12.10.2001 · Ein Segment der 53. Frankfurter Buchmesse widmet sich dem literarischen Mord. "Frankfurt in Crime" betrachtet Kriminalromane.
Von Peter ThomasDer Markt für Kriminalliteratur ist kaum weniger spannend als die Bücher selbst. Da wurde vor Jahren der klassische angelsächsische Detektivroman totgesagt, der gerade eine Renaissance feiert. Der Regional-Krimi spürt derweil den Eigenheiten deutscher Provinzen nach.
Aus verschiedenen Perspektiven betrachtet die Veranstaltungsreihe „Frankfurt in Crime“ auf der Frankfurter Buchmesse den Kriminalroman: Länder stellen sich mit ihren Krimi-Autoren vor, das Genre wird unter semiotischen Vorzeichen unter die Lupe genommen und selbst die Brücke zwischen Jazz und Detektivarbeit wird vorgeschlagen.
Deutschland, Krimiland
Diese Vielfalt spiegelt die Marktsituation wider: „Deutschland ist das Land, das das größte Bedürfnis nach Kriminalliteratur hat“ sagte vor der Buchmesse Jürgen Alberts, der Vorsitzende der Kriminalautoren-Vereinigung „Syndikat“.
Vor allem bei den Regionalkrimis, die Mord und Aufklärung in Eifeldörfern oder im hohen Norden der Republik spielen lassen, hätten deutsche Autoren hierzuland die Nase vorn. Insgesamt dominierten aber weiterhin angelsächsische Autoren den deutschen Kriminmarkt.
Kriminelle Renaissance
„Der Kriminalroman ist aus der Schmuddelecke herausgetreten und hoffähig geworden“ heißt es stolz in der Ankündigung zu „Frankfurt in Crime“. Die Bedeutung gerade der britischen „mystery novel“ in ihrer goldenen Zeit scheint in diesem Satz vergessen. Denn von 1920 bis nach dem Zweiten Weltkrieg stand der Detektivroman gerade nicht in der Schmuddelecke, sondern war anerkannter Lesestoff von Englands Mittel- und Oberschicht.
Die Autoren dieses „Golden Age“ der Detektivromane werden seit einigen Jahren wieder aufgewertet. Anfang der 90er Jahre verschwanden noch ganze Krimi-Reihen vom Markt. Am schmerzlichsten traf die Leser wohl Penguins Abschied von seinen grünen Krimi-Taschenbüchern. Doch längst gibt es wieder komplette Ausgaben: erst im vergangenen Jahr begann der 1999 gegründete Verlag „House of Stratus“ damit, die Romane von Michael Innes als aufwändig gestaltete Taschenbücher nachzudrucken. Selbstbewusst hat sich Stratus das Ziel gesetzt, in den kommenden Jahren eines der umfangreichsten Angebote klassischer Detektivliteratur zu schaffen. Michael Innes Detektiv, Sir John Appleby, wird es danken.
Tödliche Blütenlese
Auch in Deutschland erscheint Innes wieder - in DuMont's Kriminal-Bibliothek, herausgegeben von dem Kölner Literaturwissenschaftler Volker Neuhaus. Dieser hat die Detektivromane seines britischen Kollegen, der in Oxford lehrte, ins Programm genommen. Gerade ist der hundertste Band der Reihe erschienen, in der Klassiker des Genres und neue Talente veröffentlich werden.
Für die Kriminal-Bibliothek entdeckte Neuhaus auch Charlotte MacLeod, deren Neuengland-Krimis zum Markenzeichen der Reihe wurden. Die alten Familien der Bostoner Oberschicht geben sich darin adliger als jeder heutige Lord in England. Geizige Snobs mit betagten Rolls-Royce-Limousinen, historischen Ferienhäusern auf dem Cape Cod und ellenlangen Stammbäumen sind die Folie, vor der MacLeod ihre Romane spielen lässt - im steten intertextuellen Spiel mit den Klassikern der Gattung.
Die 1922 geborene Autorin setzt die klassische Spielart des angelsächsischen Detektivromans mit Erfolg als modernes Stilmittel ein. Wenn Detektiv Max Bitterson mit seiner Frau Sarah loszieht, um Kunstdiebstähle und Morde aufzuklären, stellt ihn seine Schöpferin in eine erlauchte Tradition: Der promovierte Kunsthistoriker erinnert an Protagonisten klassischer Autoren, allen voran Dorothy L. Sayers kriminalistischer Lord Peter Death Bredon Wimsey.
Parodie und Pastiche
Noch enger lehnen sich jene Autoren an ihre Vorbilder an, die Pastiche und Parodie zum wichtigsten Stilmittel ihrer Bücher machen. Der Bezug auf die literarischen Vorbilder Edgar Allen Poe (Auguste Dupin) und Arthur Conan Doyle (Sherlock Holmes) gehört zwar zwangsläufig zum Charakter aller Detektivromane, die Motive und Stoffe der Klassiker immer wieder variieren. Gerade das Sherlock-Holmes-Pastiche erlebt zur Zeit eine Hochzeit.
In den Romanen von Laurie R. King heiratet gar der Übervater aller literarischen Detektive persönlich: Die amerikanische Autorin stellt Sherlock (der jünger ist als bei Doyle beschrieben) die intelligente junge Wissenschaftlerin Mary Russell zur Seite. Im zweiten Band gesteht sich das ungleiche Paar seine Liebe ein - wie Lord Peter und Harriet Vane in Dorothy Sayers „Gaudy Night“.
Auch die Romane der britischen Schriftstellerin sind jetzt fortgesetzt worden: Jill Paton Walsh hat die Notizen von Sayers Romanfragment „Thrones, Dominations“ 1999 zu einem neuen Buch um den adligen Detektiv ergänzt. Im Gegensatz zu Kings charmantem Spiel, den knöchernen Meisterdetektiv mit einer unkonventionellen Partnerin zu konfrontieren, klebt „Thrones, Dominations“ zu eng an seiner Vorlage, ohne dabei die Qualität von Sayers Stil und Einfallsreichtum zu erlangen.