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Buchmesse: Comics Die Sonntagszeitung stand Pate

11.10.2001 ·  Die Frankfurter Buchmesse widmet wieder dem Comic einen Schwerpunkt. FAZ.NET erzählt die Geschichte der Neunten Kunst.

Von Peter Thomas
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Manchmal scheint es, als hätten die Mangas den ganzen Comic-Markt besetzt. Dem ist nicht so. Zwar verkaufen sich in Europa derzeit keine Comics so gut wie die japanischen. Aber auch das europäische Comic ist im Kommen. Die 53. Frankfurter Buchmesse widmet dem Comic einen Schwerpunkt.

Zunächst zu den aktuellen Tendenzen: Junge Autoren setzen derzeit Akzente mit Comics, die Experiment und Tradition kombinieren. Wo über Jahre schmerzliche Lücken klafften, polstern die großen Verlage ihre Backlist wieder auf. Gleichzeitig werden europäische Klassiker wie die italienischen "Fumetti Neri" derzeit neu entdeckt. Und die kleinen Editionen führen stärker als zuvor klassische Serien weiter, die bei den Verlagsgiganten aus dem Programm genommen wurden. Noch im Jahr 2000 suchten einige Marktstrategen fieberhaft ein Angebot, das sie ihren Käufern nach dem Abflauen des Manga-Fiebers machen sollten. Aber die Angst vor der Stagnation des Marktes ist erst einmal passé. Das Medium stellte auf der Basis seiner Klassiker einmal mehr seine Innovationskraft unter Beweis.

Eine kurze Geschichte der Neunten Kunst

Wann begann das Zeitalter des Comics? Für manche stellt schon die Bildgeschichte auf der römischen Trajans-Säule das erste Comic dar. Im engen Sinn schlug die Geburtstunde der Neunten Kunst 1896 (den Audruck „Neunte Kunst“ sollte der Belgier Maurice de la Bévère, Zeichner von "Lucky Luke", prägen). Im Oktober jenes Jahres erschien Richard F. Outcaults Cartoon "Yellow Kid", den er seit 1895 für Joseph Pulitzers "New York Sunday World" zeichnete (dessen dank revolutionärer Drucktechnik gelb gefärbtes Nachthemd gab der "Yellow Press" ihren Namen). Damit war das Zeitalter der Sprechblasen eingeläutet.

Das Medium entwickelte sich in beeindruckendem Tempo weiter. Dazu trug die Offenheit des Comic gegenüber Motiven, Stoffen und formalen Prinzipien aus Literatur, Film und Kunst maßgeblich bei.

An der Wiege stand die Sonntagszeitung

Gerade in seinen ersten elf Jahren war das Comic ein sprühendes Labor für das grafische Erzählen. Denn bevor die täglichen, in schwarzweiß gehaltenen Comic-Strips ab 1907 aufkamen, dominierte die bunte Sonntagsseite.

Hier begannen 1905 die traumwandlerischen Jugendstil-Abenteuer von "Little Nemo". Windsor McCay schuf die Figur eines kleinen Jungen, der im Traum das Fantasieland des König Morpheus bereist. Die detailverliebten Bildern mit ihren Anklängen an den Jugendstil trugen die Kunst ins Comic. Noch stärker war die Wechselwirkung zwischen zeitgenössischer Kunst und dem Comic in Lyonel Feiningers Serie "Kin-der-Kids" feststellbar.

Zu den großen Wegbereitern der grafischen Kunst auf den Sonntagsseiten gehörte George Herrimans "Krazy Kat". Für die Serie, die werktags als Streifen und Sonntags als farbige Seite erschien, schuf Herriman das surreale Coconino County. Zu den Fans von "Krazy Kat" gehörte Picasso. Gertrude Stein versorgte ihn regelmäßig mit den neuesten Heften Herrimans.

Comic-Nation Belgien

Eine stilistische Innovation kam Ende der 20-er Jahre aus Belgien. Dort führte der Zeichner Georges Remi unter dem Pseudonym Hergé mit seiner Serie "Tim und Struppi" nicht nur das Prinzip des epischen Erzählens in das Comic ein. Er begründete auch den Stil der "ligne claire" - schattenlose, realistische Hintergründe und vereinfachte Figuren.

Ein anderer Belgier, André Franquin, der 1946 die Serie "Spirou und Fantasio" von Jijé übernahm, wurde mit Schöpfungen wie dem Marsupilami und dem Büro-Boten Gaston berühmt. In seinem Umkreis entwickelte sich die "ecole Marcinelle", die stilbildend für die francobelgischen Semi-Funnies wurde. Auch der französische Klassiker "Astérix" von René Goscinny und Albert Uderzo ist diesem Genre verpflichtet. Franquins melancholische Comic-Satiren „Pensées Noirs“ (Schwarze Gedanken) zeigen allerdings, dass der Knollennasen-Stil nicht notwendig mit dem Stil-Mix aus Abenteuer und Humor zusammenhängt.

Amerika - Reich der Superhelden

Den amerikanischen Comic-Markt revolutionierten 1938 zwei Teenager: Jerry Siegel und Joe Shuster, die Erfinder von „Superman“. Das Comic verband pubertäre Allmachts-Phantasien mit dem Motiv des edlen Helden. Der mythische Muskelmann vom Planeten Krypton wurde zur Lichtgestalt einer neuen Gattung, der "comic books", und zum Vorbild zahlloser Superhelden.

Zu seinen Nachfolgern zählte Bob Kanes "Bat-Man“. Der dunkle Rächer, nahm in sich Motive klassischer Melancholiedarstellungen auf - in Bild und Handlung: Die düsteren Seiten der Weltliteratur spiegeln sich in den besseren Folgen dieser Serie ebenso wie Dürers Kupferstiche. Den vielleicht eindrucksvollsten Batman aller Zeit schuf Frank Miller 1986 mit seinem apokalyptischen Comic-Roman "Die Rückkehr des Dunklen Ritters".

Die anspruchsvollen Comics des Art Spiegelman

Hatten die Superhelden das Comic zum heroischen Mythos stilisiert, so arbeiteten die Zeichner der "Underground Comics" an dieser strahlenden Welt. Pionier des anarchischen Stils war der Amerikaner Robert Crumb ("Fritz the Cat", "Mr. Natural"), dessen Zeitschrift "Zap" 1976 zum ersten in San Francisco Mal erschien.

Die "Comix" etablierten Sex, Drogenkonsum und Gewalt als Thema und machten einen unregelmäßigen, freien Strich der Schwarzweiß-Zeichnungen zu ihrem Stilmittel. Die amerikanische Comic-Szene war so kreativ wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Ein Höhepunkt dieser Entwicklung war Art Spiegelmans Magazin "Raw". Spiegelman stammt aus New York. Seine Eltern hatten das Konzentrationslager Auschwitz überlebt. In dem Comic „Maus“, das ihn schlagartig bekannt machte und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, schilderte Spiegelman die Geschichte seiner Eltern. Er befasste sich darin auch mit den Identitätsproblemen der jüdischen Nachkriegsgeneration in Amerika. Die Geschichte erschien in zwei Bänden 1986 und 1992. Seit 1980 gab Spiegelman mit seiner Frau Francoise Mouly das Heft „Raw“ heraus. Darin bot er Zeichnern aus aller Welt ein Forum und wurde damit zum Mentor einer ganzen Generation.

1995 gab Spiegelman noch einmal einen Anstoß, als er 69 ganz unterschiedliche Zeichner eine Geschichte fortspinnen ließ. Das Ergebnis war in dem Band "Narrative Corpse" zu besichtigen.

Auch Europa war nicht untätig

In Europa erlebte das Comic in den siebziger Jahren eine ästhetische Revolution. Die Figuren der „Arzach“-Geschichten von Jean Giraud alias Moebius waren mit weichem Strich gezeichnet. Durch Schraffuren, wie man sie von alten Kupferstichen kennt, gab Giraud ihnen eine Plastizität, die man so aus dem Comic kaum kannte. Mit „Blueberry" schuf er eine der wichtigsten Western-Serien, mit „John Difool" und „Arzach" erwies er sich als Meister des psychedelischen Humors.

Seit den 90er Jahren sorgt der Franzose Lewis Trondheim mit seinen skurrilen Geschichten um den antropomorphen Hasen "Lapinot" („Herr Hase“) für Aufsehen. In der Geschichte wechseln von Band zu Band Epoche und Handlungsort. Gemeinsam mit einem anderen Franzosen Joann Sfar gestaltet Trondheim schräge Erlebnisse rund um die mittelalterlicher Burg „Donjon“. Zusammen mit dem spanischen Zeichner José Luis Munuera gestaltet er die Serie "Merlin" - eine rotzfreche Satire auf den Mythos der Artus-Sage.

Ein Überblick der Geschichte des Comics muss fragmentarisch bleiben, so vielfältig ist die Comic-Landschaft. Walt Disney zum Beispiel ist ein eigenes Phänomen. Er war weniger ein Zeichner, als ein grandioser Visionär und Unternehmer.

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