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Literatur im Fernsehen : Guckt doch eh keiner!

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Intellekt versöhnt sich mit Unterhaltung: Oprah Winfrey wirbt im amerikanischen Fernsehen für Jonathan Franzen Bild: (c) 2010 Harpo Productions, Inc.

Literatursendungen kommen im deutschen Fernsehen nur auf kümmerliche Quoten. Das Problem ist, dass niemand so richtig weiß, wie man Literatur und Fernsehen einander näherbringen soll.

          Diesmal hat Jonathan Franzen klein beigegeben. Eigenhändig hat er seinen Roman „Freiheit“ Oprah Winfrey geschickt. 2001, bei den „Korrekturen“, hatte Franzen noch befürchtet, ein Oprah-Empfehlungsaufkleber auf dem Cover würde anspruchsvolle, zumal männliche, Leser vergraulen und seinem literarischen Anspruch nicht gerecht werden. Daraufhin hieß es, der Intellektuelle Franzen erhebe sich in typischer Ostküsten-Manier über den kleinen Mann und verkenne in ganz unamerikanischer Weise die Gesetze des Marktes.

          In Deutschland wäre so etwas undenkbar. Nicht nur, weil deutsche Autoren ein konträres Verständnis von intellektueller Freiheit haben und marktunabhängiges Schreiben für ein Qualitätsmerkmal halten. Sondern auch, weil bei uns kaum jemand Literatursendungen im Fernsehen schaut. Dreizehn reine Büchersendungen gibt es im deutschen Fernsehen, hinzu kommen mehr als ein halbes Dutzend Kultursendungen, die ebenfalls regelmäßig über Literatur berichten. Während Oprah Winfrey in den Vereinigten Staaten wöchentlich 6,6 Millionen Menschen verfolgen, weltweit sogar 21 Millionen, dümpeln deutsche Literatursendungen bei marginalen Zuschauerzahlen und Einschaltquoten von maximal 4,5 Prozent.

          „Die Vorleser“ mit Ijoma Mangold und Amelie Fried kommen auf durchschnittlich 540 000 Zuschauer bei einer Quote um die drei Prozent. Nicht einmal Elke Heidenreich konnte mit „Lesen!“ in ihren Spitzenzeiten mehr als 900.000 Zuschauer bannen. Sogar das „Literarische Quartett“, das bis heute als erfolgreichste Literatursendung im deutschen Fernsehen gilt, hatte letztlich eine kümmerliche Quote von 2,1 bis 3,4 Prozent. Und damals konnten die Zuschauer noch nicht auf Dutzende Privatsender ausweichen. Denn natürlich haben die miesen Zahlen auch mit der publikumsverachtenden Haltung von Programmchefs zu tun, die Talk-, Koch- und Unterhaltungsshows in der Hauptsendezeit platzieren und Kultursendungen in mitternächtliche Randzonen drängen.

          Die ZDF-Büchersendung „Die Vorleser” mit Amelie Fried und Ijoma Mangold zwängt die Bücher in ein enges Zeitkorsett

          Kein Medium für Literatur

          Doch das eigentliche Problem liegt woanders. In vielen Redaktionen herrscht Ratlosigkeit, wie man so grundverschiedenen Medien wie Literatur und Fernsehen am besten zusammenbringt. Welches Konzept könnte formal und inhaltlich Programmmacher, Zuschauer und Branchenkenner gleichermaßen überzeugen? Gesprächsrunden oder Magazin-Beiträge? Verrisse oder Empfehlungen? Lesungen oder Homestorys?

          Wenig zuträglich ist der Diskussion die nostalgische Erinnerung an die Zeiten, als das „Literarische Quartett“ noch den Diskurs in der Kulturszene bestimmte und Reich-Ranicki Bestseller machte, indem er Autoren entweder über die Maßen lobte (Javier Marías/Ulla Hahn) oder in Grund und Boden stampfte (Grass). In der heutigen Fernsehlandschaft wäre eine Neuauflage des „Literarischen Quartetts“ wohl allein schon wegen der bereits damals fabelhaften Länge von 75 Minuten schwierig. Außerdem kommen Belehrungen oder akademisch angehauchte Diskussionen in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen eher mäßig an. Da haben es handfeste Leseempfehlungen von Sympathieträgern wie Elke Heidenreich oder Christine Westermann schon leichter. Da jault wiederum der bildungsbürgerliche Kulturpessimist auf: Das Fernsehen ist eben zu oberflächlich, zu wenig kritisch, zu unterschichtsbezogen für Literatur.

          Dabei haben sich deutsche Fernsehmacher manches einfallen lassen, um das Gegenteil zu beweisen: In der Hamburger Speicherstadt spielen ein ernstzunehmender Kritiker und eine gestandene Fernsehfrau sechsmal im Jahr „Pat und Patterchen der Literaturkritik“. In der ARD setzt sich ein sonst seriöser Moderator im Anzug zum Interview-Partner in den See. Interviews werden mit Ballhaus-Effekt, Magazin-Beiträge mit Dogma-Ästhetik aufgewertet. Im MDR präsentiert die Verfasserin von „Moppel-Ich“ Neuerscheinungen aus der Ratgeber-Ecke. Und in der SWR-Sendung „Literatur im Foyer“ kam es kürzlich sogar zum gemeinsamen Absingen von Grönemeyer-Liedern.

          Eines jedoch steht fest: Ein Remake von „Oprah’s Bookclub“, in der die Moderatorin das Buch ihrer Wahl in 9Live-Pose in die Kamera hält und zum kollektiven Download aufs Kindle aufruft, wird es in Deutschland nicht geben. So verzweifelt sind wir hier dann doch noch nicht.

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