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Indonesien : Land der falschen und richtigen Träume

Land der Vielfalt und Gegensätze: Alltag in Jakarta Bild: Reuters

Indonesien ist in dieser Woche das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Seine Schriftsteller bieten Orientierung für eine Gesellschaft auf der Suche, in der man auf fünf Arten beten kann.

          Andere Länder haben Regenmacher, Indonesien hat Fachleute für das Verhindern von Niederschlag. Denn auch wenn im Inselreich, das sich viele Tausend Kilometer entlang des Äquators erstreckt, mehrere hundert lokale Sprachen gesprochen werden, ist die Natur verlässlich geordnet. Die Sonne geht das ganze Jahr über zu ähnlichen Zeiten auf und unter, tagsüber wird es heiß, nachts nicht sehr viel kühler und auf die Trockenzeit folgt eine Regenzeit. Wenn es in diesen Monaten mit starkem Niederschlag eine Party geben soll, erzählt die Schriftstellerin Ayu Utami, wird der „pawang hugan“ gerufen, der „Regenzähmer“, den aus Anhänglichkeit an alte Bräuche auch gutverdienende Großstädter mit Hochschulbildung weiterhin nutzen. Der Beschwörer muss den Blick nicht einmal direkt zum Himmel über dem Veranstaltungsort richten können: „Er arbeitet von zu Hause aus.“ Vom Dorf also, vom flachen Land aus, von dem sich noch immer viele der 250 Millionen Indonesier ernähren, auch wenn es mittlerweile mehr als 20 Millionen von ihnen in die Hauptstadt Jakarta und deren Umgebung gezogen hat.

          Florian  Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Utamis Anekdote ist die zeitgenössische Restspur des Geisterglaubens, der den indonesischen Islam lange grundiert hat, gerade auf Java, der bevölkerungsreichsten Insel. Inzwischen beobachtet die auf West-Timor geborene Katholikin, die ihrer Kirche lange fernstand, auch den handfesteren indonesischen Islam von heute. Seit dem Ende der Militärdiktatur, sagt sie, äußere religiöser Hass sich öffentlich. Die Armee, die das Land dreißig Jahre lang beherrschte und sich dabei als alleinige Garantin der im Kampf gegen die holländischen Kolonialherrn errungenen nationalistischen Staatsordnung begriff, hielt den bereits seit der Unabhängigkeitsbewegung politisch organisierten Islam bis 1998 gewaltsam nieder.

          Utami, mit deren Roman „Saman“ nach dem Fall des Regimes in den späten neunziger Jahren eine Art des Schreibens begann, die überlieferte Grenzen des Sagbaren neu austestete, fasst die Herausforderung zusammen, der die größte muslimische Demokratie der Welt sich gegenübersieht. In der Vergangenheit habe die Bewahrung der Pluralität vom Militär abgehangen: „Jetzt müssen wir sie in einer Demokratie aufrechterhalten.“ Utami hat sich dafür entschieden, das positiv zu sehen: „Wir sind es nicht gewohnt gewesen, zu streiten. Jetzt lernen wir es.“

          Ayu Utami

          Auch in der indonesischen Gegenwartsliteratur, die sich gerne um große Fragen dreht. „Was heute in Indonesien geschrieben wird, neigt dazu, moralisch und seriös zu sein“, sagt Utamis Kollege Eka Kurniawan. Das hat seinen Grund. Das Land, das am 17. August siebzig Jahre Unabhängigkeit gefeiert hat, kämpft mit dem Erstarken eines ungewohnt fundamentalistischen Islams und sozialer Ungerechtigkeit. Der möglichst schnelle Ausgleich der massiven Unterschiede zwischen der Hauptstadt und dem Rest des Landes, zwischen einzelnen Inseln, Bevölkerungsgruppen und Schichten scheint fast unmöglich. „Disparität ist unser größtes Problem“, sagt Bildungsminister Anies Baswedan. Da spricht die Zentralbürokratie, die die Lebensumstände vereinheitlichen will und sie zu heben hat, obwohl das Bruttosozialprodukt in diesem Jahr hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist und die Steuereinnahmen geringer ausfielen als geschätzt, was der Regierung die Finanzierung diverser Infrastrukturprojekte erschwert. Im Frühsommer fiel auch noch die Rupie, was viele Beobachter an den Beginn der Asienkrise erinnerte.

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