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Gastland der Buchmesse : Ein Rätsel namens Indonesien

Joko Widodo, früher Gouverneur von Jakarta, heute indonesischer Staatspräsident, mit seinem Geschenk von Metallica. Bild: AFP

Indonesien bekommt dieser Tage viel Aufmerksamkeit als Gastland der Frankfurter Buchmesse. Aber Deutschland kann sonst wenig anfangen mit der viertgrößten Nation der Welt. Dabei finden sich nirgendwo in Asien so viele Anknüpfungspunkte für Europäer.

          Als die amerikanische Hardrockband Metallica vor zwei Jahren in Jakarta aufspielte, war ein schon damals ziemlich bekannter Mann unter den Fans. Er trug, wie alle, ein schwarzes T-Shirt, ging lässig an der Ehrentribüne vorbei und verschwand in der Menge. Nach dem Konzert entfalteten die Musiker eine riesige indonesische Nationalflagge und bedankten sich fürs Zuhören – auch bei Jokowi. Das Stadion tobte. 80.000 Hardrockfans riefen minutenlang den Namen des Gouverneurs der Hauptstadt. Heute ist Jokowi, der mit bürgerlichem Namen Joko Widodo heißt, Staatspräsident der größten muslimischen Nation der Welt.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Man kann aus Indonesien viele solcher Geschichten erzählen, die unsere Vorstellungskraft sprengen und unsere Bilder vom Islam, vom Alltag in einem Entwicklungshilfe-„Schwerpunktland“, auch vom kulturell konservativen Asien plakativ aussehen lassen. Nehmen wir Gus Dur, einen Amtsvorgänger Jokowis. Er war Indonesiens wichtigster Islamgelehrter, bevor er 1999 zum Staatspräsidenten gewählt wurde. Sein Aufstieg verlief parallel zu dem von Inul, einer ungewöhnlich lasziv tanzenden Sängerin. Als konservative Kleriker ein Auftrittsverbot für sie verlangten, hielt es den halbseitig gelähmten Präsidenten nicht länger am Amtstisch und er führte, im Rollstuhl, eine Protestdemonstration durch die Hauptstadt an. Das Motto: „Für die Freiheit der Kunst“.

          Indonesien, das nach der Bevölkerungszahl viertgrößte Land der Erde, ist mit unserem kulturellen Besteck nur schwer zu bewältigen. Zur Frankfurter Buchmesse, die am kommenden Mittwoch beginnt, ist es als Gastland in deutschen Medien naturgemäß präsent, aber das wird sich bald wieder legen. Gemessen an seiner Größe und regionalen Bedeutung, ist Indonesien in Europa geradezu aberwitzig unbeschrieben, und vielleicht sollte man sich einmal fragen, an wem das liegt: an Indonesien oder an seinen Betrachtern?

          Auch als friedfertiges Land zu Grausamkeiten fähig

          Natürlich ist es ein bisschen unfair, das drittgrößte Land Asiens mit den beiden größten, China und Indien, zu vergleichen. Als Konfuzius dem Reich der Mitte seinen Stempel aufdrückte und Ashok große Teile des Subkontinents einte, dauerte es im indonesischen Archipel noch fast ein Jahrtausend, bis mit Srivijaya das erste namhafte Königreich entstand. Kulturell und politisch liegt Indonesien an der Schnittstelle der beiden großen asiatischen Kulturnationen. Genauer gesagt, bildet es den entfernten Punkt eines Dreiecks, das ungleich aufeinander bezogen ist. Aus Indien kamen die Religionen und die Erzählungen. Aus China kamen Ideen und Einwanderer. Die Javaner, das größte und tonangebende Volk in Indonesien, nahmen alles auf - vom sechzehnten Jahrhundert an auch mit den Einflüssen der westlichen Mächte, erst der Portugiesen, dann der Holländer, schließlich der Amerikaner. „Synkretismus“ ist ein Fremdwort, das man in Indonesien zu verstehen beginnt.

          Indonesischer Pavillion : Der mysteriöse Spaziergang

          Anders als China und Indien hat sich das Inselreich im äußersten Südosten des Kontinents spät als Nation gefunden, erst zum blutigen Ende der Kolonialzeit. Dank „Bahasa Indonesia“, der mit der Verfassung von 1945 eingeführten gemeinsamen Sprache, wirkt es heute trotz aller Ethnien und Inseln halbwegs homogen. Es ist zu einer Nation aus eigenem Recht geworden, die ihre Identität nicht aus einer machtvollen Geschichte bezieht, sondern aus ihrem eigenwilligen und doch in vielerlei Hinsicht beispielhaften Weg. Und natürlich aus ihrer Dimension: Zwischen Nordsumatra und Westpapua liegen mehr als 5000 Kilometer, etwa so viel wie zwischen Frankfurt und Kabul. Mit 250 Millionen Einwohnern leben in Indonesien mehr Menschen als in Russland oder Brasilien. Und es ist eine Demokratie.

          Indonesien hat nie seine Nachbarn in Abhängigkeit gehalten oder einen Krieg vom Zaun gebrochen. Im Gegensatz zu anderen vom Islam dominierten Nationen hat es auch nie missioniert und stets seine christlichen Minderheiten geschützt. Seiner geographischen Lage verdankt es, dass es selten bedrängt wurde (zu den Ausnahmen zählen die japanische Besetzung im Zweiten Weltkrieg und der anschließende Versuch der Niederlande, es zurückzuerobern). Die Indonesier als friedfertige Nation zu bezeichnen wäre gleichwohl eine Verklärung. Sie sind sogar zu erstaunlicher Grausamkeit fähig, wie die antikommunistischen Pogrome von 1965 vor Augen geführt haben. Aber als Mitglied der Völkerfamilie blieb Indonesien ein unaggressives, in sich ruhendes und daher auch ein bisschen blasses Land.

          Bescheidenheit ist eine Tugend

          Wer zum ersten Mal in Jakarta landet, betritt eine fremde Welt, in der sich überraschend viel Vertrautes findet. Die frühe Öffnung nach Amerika (unter Präsident Suharto in den späten sechziger Jahren) hat der Metropole ein globales Gesicht gegeben - mit gläsernen Bürotürmen und weitläufigen Einkaufszentren, deren pompöse Warenpräsentation eher an Sydney oder New York als an Berlin, geschweige denn an Städte der Dritten Welt erinnern. In den Bars und Restaurants der Zehnmillionenstadt wird getrunken und viel und laut gelacht. Es gibt Jazzclubs und Technohallen, alternative Kulturzentren und teure Galerien.

          Nicht alle Lebensbereiche sind von der Verwestlichung durchdrungen. Die amerikanische und australische Verhaltenskultur ist den meisten Indonesiern fremd geblieben, vor allem den javanischen Ober- und Mittelschichten. Sie mögen wie die Angelsachsen leben, aber sie benehmen sich nicht wie sie. Zu stark prägt die Tradition, Bescheidenheit als Tugend zu betrachten. Man kann in Indonesien auf erfolgreiche Anwälte, Bestsellerautoren, selbst den Staatspräsidenten treffen und den Eindruck gewinnen, als machten sie nichts von sich her.

          Mit Unsicherheit hat die indonesische Zurückhaltung nur wenig zu tun. Schwerer wiegt ein aufrichtiges Unverständnis für jede Form der Pose. Das ist sympathisch, wirft aber auch Schatten: Es fehlt am Bemühen, sich der Welt gegenüber verständlich zu machen, sich zu erklären, auch für sich zu werben. Als das kleine Nachbarland Malaysia vor einigen Jahren eine weltweite Kampagne schaltete und unter dem Banner „Malaysia truly Asia“ mit Elementen der indonesischen Kultur warb, war das Erstaunen groß. Inzwischen hat Indonesien nachgezogen, aber eindrucksvoll ist das Ergebnis nicht. Weniger als zehn Millionen Touristen reisen jedes Jahr nach Indonesien. Das fast zehnmal kleinere Malaysia zählt mehr als 27 Millionen Gäste.

          Die zarte Orchidee der Demokratie

          Indonesien ist geheimnisvoll geblieben, fast ein bisschen verschlossen, was sich in einer manchmal grobschlächtigen, manchmal verzerrten Wahrnehmung der Außenwelt widerspiegelt. Als der langjährige Herrscher Suharto Oppositionelle einsperren ließ, Zwangsumsiedlungen vornahm und brutal gegen die Freiheitskämpfer in Osttimor vorging, wurde Indonesien im Blick des Westens zur „Diktatur“. Nur wenige sahen, dass in den mehr als dreißig Jahren der „Neuen Ordnung“ auch der aufkommende radikale Islam in Schach gehalten, die Armut zurückgedrängt und selbst das annektierte Osttimor entwickelt wurde. Als nach Suharto, in den langen Jahren der Post-„Reformasi“-Zeit, die ethnischen Spannungen zunahmen, islamische Terroristen schwere Anschläge verübten und dann noch der Tsunami ganze Landesteile verwüstete, erklärte die Auslandspresse Indonesien zum Problemfall, beinahe zu einem failed state.

          Wenige vermochten konträr verlaufende und tiefer liegende Entwicklungen zu sehen: dass mit der neuen - für Indonesien revolutionären - Dezentralisierung das Fundament für einen funktionierenden Föderalismus gelegt wurde; dass die muslimische Mehrheit gegen den gewalttätigen Fundamentalismus aufstand und die Sicherheitskräfte wirkungsvoller gegen die Terroristen vorgingen als irgendwo sonst in der islamischen Welt; dass die Naturkatastrophe (auch mit großzügiger internationaler Hilfe) erstaunlich rasch überwunden wurde und im besonders betroffenen Aceh sogar einen langjährigen Bürgerkrieg beenden half; kurzum: dass die zarte Orchidee der Demokratie trotz widrigster Bedingungen gedieh.

          Auch das moderne Indonesien gibt Rätsel auf. Der demokratische Volksheld Jokowi, der Metallicas Bassgitarre - ein Geschenk der Band - sogleich der Antikorruptionsbehörde aushändigte, lässt zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Todesurteile vollstrecken; jüngst enttäuschte er auch die Hoffnungen seiner Anhänger auf eine Entschuldigung für die staatlichen Verbrechen vor fünfzig Jahren. In der mehrheitlich immer noch liberalen Gesellschaft werden heute mehr Kopftücher getragen als je zuvor; selbst über ein Alkoholverbot debattiert das Parlament. Die politische Klasse, die in der G20 und anderswo auf der internationalen Bühne mehr indonesische Mitgestaltung einfordert, flirtet zugleich mit dem Protektionismus und blickt wieder stärker nach innen.

          Der sichere Hafen des Belehrens

          Indonesien ist schwer zu verstehen, und es fühlt sich oft missverstanden. Das liegt auch daran, dass es an Mittlern fehlt. Als Land mit einem gewaltigen, unausgeschöpften Binnenmarkt hat es vergleichsweise wenig auf Export gesetzt. Noch schwerer wiegt, dass Indonesien - anders als etwa Indien - über keine nennenswerte Diaspora im Westen verfügt. Wer in Europa oder Amerika studiert, bleibt nur selten da. Die meisten zieht es in die Heimat zurück. In Indonesien herrscht Aufbruchsstimmung und ein in mancherlei Hinsicht attraktiverer Alltag. Großfamiliäre Strukturen und eine Bedienstetenkultur, die bis tief in die Mittelschichten hineinreicht, vereinfachen die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf und lassen vor allem junge, international ausgebildete Frauen mit Befremden in den „stressigen Westen“ blicken.

          Besonders schwer tun sich westliche Politiker, die Indonesien eher pflichtgemäß besuchen. Gerade die Deutschen verzweifeln oft daran, dass das Land nicht in die gängigen Schablonen passt, und flüchten sich in den sicheren Hafen des Belehrens. Kaum jemand ist - wie der britische Politiker Boris Johnson - in der Lage, die Widersprüche einfach stehenzulassen und zu staunen. Als „Boris“ im vergangenen Jahr mit Staatspräsident Jokowi und Tausenden Indonesiern am wöchentlichen „Car Free Sunday“ über die Thamrin-Straße im Herzen Jakartas radelte, kannte seine Verblüffung kaum noch Grenzen: über die Energie des Volkes, dessen Offenheit, Flexibilität und Enthusiasmus. „Sie sind wie wir!“, schwärmte Johnson nach seiner Rückkehr im „Daily Telegraph“.

          Das ist natürlich auch ein bisschen übertrieben, aber Johnson erkannte, dass sich nirgendwo sonst in Asien so viele Anknüpfungspunkte für uns Europäer finden lassen. Im Laufe dieses Jahrhunderts wird Indonesien nach einschlägigen Prognosen zu den fünf bis zehn einflussreichsten Staaten der Welt aufschließen - parallel zum wirtschaftlichen und politischen Abstieg der Alten Welt. Die Globalisierung und die wachsende Bedeutung Asiens führen das Inselreich vom Rand ins Zentrum des Geschehens. Die ökologischen Herausforderungen, vom Klimawandel über die Ressourcenschonung bis zum Artenschutz, sind ohne den Archipel mit seinen 17.000 Inseln kaum zu bewältigen. Jedes vierte Schiff, das am Welthandelsverkehr beteiligt ist, passiert die schmale Straße von Malakka, die an der Ostküste Sumatras vorbeiführt. Ein Krieg in dieser Region wäre heute auch in Europa zu spüren.

          Mit einem höflichen Lächeln

          China und Indien, die wir uns auf dem „Kontinent der Zukunft“ als Anker ausgeguckt haben, eignen sich nur bedingt dafür. Sie sehen sich auf Augenhöhe mit den Großmächten, allen voran mit den Vereinigten Staaten. Indonesien muss sich hingegen im Schatten der asiatischen Giganten bewähren und setzt dabei auf Ausgleich und Zusammenarbeit, vor allem in der „Vereinigung Südostasiatischer Nationen“. Innerhalb der Asean spielt Indonesien eine Rolle, die Deutschland vertraut ist: Als stärkstes Land muss es führen und zugleich Rücksicht nehmen.

          Neugier und Sympathie für Europa sind wach geblieben in diesem Teil der Welt, nicht nur wegen der Premier League und der deutschen Autos. Den Rückschlägen der Europäischen Union zum Trotz hofft man lernen zu können von einem Kontinent, auf dem sich so viele Völker zu einigen versuchen, der seinen eigenen Weg geht und dabei mit der Welt verbunden ist - der sich seit siebzig Jahren bemüht, das indonesische Staatsmotto zu leben: „Einheit in der Vielfalt“. Die Angebote der europäischen Kulturinstitute, des Institute Français, des Erasmus Huis oder des Goethe-Instituts, stoßen in Indonesien auf ein ungewöhnlich starkes Interesse. Als seelenlos erleben die Indonesier dagegen das American Cultural Center, das seine Besucher zu Kunden macht und im dritten Stockwerk eines Einkaufszentrums zu Computerspielen animiert, um sie näher an die amerikanische Warenwelt heranzuführen.

          Indonesien kann damit leben, dass es auf der politischen Landkarte Europas nur selten auftaucht. Die Eliten quittieren das mit einem erstaunten, zuweilen melancholischen Kopfschütteln. Umgeben von zugewandten Nachbarn und umworben von Amerika, China und (langsam auch) Indien, machen sich die Indonesier keine größeren Sorgen über ihren Platz in der Welt von morgen. Manche glauben, es seien die Europäer, die für ihr Desinteresse würden zahlen müssen. Aber das sagen sie leise, mit einem höflichen Lächeln.

          Der Verfasser war langjähriger Asien-Korrespondent dieser Zeitung und lebte in Delhi und Jakarta.

          Quelle: F.A.Z.

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