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Buchmesse : Türkischer Marsch

Der Putschversuch als Gründungsmythos: Angesehene türkische Autoren wurden binnen weniger Jahre vom Aushängeschild zum Staatsfeind degradiert. Bild: dpa

Ein Programm von Funktionären für Funktionäre: Am Buchmessen-Stand der Türkei erinnert nichts mehr an die einstige demokratische Offenheit des Landes. Die wichtigsten Autoren präsentieren sich ohnehin lieber anderswo.

          Am Türkei-Stand in Halle 5.0. bekommen die Besucher ein miserabel übersetztes Büchlein über den Putschversuch vom 15. Juli geschenkt. Die Türkei habe dieses „Massaker“, dem der Westen mit „Toleranz“ begegnet sei, „bittersüß“ überlebt, heißt es darin. Eine Frage an den am Stand diensttuenden Mann: Werden hier auch die Werke der seit dem 15. Juli verhafteten Journalisten und Autoren präsentiert? Als Mitarbeiter des türkischen Kulturministeriums sei er nicht befugt, Auskunft zu geben, sagt der Herr. Warum nicht, das Kulturministerium hat den Stand doch mit konzipiert? Bei der Podiumsdiskussion, die gleich stattfinde, werde alles zu dem Thema gesagt, erklärt er. Ihr Titel: „Demokratie und Kultur“.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Also gut, Podiumsdiskussion. Per Mikrofon wird auf sie aufmerksam gemacht. Ein Mann bleibt stehen, gut möglich, dass er Deutschtürke ist: „Kultur und Demokratie?! Na, das ist ja hier genau der richtige Ort dafür!“, ruft er erbost. Die Leute, die vor dem Podium Platz nehmen, sehen aus, als gehörten sie ohnehin zum Team: Männer in schwarzen Anzügen, Typ AKP-Funktionär. Das Thema „Demokratie und Kultur“ kann hier offenbar etwas akustische Zuckerwatte vertragen. Und deshalb geigt eine Dame jetzt erst einmal Mozarts Türkischen Marsch. Sie spielt virtuos, vertreibt aber nicht die Worte Asli Erdogans aus dem Ohr, die bei der Eröffnungsfeier der Messe verlesen wurden. Früher, als man die Türkei noch mit einigermaßen gutem Gewissen eine Demokratie nennen konnte, reiste die Autorin als Aushängeschild ihres Landes an. Nun soll sie eine gemeine Terroristin sein. Ihre Botschaft aus der Haft lautete: „Hier, in meinem Land, lässt man mit einer unvorstellbaren Rohheit das Gewissen verkommen. In der Türkei wird gewohnheitsmäßig und wie blind versucht, die Wahrheit zu töten. Auch wenn ich nicht weiß, wie, aber die Literatur hat es immer geschafft, Diktatoren zu überwinden. Die Literatur, die wir mit unserem eigenen Blut schreiben, denn diese ist für mich die Wahrheit.“ Handys schnellen in die Höhe und filmen die Geigerin. Funktionärs-Füße wippen fröhlich im Takt.

          Pamuk hängt nur als Foto an der Wand

          Auf dem Podium sitzen ein der AKP nahestehender Dichter, ein hochbetagter Kritiker und der Schriftsteller Iskender Pala. „Man muss die Literatur eines Landes lesen, wenn man seine Kultur verstehen möchte“, sagt der Kritiker, und man denkt: ja, so ist es, und der Blick wandert über den Stand. Dort, wo früher die Werke zahlreicher kleinerer und größerer Verlage präsentiert wurden, dominieren jetzt Bildbände des türkischen Kulturministeriums, historische Abhandlungen über das Osmanische Reich und religiöse Erbauungsliteratur. Auch große Literaten wie Orhan Pamuk sind vertreten – als Fotos an der Wand. Gern würde man hören, was der Kritiker dazu sagt. Der aber steht schon wieder auf und entschuldigt sich: Er müsse noch drei Artikel fertig schreiben. Sein Abgang wirkt wie eine Flucht.

          Nun hat der Autor Iskender Pala das Wort. Er ist der Prototyp des neuen konservativen türkischen Intellektuellen. Pala ist Professor für Osmanische Poesie und schreibt Bestseller-Romane über die Liebe zu Zeiten des Osmanischen Reiches. Als Erdogan und Gülen noch beste Freunde waren, arbeitete Pala als Kolumnist der Gülen-Zeitung „Zaman“. Er fand den Absprung, bevor das politische Blatt sich wendete, und wurde Erdogans enger Vertrauter. „Gute literarische Werke öffnen den Menschen Türen“, sagt Pala. „Gute Werke öffnen die Tür zur Demokratie.“ Dann erinnert er an Griechenland als Wiege der Demokratie.

          Der Gründungsmythos der neuen islamischen Türkei

          Auch die Vitrinen rechts von ihm leisten Erinnerungsarbeit: Mit alten Fotos und militärischen Orden lassen sie den „vergessenen Sieg“ des Osmanischen Reiches in Kut al Amara gegen die Briten 1916 wiederauferstehen. Und während vom Podium weiterhin wolkige Sätze aufsteigen, begreift man, dass die Inszenierung des Standes vortrefflich widerspiegelt, was in der Türkei passiert: Die Geburt eines sich als türkisch-islamisch definierenden Staates, der die Schmach über den Zerfall des Osmanischen Reiches durch die Überhöhung von „vergessenen Siegen“ aus dem kulturellen Gedächtnis tilgen will und dessen Gründungsmythos der Widerstand des Volkes gegen den Putsch sein wird.

          Irgendwo ganz anders auf der Messe verrät der Mitarbeiter eines türkischen Verlages, dass viele Kollegen aus eigenen Stücken darauf verzichtet hätten, am Türkei-Stand repräsentiert zu werden. Cem Erciyes vom Dogan-Verlag, der Autoren wie Elif Shafak und Zülfü Livaneli verlegt und die Werke von Nedim Gürsel, der in der Türkei 2009 wegen seines Romans „Allahs Töchter“ wegen „Verunglimpfung religiöser Werte“ angeklagt wurde, sagt: „Dieser Stand repräsentiert nicht meine Türkei.“ Auch der im Exil lebende Journalist Can Dündar gehört zu den Dogan-Autoren. Begleitet von Bodyguards, stellt er – weit weg vom türkischen Stand – sein Buch „Lebenslang für die Wahrheit“ vor. Wer der liberalen Türkei begegnen möchte, sollte Auftritte wie seine besuchen. Den Weg zu Halle 5.0. kann man sich sparen.

          Quelle: F.A.Z.

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