http://www.faz.net/-gsp-6kvv6

Handschrift : Schreibt das erst mal sauber ab!

  • -Aktualisiert am

Geht doch nichts über ein klassisches Schreibgerät - mit allen seinen Macken Bild: Dieter Rüchel

E-Book und iPad gelten als die Zukunft des Lesens. Aber das bedeutet nicht zwangsläufig das Ende der Handschrift. Prominente Verfechter der Bleistiftkultur berichten, warum sie im E-Book-Zeitalter analog schreiben.

          Als sich das diesjährige Team dieser Buchmesse-Zeitung erstmals traf, geschah Bezeichnendes. Die Kontaktliste ging herum, man notierte Nummern und Namen, bis die schöne Seminarroutine stockte: Marc Degens saß da, iPad auf dem Schoß, Smartphone in der Hand und hatte einfach keinen Stift dabei. Man half ihm aus, lachte kurz und dachte etwas wie „moderne Zeiten“, denn eines schien in diesen Spätsommertagen ohnehin endlich klar geworden: Die Zeiten der Handschrift sind endgültig vorbei. In der F.A.S. hatte es ganzseitig gestanden, in der SZ kurz darauf auch: Schulkinder sollen keine gebundene Schreibschrift mehr lernen, höchstens noch Schwundstufen von ihr. Veraltet sei das, Druckschrift angesagt. Was mitschwang, war freilich, dass das Schreiben mit der Hand im digitalen Zeitalter ohnehin zur Nischentechnik geworden ist.

          Auf der Buchmesse, der weltgrößten Ansammlung schreibender Menschen, lohnt es sich zu fragen, wie es um die Handarbeit des Schreibens bestellt ist: Gibt es noch Auraverfechter unter den Autoren, letzte Verteidiger des Stifts und jener „papierenen Herrlichkeit“, die Wilhelm Dilthey einmal pries? Oder tippt wirklich jeder noch nicht ganz vergreiste Schriftsteller seine Zeilen so gedankenschnell ins fahle Licht des MacBook Pro, wie Helene Hegemann gerade erst in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Spex“ schwärmte?

          „Ein Großteil meiner Bücher ist im Freien entstanden“

          Tatsächlich finden sich auch in den Generationen diesseits von Günter Grass und Martin Walser noch überzeugte Handschreiber. Die engbeschriebenen Blätter von Martin Mosebach sind bereits im Marbacher Literaturarchiv zu besichtigen – dort, wo andere mit ihrem Vorlass noch hinwollen: „Ich schreibe auch mit der Hand, weil ich es als Rentenvorsorge sehe“, sagt etwa Clemens Berger, junger österreichischer Autor und momentan Stipendiat im LCB am Wannsee. Im Turmzimmer der Literatenvilla stapeln sich seine Notizbücher, -hefte und losen Blätter. Berger, der im Frühjahr seinen ersten und vielgelobten Roman „Das Streichelinstitut“ bei Wallstein veröffentlichte, ist Jahrgang 1978 und also durchaus mit Tastaturen aufgewachsen. Doch die ersten Versionen seiner Texte schreibt er stets mit Hand: „Weil ich das Haptische brauche, den Stift auf dem Papier, weil ich mit der Hand schneller und ununterbrochener schreibe, weil ich mit der Hand, einem Stift und einem Heft überall schreiben kann.“

          Im Turmzimmer von Wannseevillen gibt es keine iPads: So schreibt Clemens Berger
          Im Turmzimmer von Wannseevillen gibt es keine iPads: So schreibt Clemens Berger : Bild: Clemens Berger

          Bis das iPad da mithalten kann, muss die Evolution Geschwindigkeit und Treffsicherheit bei der Bedienung von Touchscreentastaturen wohl noch verbessern. Und auch beim Understatement hinkt die Elektronik hinterher: „Ein Großteil meiner Bücher ist im Freien entstanden“, sagt Berger, „in Parks, an Seen, in Schwimmbädern, unter der Sonne, aber auch im Kaffeehaus, wenn die Wohnungen zu eng waren – und da will ich nicht mit einem Laptop sitzen, seht her, ich bin Schriftsteller.“

          Ringblöcke und Notizhefte

          Wie für Durs Grünbein und Daniel Kehlmann führt auch für Lutz Seiler der Weg zu seinen Gedichten und Erzählungen ein System aus verschiedenen entwickelt: In verschiedene Ringblöcke und Notizhefte schreibt er Regiebemerkungen und Konzeptgedanken, andere enthalten Sammlungen von Wortfeldern. Das Schreiben mit Hand und Bleistift macht ihm die Entstehung seiner Texte übersichtlich und nachvollziehbar: „Ich brauche dieses Tableau der ersten Niederschrift, um alle Schreibbewegungen des Anfangs noch beisammen zu haben. Ich kann so besser sehen, wie sich alles entwickelt hat und leichter auf ursprüngliche Intentionen zurückkommen.“

          Auf den Computer überträgt er seine Texte erst spät und wenn sie bereits klare Formen angenommen haben: „Der Bleistift ist mir näher, es ist, als behaupte die Fassung aus dem Drucker bereits eine gewisse Autorität, sie möchte gern schon etwas sein und sperrt sich auf diese Weise gegen größere Eingriffe, während die handschriftliche Fassung vollkommen offen und befreundet bleibt und zugänglich für Änderungen jeder Art.“

          Die Sprache wird dadurch konzentrierter

          Auch Doron Rabinovici, Shortlistkandidat des diesjährigen Buchpreises, ist von den unterschiedlichen poetologischen Einflüssen der Schreibmedien überzeugt und nutzt beide sehr bewusst: „Früher schrieb ich mit der Hand, und zuweilen kehre ich zu dieser Methode zurück, wenn ich an einer Wendung feile. Ich formuliere mit dem Stift gesetzter. Die Sprache wird dadurch konzentrierter, kann aber auch zu konstruiert geraten. Vor dem Bildschirm werde ich assoziativer. Der Stil wirkt oft flüssiger, schlanker und moderner, darf aber nicht ins Seichte abgleiten.“

          Romantische Auraschwärmerei kann man keinem der handschreibenden Autoren vorwerfen. Rabinovici entschied sich schließlich für den Laptop, um das Werkzeug der Gegenwart zu verwenden: „Ich möchte Texte im Zeitalter elektronischer Reproduzierbarkeit verfassen.“ Schade ist das vor allem für Ulrich Raulff, Direktor des Marbacher Literaturarchivs: Er muss schon lange lernen, auf feine, ausstellbare Handschriften mit Federkiel zu verzichten, doch nimmt er den Verlust mit Humor: „Ich sage den Autoren immer, bevor wir euren Vorlass übernehmen und dafür am Ende sogar noch Geld bezahlen, schreibt ihr das, bitte, erst einmal sauber mit der Hand ab.“

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Die Besserleser

          Sachbuchbestenliste : Die Besserleser

          Im Juni tauchte auf der Sachbuch-Bestenliste ein Buch vom rechten Rand auf. Der Aufschrei war groß, das Verfahren wurde geändert. Doch das eigentliche Problem der Bestenliste ist ein anderes.

          Grenzschutz mit dem Rosenkranz Video-Seite öffnen

          Islamophobie in Polen : Grenzschutz mit dem Rosenkranz

          Zehntausende polnische Katholiken haben am Samstag an den Außengrenzen des Landes Menschenketten gebildet und Gott um die „Rettung Polens und der Welt“ gebeten. Die Gläubigen folgten einem Aufruf der Stiftung Solo Dios Basta. Gegner sprachen von einer „islamophoben Aktion“.

          „Ich bin der Versager“ Video-Seite öffnen

          Berühmte Söhne und Väter : „Ich bin der Versager“

          Claus und Anias Peymann, Wolfgang und David Hoffmann, Trystan und Conrad Pütter: Jacke wie Hose ist nichts in der Beziehung von Vater und Sohn. Bei unseren Foto-Aufnahmen erkennt man das schon an der persönlichen Kleiderwahl.

          Topmeldungen

          Monokulturen und der Einsatz von Agrarchemikalien stehen im Verdacht als Auslöser des Insektenschwunds.

          75 Prozent weniger Insekten : „Wir befinden uns mitten in einem Albtraum“

          Das Insektensterben lässt sich nicht mehr abstreiten. Der oft kritisierte Krefelder Entomologen-Verein hat jetzt in einer Langzeitstudie gezeigt: Die Populationen sind seit der Wende um drei Viertel geschrumpft. Welchen Anteil hat die Landwirtschaft, welchen das Klima?
          Abgang: Stanislaw Tillich am Mittwoch

          Tillichs Rücktritt : Sächsischer Befreiungsschlag

          Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich tut jetzt das, was während seiner Regentschaft viele bitter vermisst haben: Er handelt konsequent. Die Luft um ihn war schon lange vor seinem Rücktritt dünn geworden.
          Sondierungsgespräche von Union und Grünen: Angela Merkel mit Peter Altmaier, Katrin Göring-Eckhardt und Cem Özdemir am Mittwoch in Berlin.

          Union und Grüne : „Es gab keine Verspannungen“

          Die erste Runde der Jamaika-Gespräche ist beendet. Zwischen Union und Grünen gibt es vor allem in der Flüchtlingspolitik Differenzen. Die Parteien zeigen sich dennoch weitgehend zuversichtlich.
          Andrea Nahles und Thomas Oppermann, kurz nachdem sie zu seiner Nachfolgerin gewählt wurde. Oppermann schielt jetzt auf das Amt des Bundestags-Vizepräsidenten – nur ist er da nicht der einzige.

          Neuer Bundestag : Das Postengeschiebe hat begonnen

          Die Nominierung des Kandidaten für die Bundestags-Vizepräsidentschaft bereitet der SPD einige Schwierigkeiten. Währenddessen hält die FDP für den Posten ihrer Partei eine Überraschung bereit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.