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F.A.Z.-Buchmesse-Krimi 1/4 : Der Tote unter dem Lesepult

Als wäre die Präsentation ihres Rembrandt-Buchs für Sylvia van Prins nicht schon aufregend genug: Sie stößt auf etwas Schreckliches. Erster Teil des F.A.Z.-Buchmesse-Krimis „Der alte Meister“.

          Sylvia eilte zu den Frauentoiletten, so schnell es auf ihren lächerlich hohen Absätzen ging. Wieso hatte sie sich bloß von ihrem Verleger Marcus zu diesen Dingern überreden lassen, und dazu noch zu diesem engen, knallroten Minikleid und dem übertriebenen Make-up, das eine Profi-Visagistin heute Morgen in aller Herrgottsfrühe aufgetragen hatte. Sie verfluchte Marcus in Gedanken. Da Bücher über Kunst kein großes Publikum anzogen, hatte er auf Sex sells gesetzt. „Kunst ist nicht verstaubt, Kunst ist sexy! Schau mal in den Spiegel!“, hatte er begeistert ein ums andere Mal wiederholt.

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          Mit der Schulter drückte sie die Toilettentür auf. Aus den Augenwinkeln heraus sah sie, wie eine Frau sie im Spiegel von Kopf bis Fuß musterte. Abschätzig verfolgte sie, wie Sylvia hereingestolpert kam, sich fluchend an der Wand abstützte, als sie mit einem Fuß umknickte und ihr ein brennender Schmerz durch den Knöchel fuhr. Bestimmt hielt die Frau sie für betrunken. Schon um diese Uhrzeit. Wobei Sylvia gut einen Schnaps hätte gebrauchen konnte.

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          Sie schloss die Tür der Kabine und beugte sich vornüber. Eine plötzliche Übelkeit hatte sie hier her getrieben, aber es gelang ihr nicht, sich zu übergeben. Erschöpft setzte sie sich auf die Toilettenbrille und legte den Kopf in die Hände. Wo blieb Marcus nur? Sie brauchte ihn. Er hätte heute Morgen hier sein sollen, um ihr beizustehen, doch stattdessen hatte nur eine hektische PR-Tante auf sie gewartet.

          Vor lauter Nervosität hatte Sylvia die Nacht zuvor kein Auge zugetan. Sie hatte gar keine Buchpräsentation gewollt. Schon gar nicht auf der Frankfurter Buchmesse, und dann ausgerechnet am Samstag, wenn es wahnsinnig voll war. Natürlich war sie unheimlich stolz auf ihr Buch über Rembrandt, eine überarbeitete Version ihrer Doktorarbeit. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Städel Museums hatte sie jahrelang intensiv daran gearbeitet. Ihr Lieblingswerk Rembrandts, die „Blendung Simsons“, das sie sich im Städel jeden Tag angesehen hatte, nahm in ihrem Buch eine zentrale Stellung ein. Sie hasste es jedoch , im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Wenn sie ihrem Vater Douwe doch nur ein bisschen ähnlicher gewesen wäre! Sie hoffte inständig, dass er nicht kommen würde.

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          Douwe schüttelte dem Mann die Hand und winkte noch einmal zum Abschied. Kaum zu glauben, dass er ausgerechnet hier Bekannte traf. Eine seiner Ex-Geliebten hatte einmal geklagt, sie könnten keinen Schritt vor die Tür gehen, ohne dass er Bekannten über den Weg liefe. Sein Handy klingelte. Er erkannte die Nummer sofort. Das Präsidium. Er seufzte tief. Konnten sie nicht mal ein paar Stunden ohne ihn auskommen? Er liebte seine Arbeit als Commissaris, aber es gab Grenzen. Außerdem war Wochenende. Er ignorierte den Anruf. Keine Zeit. In wenigen Minuten begann Sylvias Buchpräsentation.

          Es gefiel ihm nicht, dass sie nach Frankfurt gezogen war und sich so in ihrer Arbeit vergrub, aber das war wohl ganz allein seine Schuld. Wenn er nicht damals, als sie noch ein Kind gewesen war, bei der Kripo mehrere Jahre einer Sonderkommission für Kunstraub angehört hätte, wäre ihre Liebe zur Kunst vielleicht nie erwacht. Manchmal befürchtete er, dass Rembrandt die größte Liebe ihres Lebens bleiben würde. Das wäre schade, denn er wünschte sich Nachkommen, Enkel, aber momentan sah es nicht danach aus, dass es welche geben würde.

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