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Biograph Reiner Stach : Was für ein Kind war Kafka?

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Franz Kafkas Kindheit fand ohne Freunde statt und wurde von den permanenten Drohungen des Vaters begleitet. Wie münzte Kafka seine schwierige Kindheit in literarische Stärke um?

          In „Gullivers Reisen“ schreibt Swift mit Ironie, Eltern dürfe man am wenigsten unter allen Menschen die Erziehung der Kinder anvertrauen. Kafka zitiert das in einem Brief an seine Schwester Elli. Spielt er auf seinen Vater an?

          Reiner Stach: Hermann Kafka hat Franz wahrscheinlich nie geschlagen, ich glaube, das hätte die Mutter nicht zugelassen. Er hat aber ständig damit gedroht. Er hat die Kinder angebrüllt, er hat den Gürtel losgemacht, hatte schon etwas in der Hand zum Schlagen, es dann aber nicht getan. Wenn Kafka irgendwann einmal eine Ohrfeige bekommen hätte, wäre der Schaden wahrscheinlich nicht so nachhaltig gewesen wie diese ständigen Drohungen.

          Wie nützlich ist die Psychoanalyse, um diese Beziehung zu erklären?

          Ich glaube, was die Psychoanalyse zu bieten hat, reicht nicht, um Kafkas Entwicklung zu erklären. Mit der Psychoanalyse kann man Schädigungen genau beschreiben und wie diese dann im späteren Leben wiederkehren, Neurosen und Zwangshandlungen. Was die Psychoanalyse aber nicht leistet: sie kann nicht beschreiben wie und warum es jemandem gelingt, solche Schwächen in Stärken zu verwandeln.

          Aus welchen Schwächen konnte Kafka Positives ziehen?

          In seiner schwachen Position einem tyrannischen Vater gegenüber ist ein Kind gezwungen, diesen genau zu beobachten. Es achtet auf den Blick, die Stimme, die Gesten, darauf wie die Tür zugeschlagen wird. Das ist die einzige Defensivmaßnahme, die es hat. Wenn also schon ein kleines Kind dazu gezwungen ist, die Eltern zu beobachten um sich abzusichern, dann entsteht daraus ein Beobachtungsvermögen, ein empathisches Vermögen. Nach und nach kann es die Handlungen des anderen antizipieren. Ich bin fest überzeugt, dass Kafkas unglaubliche Beobachtungsgabe nicht angeboren ist, sondern dass sie in der Kindheit ihre Ursprünge hat.

          Das Kleinsein ist für Kafka also nicht nur etwas Angsteinflößendes? Es hat auch seine guten Seiten?

          Man wird nicht gesehen.

          Reiner Stach
          Reiner Stach : Bild: Pein, Andreas

          Und kann besser beobachten?

          Das gehört in der Tat zum Privatmythos, den Kafka von sich pflegte. Der Beobachter, der klein und unscheinbar am Rand bleibt, kann sich sagen: die Gesellschaft hat mich an den Rand gedrängt, ich bin nur Zaungast. Aber in dieser Position kann ich in aller Ruhe alles beobachten und durchschauen.

          Zu seiner ersten Verlobten Felice Bauer soll Kafka gesagt haben, als Kind habe er lange allein gelebt, da die Eltern fast ununterbrochen in ihrer Galanteriewarenhandlung arbeiteten. Was folgte für ihn daraus?

          Das Personal hat sich vermutlich viel intensiver um die kleinen Schwestern gekümmert. Schon als Achtjähriger hatte er also eine Grundeinsamkeit. Er hat sehr früh gelernt, sich mit sich selbst zu beschäftigen, mit Büchern, Bildern und Spielen. Manche Kinder werden damit unglücklich, er nicht. Kafkas ehemaliger Mitschüler Hugo Bergmann hat ihm später in einem Brief geschrieben, da waren sie ungefähr zwanzig: „Und du warst seit je auf dich allein angewiesen und bekamst so auch die Kraft allein zu sein.“ Das ist eine starke These. So etwas hält man als Kind ja eher verborgen. Übrigens kommt das sogar in der Erzählung ‘Kinder auf der Landstraße’ vor. Hier wollen Kinder ihren Freund zu einem Ausflug abholen, der will aber nicht recht und da sagen sie zu ihm: „Wenn du nicht willst, dann bleib’ doch daheim.“ Und der Junge antwortet: „Keine Gnaden!“ – es wäre sehr gnädig, wenn ihr mich in Ruhe lassen würdet. Das würde ein Kind nicht sagen, das ist Erwachsenenironie.

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