Wie sieht es im Kopf eines Menschen aus, der eine multiple Persönlichkeit besitzt? Wo herkömmliche Literatur nicht mehr weiterkommt, bietet Digitalliteratur ungeahnte Möglichkeiten. Die labyrinthische Struktur eines Denkens, das von vier Personen bewohnt wird, kann in den vielen verschiedenen Ebenen, doppelten Böden und verschlungenen Pfaden des digitalen Textes ungleich eindrücklicher vermittelt werden.
Dieser Aufgabe stellte sich Stefan Maskiewicz, der erste Gewinner des Literaturpreises „Literatur.digital 2001“, den der Deutsche Taschenbuch Verlag gemeinsam mit T-Online zum vierzigjährigen Verlagsjubiläum nun auf der Buchmesse verliehen hat. Seit Beginn der Auslobung am 5. April waren in vier Monaten über 150 Beiträge eingegangen.
Beispiele für Potential der Digitalen Literatur
Das Ausloten des umfangreichen Potentials, das Digitale Literatur besitzt, führte zu erstaunlichen Ergebnissen: Die Knittelverse des zweiten Gewinners Julius Raabe beispielsweise, die sich hinter einem scheinbar statischen Bild von George Grosz, dem „Brillantenschieber im Kaiserhof“, verbergen und beim Anklicken eine künstlerische Landschaft atmosphärisch mit Literatur aufladen. Oder die fiktive Homepage der Internetzeitung „International Metamorposis Observer“ auf deren Benutzeroberfläche sich der Leser Text um Text an die rätselhaften katastrophalen Ereignisse im August 2028 annähern kann. Ein Stück Literatur des Frankfurter Autors Andreas-Louis Seyerlein, das wie so viele Messeneuheiten durch die Anschläge des 11. September eine beklemmende Aktualität gewonnen hat.
Die Ansprüche, die die Jury an die Beiträge gestellt hat, wurden, so Laudator und Jurymitglied Dr. Roberto Simanowski (www.dichtung-digital.de) gerade in Bezug auf Innovation, anspruchsvolle Ästhetik und formale Durchdringung, überraschend oft eingelöst. Wer sich selbst ein Bild der gekürten Beiträge machen will, kann dies unter www.dtv.de und www.t-online.de/literaturpreis tun, wo auch die Gewinner des Publikumspreises zu begutachten sind. Um Leser für diese neue Form der Literatur zu gewinnen, hat das alte Medium Buch jedoch noch nicht vollends ausgedient. Im Frühjahr erscheint bei dtv eine Einführung in die Digitale Literatur - mit CD-Rom als Beilage.