Instagram, Sie seien auf der Bühne ausgebuht worden, weil Sie sich mit der Antifa solidarisiert hätten; der Frankfurter Stadtverordnete Nico Wehnemann, der den Protest gegen Antaios offenbar mitorganisiert hat, wirft der Buchmesse ebenfalls Heuchelei vor, er allerdings findet, die Veranstalter hätten sich mit den Neuen Rechten gemein gemacht.

          Da sind wir mitten im Thema. Buchmesse ist gleichzusetzen mit Meinungsfreiheit. Jemand, der auf dem Boden des Grundgesetzes verankert ist, was ich dem Antaios-Verlag im Moment unterstellen muss, denn seine Schriften sind nicht indiziert, dem muss ich die Gelegenheit geben, seine Meinung zu äußern. Ob ich ihm zuhören möchte oder nicht.

          Der Stadtverordnete Herr Wehnemann ist von einem Sicherheitsmitarbeiter der Messe Frankfurt niedergestreckt und auf dem Boden festgehalten worden. Weiß man, warum der Mann so vehement gegen Herrn Wehnemann vorgegangen ist?

          Es gab offenbar ein aggressives Verhalten von mehreren Leuten, in das der Stadtverordnete verwickelt war. Das hat aber keiner von uns gesehen. Dazu gibt es einen Pressemeldung der Polizei. Ich habe im Moment keinen Grund, diese zu bezweifeln.

          „Jeder hasst die Antifa“-Rufe sind deutlich auf den Videoaufnahmen zu vernehmen, gab es auch Sieg-Heil-Rufe, wie gelegentlich behauptet wurde?

          Nein, ich habe keine gehört, auch meine Kollegen nicht.

          Haben Sie die Situation im Vorfeld unterschätzt?

          Nein, wir wussten, dass es eine Auseinandersetzung geben wird. Wir hatten ja schon Wochen vorher heftige Diskussionen. Was mich ärgert ist, dass jetzt gelegentlich davon gesprochen wird, wir hätten die rechten Verlage eingeladen. Das ist natürlich Unfug. Ich muss aber Aussteller zulassen, deren politische Überzeugung ich nicht teile. Parallel zu der Veranstaltung bei Antaios gab es übrigens eine Demonstration an einem iranischen Stand. Auch dort mussten wir eine Menschengruppe besänftigen. Das ist auf der Messe eigentlich ganz normal, sie muss so etwas zulassen.

          Ist das Konzept der Nachbarschaft von erklärt linken und erklärt rechten Messeständen gescheitert, die in der entsprechenden Halle vorlag?

          Die Messe sortiert nicht nach politischer Meinung, das würde uns überfordern. Wir entsprechen aber den Wünschen der Aussteller. Und wenn die Bildungsstätte Anne Frank das Ziel hat, durch Nähe ins Gespräch mit Rechten zu kommen, kommen wir dem entgegen. Aber wenn Gruppen sich nicht zuhören wollen, dann wird es keinen Dialog geben. Das haben wir jetzt gelernt.

          Die Buchmesse gibt zwar gesellschaftliche Positionen nur wieder – bräuchte es zum Austrag der damit verbunden Auseinandersetzungen aber nicht eigentlich mehr Platz? Die Polizei berichtet in ihrer Pressemitteilung von einer Gruppe von 400 Menschen auf engem Raum.

          Wir sind keine politische Veranstaltung, wir sind in erster Linie eine Wirtschaftsmesse, die mit einem politischen Produkt handelt. Wir sind wahrscheinlich auch eines der größten Kulturereignisse. Wir bauen keine politischen Bühnen auf, wir wollen den Autoren eine Bühne geben, damit ihre Meinungen und ihre Geschichten Raum haben. Wir haben auch einige politische Bühnen, aber die kuratieren wir selbst.

          War diese Situation mit so vielen Menschen auf begrenztem Raum aber nicht einfach gefährlich? Die Videoaufnahmen wirken sehr bedrohlich.

          Das wirkte auch auf mich sehr bedrohlich, aber es kam nicht zu Handgreiflichkeiten. Sonst hätten wir sofort eingegriffen. Es standen unser Sicherheitsdienst und auch die Polizei bereit. Wenn die Polizei einen Grund zum Eingreifen gesehen hätte, auch vorbeugend, hätte sie es getan. Sie werden in den Filmen auch gesehen haben, dass ich permanent mit dem Polizeichef zusammenstand, um jederzeit reagieren zu können. Ein vorauseilendes Eingreifen halte ich aber für gefährlicher als eine schreiende Menge.

          Welche Lehre ziehen Sie für die Zukunft aus den Vorfällen?

          Dass es zu Reibereien kommt, wenn man extreme Positionen hat, liegt in der Natur der Dinge. Was ich gelernt habe, ist, wie weit die beiden Gruppen davon entfernt waren, sich zuzuhören. Es ging nur darum, eine Botschaft herauszuschreien, auf beiden Seiten.

          Maximale Geräuschkulisse, immer knapp unter dem Gewaltradar. Damit wird die Messe auch missbraucht.

          Ich würde es nicht missbrauchen nennen, aber selbst das müssen wir zulassen. Natürlich werden professionelle Kommunikationsmethoden genutzt, um sich in den Vordergrund zu bringen, gerade für kleine Gruppierungen ist das interessant.

          Heute ist der Friedenspreis verliehen worden, das Ereignis gestern muss Sie aber stark beeindruckt haben.

          Ja, das war beeindruckend. Dass es nur ums Schreien ging, ist bedrückend und enttäuschend. Aber all das bestärkt mich erst recht in unserer Haltung. Es hat mich auch gefreut, dass ich bei der Verleihung des Friedenspreises viele positive Rückmeldungen bekommen habe, auch von anderen Verlegerverbänden, die sagten: Ihr habt genau richtig gehandelt.

          Sie sind sicher, dass Sie die Sache im Griff hatten?

          Ja, wir hatten die Sache im Griff.

          Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus

          Quelle: FAZ.NET

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