04.10.2004 · Die Buchmesse wird eröffnet, aber wie geht man da hin? Jeder lesende Mensch muß dort den Widerspruch der wachsenden Geistlosigkeit mitten im Kern des Geistigen auszuhalten lernen.
Von Eberhard RathgebDer Geist ist erotisch. Ständig ist er auf der Suche nach Beziehungen. In zugeknöpften Ausnahmefällen stellt er sich quer und elitär an, was zwar auch seine Wirkung hat. Doch ohne die Meute fehlt dem Geist die Masse, über die er sich gerne erhebt.
Deswegen gehen auch Politiker lieber auf die Buchmesse, wo die Frauen lächeln und lesen, als auf die Automesse, wo die Frauen lächeln und nichts zu sagen haben. Vor noch dreißig Jahren wußte jeder: Ein Besuch der Buchmesse ist eine politische Aktion. Ein Verlagsprogramm war vor allem eine Gesinnungserklärung. Heute weiß jeder: Ein Besuch der Buchmesse ist eine betriebliche Reaktion. Ein Verlagsprogramm ist vor allem eine Erfolgsabsichtserklärung. Früher traf man auf der Buchmesse Kombattanten der Kritik. Heute trifft man dort Kollegen der Krise.
Schlechtes Essen und schlechte Luft
Ging man in den Jahren der Rollkragenpullover auf die Buchmesse, zündete man sich eine Zigarette nach der anderen an und dachte an Demonstration und Befreiung. Heute kommt man auf die Buchmesse und ringt sofort mit dem Gedanken, sich demonstrativ von dem Buchmessenzwang zu befreien. Früher schaute man ernst und authentisch drein, und man kämpfte auch auf der Buchmesse gegen die allgemeinen Arbeitsbedingungen, die jeden krank machten. Heute schaut man freundlich drein und wird dann schon in den ersten Tagen wegen der furchtbar schlechten Luft oder des schrecklich schlechten Essens in diesen unheiligen Hallen entweder für Tage krank, oder man gerät in die größte Depression, weil man einfach dem sich hier einstellenden Druck, mit allen über alles reden zu müssen, ohne vorheriges regelmäßiges Gesprächstraining nicht gewachsen ist.
Früher besprach man immerhin den Kapitalismus und die Seele. Wer aber heute nicht mit allen, die hier herumschauen, gehen und grüßen, über irgendwie alles, was wenig oder nichts ist, redet, der steht bald allein vor der schwarzen Einsicht der Kapitulation: Man kennt ja schlichtweg keinen einzigen Menschen auf der Buchmesse. Was ungefähr so schlimm ist wie die Einsicht: Man kennt ja keinen einzigen Menschen auf der Welt weit und breit.
Zurück in die Bergwerke der Schwermut
Früher durchrieselte einen wenigstens das Solidaritätsgefühl mit der einen Welt. In dem Fall der schwarzen Einsicht wird man von der Erkenntnis der eigenen Unerheblichkeit unter all den erheblich wichtigeren Menschen, die in den Ständen auf den Bänken zusammenhocken, sich die Hände auf die Unterarme legen und miteinander herzlich lachen können, in die Bergwerke der Schwermut zurückgeschickt. Von dort wieder hervorzukriechen und einen zweiten Versuch der Teilhabe am Leben unter den elektrisierten Buchmessemenschen zu machen - das wäre übermenschlich.
Die Buchmesse ist vor allem ein Stammestreffen. Jedes Jahr finden sich um dieselbe Zeit nahezu dieselben Personen in immer denselben Funktionen und immer denselben Moden der Branche für eine Woche zusammen, während sie unermüdlich die neuen und eben nicht mehr die alten neuen Bücher als die allerbesten hochloben. Das zerrt an den Nerven. Früher halfen die Klassiker der Moderne wie Adorno und Enzensberger. Heute winken die Klassiker der Meute wie das Moppel-Ich und Leon de Winter. Jeder lesende Mensch auf der Buchmesse muß diesen Widerspruch der wachsenden Geistlosigkeit mitten im Kern des Geistigen auszuhalten lernen. Früher lebte man auch auf der Buchmesse im Widerspruch mit dem System. Heute überlebt man die Buchmesse nur als ein unwahrscheinliches Leben im Selbstwiderspruch. Der eilige tägliche Umtrunk gegen Hallentorschluß gehört deswegen zum Belebungsritual des Betriebs. Der Sekt ist der dünne Leim des zersprengten Selbst.
Das gesprochene Wort hat einen besonderen Status
Wer nicht zum Dienstpersonal der Verlage zählt, die hier am Stand ihre Stunden schieben müssen, der schaut als Dichter, Kritiker oder gewaschener Prominenter immer wieder gerne auf der Messe vorbei. Er genießt im schlimmsten Falle der Eitelkeit den beschwingten Gang durch die Gänge als Probe auf den Grad seiner Bekanntheit in der Branche. Er muß dabei sprechen, er kann dabei auch lachen. In den Hallen der Bücher hat das gesprochene Wort einen besonderen Status. Im kleinen Zirkel derer, die auch auf der Messe mitten in ihrem Herzen die Fahne der Dichtung hochhalten, macht auf jeden Fall Punkte, wer eloquent und witzig ist. Der schlagfertige noble Geist nimmt mit diesem Mittel der Grenzziehung gerne den Wettkampf auf mit den zahlungskräftigen Schaumschlägern der Konzerne. So stehen geschmackvolles und geschmackloses Geld einander gegenüber und zeigen sich freundlich die Zähne.
Auch die zeitliche Not der Kommunikationssituation, in der dann die Gesprächspartner, kaum sind sie mit einigen Worten ineinander verstrickt, einander über die Schulter schauen, um einen neuen, noch nicht begrüßten Bekannten mit dem Blick festzuhalten und heranzuziehen, zwingt zum Esprit als dem Beweis der Zahlungsfähigkeit unter den Intellektuellen und den kleineren Dienern des Geistes. Diese freundschaftlichen Waffengänge dauern in den meisten Fällen nur wenige Minuten, halten aber mitunter über ein Jahr bis zum nächsten Gespräch im Gedränge. Klatsch und Klamotte sind dabei rasch ausgeschüttelt und aufgefangen, Lob und Tadel rasch verteilt.
Ferne Länder im Abseits
Als man noch Transparente trug, ging man für den Internationalismus auch während der Buchmesse auf die Straße. Heute marschiert man nicht einmal mehr in die Hallen der fernen Länder. Abgesehen von den traditionellen Verlagen aus Frankreich, Italien, den Vereinigten Staaten und England, unseretwegen auch Spanien und Holland und einigen anderen, steht der Rest der bücherproduzierenden Welt im Abseits der kulturellen Ungleichzeitigkeiten. Dorthin geht keiner, dort kennt man keinen. In den fremden engen kahlen Kojen werden die Besucher aus dem Westen ja auch nicht sofort bewirtet. Der Länderschwerpunkt räumt den Isolierten eine letzte Chance ein, auf sich aufmerksam zu machen und aufzuschließen an den Geschäftsgang der Bücher.
Das Ende vom Lied ist: Schon nach dem ersten Tag und dem ersten Abend, wenn die Freundschaften gepflegt und die Bekanntschaften intensiviert worden sind, beginnt sich in den Gliedern des Personals, das nach dem zusammen verlärmten Tag sich leider nicht mehr allein in die sinnverlorene Stille der Nacht und in die Ruhe des Hotelzimmers wagt, die Müdigkeit auszubreiten. Vielleicht ist darunter auch ein Anflug von der Vergeblichkeit des ganzes Aufwandes rund um das gute Buch, das doch nur wenige lesen. Wer sich diesem Gefühl nicht überantworten, sondern es verscheuchen möchte, der hilft sich und den anderen über die Runden, wenn er weiter nach vorne in die Kontaktfreudigkeit prescht. Auf diese Weise kommt es zu der kräftezehrenden Beschleunigung in der Schaukel der Anregungen und Ablenkungen, die den ganzen Betrieb letztendlich bei Laune hält. Man nennt das heute die menschliche Seite der Buchbranche.