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Kolumne zur Buchmesse : Tusiata, mon amour

  • -Aktualisiert am

Angesichts von Tusiata Avia wurde er blass: Schauspielstar Viggo Mortensen Bild: dpa

Heute ist Neuseelands Kulturszene ohne pazifische Künstler nicht mehr vorstellbar: Ohne John Pule und Sofia Tekela-Smith in der Bildenden Kunst, den Drehbuchautor Oscar Kightley - oder die Dichterin Tusiata Avia, die eines Abends Viggo Mortensen in den Schatten stellte.

          Sie stand barfuß auf der Bühne, schwang eine Machete, rollte die Augen und rezitierte Verse über wilde Hunde und Sex. Sie war eine Südseekönigin - sinnlich, gewaltig, selbstironisch. Für mich war es literarische Liebe auf den ersten Blick, als ich Tusiata Avia bei einer Lesung in Wellington erlebte. Dagegen verblasste der dichtende „Herr der Ringe“-Schauspieler Viggo Mortensen, der als Star des Abends geladen war.

          Tusiata Avia ist Samoanerin, aber im properen Christchurch aufgewachsen, wo sie sich als „brown girl“ unerwünscht fühlte. Unter Lyrik-Papst Bill Manhire fand Tusiata Avia an der Victoria University ihre Stimme. Eine, die vor prallem Leben strotzt: Transen in den Nachtclubs von Apia, prügelnde Tanten, schwangere Teenager. Avia blickt hinter die Stereotypen, die der Westen für die Südsee parat hat. Kein Hula-Leben unter Kokospalmen vermitteln ihre Texte, sondern die Zerrissenheit einer Jugend zwischen christlicher Tradition und dem Leben in Immigrantenghettos.

          Auckland ist die größte polynesische Stadt der Welt: Über 200.000 Einwohner der Metropole und sechs Prozent aller Neuseeländer stammen von den pazifischen Inseln, von Tonga über Samoa bis Fidschi. Viele erlebten anfangs offene Diskriminierung. Berüchtigt waren vor zwanzig Jahren die dawn raids, die Aufstöberungskommandos der Polizei gegen die sogenannten illegalen overstayer. Trotzig nannte sich eine erfolgreiche Band „Dawn Raid“, wie überhaupt das Selbstbewusstsein der ehemaligen Insulaner zusammen mit ihrer Präsenz im Sport wuchs: Auf ihre binationalen Rugby-Stars wie Tana Umaga sind Samoa wie Neuseeland gleichermaßen stolz.

          Heute ist Neuseelands Kulturszene ohne pazifische Künstler nicht mehr vorstellbar. Auf dem Kunstmarkt sind John Pule und Sofia Tekela-Smith gefeierte Stars. Genauso wie der schlitzohrige Komiker und Drehbuchautor Oscar Kightley. Er gehörte zur Klamauktruppe der „Naked Samoans“ und erschuf mit der genialen Zeichentrickserie „bro’Town“ die neuseeländische Antwort auf die „Simpsons“: ein Fernseh-Hit über fünf polynesische Teenager, dem sogar die ehemalige Premierministern ihre Sprecherstimme lieh. Ich bin sicher, irgendwo in der Serie gibt es genau so ein Mädchen, wie Tusiata Avia eines war.

          Anke Richter ist Journalistin in Neuseeland und Autorin von „Was scheren mich die Schafe“.

          Quelle: F.A.Z.

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