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Veröffentlicht: 13.10.2012, 07:41 Uhr

Kolumne zur Buchmesse Lektüre im Radio

Welche Rundfunkanstalt lässt in ihrem Hauptprogramm jeden Vormittag aus einem aktuellen Buch vorlesen? Nicht nur das gedruckte Wort steht bei Radio New Zealand hoch im Kurs. Auch das gezwitscherte.

von Anke Richter
© AFP Seit bald vierzig Jahren trillert er vor den Morgennachrichten im Radio: der neuseeländische Kakapo

Der Fernsehsender, der mich begeistert, ist „Maori TV“: Erst acht Jahre alt, innovativ, bilingual und voll guter Dokumentationen.

Aber lieber höre ich Radio. Das bewährt sich im dünn besiedelten Neuseeland nicht nur in Katastrophenzeiten. Der staatliche Sender „Radio New Zealand“ ist wichtigster nichtkommerzieller Nachrichtenumschlagplatz des Landes und eine Institution. Ich schätze ihn besonders, weil er Schriftstellern die größte Medien-Plattform bietet, die man sich wünschen kann.

Es gibt sicher nicht viele Rundfunkanstalten auf der Welt, die in ihrem Hauptprogramm jeden Vormittag eine Viertelstunde lang aus einem aktuellen Buch vorlesen lassen. Dazu Buchkritiken, Autoreninterviews, Literatur am Wochenende und Geschichten für Kinder. Alle namhaften neuseeländischen Gegenwartsautoren, von Lloyd Jones bis Elizabeth Knox, tauchten im Programm auf. Aber auch unbekannte, die so die Chance auf einen Durchbruch erhalten.

Akustisches Nationalheiligtum

Zwei RNZ-Interviewerinnen haben Äther-Geschichte geschrieben: Elizabeth Alley schaffte es, die äußerst menschenscheue Janet Frame zu ihrem ersten Radiogespräch zu überreden. Eine lebende Legende ist auch die scharfzüngige Kim Hill. Ihr 40-minütiger Interviews am Samstagmorgen sind bei Verlagen begehrt, selbst wenn es hart zur Sache geht - so geschehen bei Monica Lewinsky, die bereits im ersten Satz nach ihrem Verhältnis zu Bill Clinton gefragt wurde. Das Schlucken am anderen Ende der Leitung war hörbar.

E. Annie Proulx war in Neuseeland noch unbekannt, als Kim Hill sie so gekonnt in ihrer Sendung befragte, dass „Schiffsmeldungen“ zum Bestseller wurde. Ich selber saß einmal eine halbe Stunde lang im Auto vor meinem Haus, um den Autor Gregory Roberts bis zum Ende zu hören. Nicht nur das gedruckte Wort steht bei Radio New Zealand hoch im Kurs. Auch das gezwitscherte. Vor den Morgennachrichten trällert und tiriliert es seit 1974 aus dem Radio. Egal, ob Syrien brennt - erst einmal ist der Tui-Vogel oder Kakapo dran. Vor alle Schrecken dieser Welt hat RNZ den bird call gesetzt - in freier Wildbahn aufgezeichnet und immens beruhigend. Als er vor ein paar Jahren abgeschafft werden sollte, kam es fast zu Aufständen. Das akustische Nationalheiligtum durfte bleiben.

Quelle: F.A.Z.

 

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