11.10.2001 · Zwischen Produktpiraterie und Zensur: Verlegen in der arabischen Welt.
Von Holger ChristmannSelten stand die arabische Welt so unter westlicher Beobachtung wie jetzt. Der Westen ist dabei hin- und hergerissen zwischen der Erkenntnis, dass zur Toleranz auch gehört, Wertmaßstäbe zu akzeptieren, die nicht die eigenen sind, und der Schwierigkeit, dafür die Verletzung von Grundrechten auszuhalten, die wir für selbstverständlich halten. Ein Beispiel ist die Zensur.
Sie ist in allen arabischen Staaten verbreitet, auch in den liberaleren Staaten wie Marokko und Tunesien. Das bestätigten die drei arabischen Verleger, die am Mittwoch auf der Buchmesse über das Thema diskutierten.
Keine Repressionen mehr in Marokko
Haissam Fadel, Marketing-Beauftragter des Arabischen Kulturzentrums in Casablanca, das auch in den Palästinensischen Autonomiegebieten vertreten ist, betonte zwar, dass in den sieben Jahren, in denen er im Verlagsgeschäft arbeite, sein Verlag nie Repressionen erlitten habe. Der Amtsantritt von König Mohammed VI. 1999 habe weitere Erleichterungen gebracht. Selbst die Unabhängigkeitsbewegung in der von Marokko annektierten Westsahara, Polisario, könne ihre Schriften veröffentlichen. Die ebenfalls aus Marokko stammende Verlegerin Layla B. Chaouni erinnerte jedoch daran, dass es vor kurzem durchaus noch Interventionen gab und Autoren ihrer Bücher wegen ins Gefängnis wanderten. Sie warnte vor verfrühtem Optimismus.
Probleme mit Tunesien
Sorgen macht ihr die Entwicklung in Tunesien, das als das westlichste Land des Maghrebs gilt. Dreiviertel aller Bücher, die ihr - auf Philosophie und Sozialwissenschaften spezialisierter - Verlag in das Nachbarland ausführen wolle, kämen zurück. Und immer mehr tunesische Autoren versuchten, ihre Bücher in Marokko zu veröffentlichen. Als demütigend für Autoren und Verleger bezeichnet sie die Tatsache, dass diese in Tunesien neue Manuskripte zur Gemehmigung vorlegen müssten.
Aus den palästinensischen Autonomiegebieten berichtete der beim Goethe-Institut in Ramallah tätige Mohammed Abu-Zaid, dass dort anfänglich die Zensur vor der israelische Besatzungsmacht ausgegangen sei. „Die Menschen hatten sich danach gesehnt, Bücher aus Beirut zu lesen. Es war nicht möglich“, sagt Abu-Zaid. Heute sei die Zensur aber auch ein innerarabisches Problem. Gerade die Palästinenser, aber nicht nur sie, fühlten sich als besiegtes Volk und träumten von territorialer Befreiung. Darüber vernachlässigten sie die „Befreiung von Ideen“.
1001 Nacht blasphemisch?
Aber können sich die liberalen Kräfte derzeit durchsetzen? Skeptisch machten die Hinweise des Übersetzers Hartmut Fähndrich, wonach in Ägypten mittlerweile auch klassische arabische Werke auf dem Index stünden - sogar die „Geschichten aus 1001 Nacht“ würden kritisiert.
Abu-Zaid hingegen vertrat die These, dass sich erst die Lebensumstände der Menschen verbessern müssten, dann würde auch mehr Meinungsfreiheit einkehren. Für Länder am Mittelmeer wie den Libanon oder die Palästinenser-Gebiete mag das zutreffen. Saudi-Arabien oder auch Malaysia zeigen, dass Wohlstand in der islamischen Welt nicht automatisch zu mehr Liberalität führt.
Produktpiraterie ist Alltag
Im zweiten Teil der Diskussion ging es um das Problem der Produktpiraterie. Verleger in der arabischen Welt haben keinerlei Handhabe, Raubkopien zu verhindern. Sie können ihre Rechte, wenn überhaupt, nur im eigenen Land durchsetzen. Das führt dazu, dass die Buchmärkte von Raubkopien aus Nachbarländern überschwemmt werden. So kursiert manchmal ein und dasselbe Buch in einer Vielzahl von Übersetzungen.
Arabische Verleger haben viele Probleme. Die Zensur ist nur eines.