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Handschrift : Schreibt das erst mal sauber ab!

  • -Aktualisiert am

Geht doch nichts über ein klassisches Schreibgerät - mit allen seinen Macken Bild: Dieter Rüchel

E-Book und iPad gelten als die Zukunft des Lesens. Aber das bedeutet nicht zwangsläufig das Ende der Handschrift. Prominente Verfechter der Bleistiftkultur berichten, warum sie im E-Book-Zeitalter analog schreiben.

          Als sich das diesjährige Team dieser Buchmesse-Zeitung erstmals traf, geschah Bezeichnendes. Die Kontaktliste ging herum, man notierte Nummern und Namen, bis die schöne Seminarroutine stockte: Marc Degens saß da, iPad auf dem Schoß, Smartphone in der Hand und hatte einfach keinen Stift dabei. Man half ihm aus, lachte kurz und dachte etwas wie „moderne Zeiten“, denn eines schien in diesen Spätsommertagen ohnehin endlich klar geworden: Die Zeiten der Handschrift sind endgültig vorbei. In der F.A.S. hatte es ganzseitig gestanden, in der SZ kurz darauf auch: Schulkinder sollen keine gebundene Schreibschrift mehr lernen, höchstens noch Schwundstufen von ihr. Veraltet sei das, Druckschrift angesagt. Was mitschwang, war freilich, dass das Schreiben mit der Hand im digitalen Zeitalter ohnehin zur Nischentechnik geworden ist.

          Auf der Buchmesse, der weltgrößten Ansammlung schreibender Menschen, lohnt es sich zu fragen, wie es um die Handarbeit des Schreibens bestellt ist: Gibt es noch Auraverfechter unter den Autoren, letzte Verteidiger des Stifts und jener „papierenen Herrlichkeit“, die Wilhelm Dilthey einmal pries? Oder tippt wirklich jeder noch nicht ganz vergreiste Schriftsteller seine Zeilen so gedankenschnell ins fahle Licht des MacBook Pro, wie Helene Hegemann gerade erst in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Spex“ schwärmte?

          „Ein Großteil meiner Bücher ist im Freien entstanden“

          Tatsächlich finden sich auch in den Generationen diesseits von Günter Grass und Martin Walser noch überzeugte Handschreiber. Die engbeschriebenen Blätter von Martin Mosebach sind bereits im Marbacher Literaturarchiv zu besichtigen – dort, wo andere mit ihrem Vorlass noch hinwollen: „Ich schreibe auch mit der Hand, weil ich es als Rentenvorsorge sehe“, sagt etwa Clemens Berger, junger österreichischer Autor und momentan Stipendiat im LCB am Wannsee. Im Turmzimmer der Literatenvilla stapeln sich seine Notizbücher, -hefte und losen Blätter. Berger, der im Frühjahr seinen ersten und vielgelobten Roman „Das Streichelinstitut“ bei Wallstein veröffentlichte, ist Jahrgang 1978 und also durchaus mit Tastaturen aufgewachsen. Doch die ersten Versionen seiner Texte schreibt er stets mit Hand: „Weil ich das Haptische brauche, den Stift auf dem Papier, weil ich mit der Hand schneller und ununterbrochener schreibe, weil ich mit der Hand, einem Stift und einem Heft überall schreiben kann.“

          Im Turmzimmer von Wannseevillen gibt es keine iPads: So schreibt Clemens Berger
          Im Turmzimmer von Wannseevillen gibt es keine iPads: So schreibt Clemens Berger : Bild: Clemens Berger

          Bis das iPad da mithalten kann, muss die Evolution Geschwindigkeit und Treffsicherheit bei der Bedienung von Touchscreentastaturen wohl noch verbessern. Und auch beim Understatement hinkt die Elektronik hinterher: „Ein Großteil meiner Bücher ist im Freien entstanden“, sagt Berger, „in Parks, an Seen, in Schwimmbädern, unter der Sonne, aber auch im Kaffeehaus, wenn die Wohnungen zu eng waren – und da will ich nicht mit einem Laptop sitzen, seht her, ich bin Schriftsteller.“

          Ringblöcke und Notizhefte

          Wie für Durs Grünbein und Daniel Kehlmann führt auch für Lutz Seiler der Weg zu seinen Gedichten und Erzählungen ein System aus verschiedenen entwickelt: In verschiedene Ringblöcke und Notizhefte schreibt er Regiebemerkungen und Konzeptgedanken, andere enthalten Sammlungen von Wortfeldern. Das Schreiben mit Hand und Bleistift macht ihm die Entstehung seiner Texte übersichtlich und nachvollziehbar: „Ich brauche dieses Tableau der ersten Niederschrift, um alle Schreibbewegungen des Anfangs noch beisammen zu haben. Ich kann so besser sehen, wie sich alles entwickelt hat und leichter auf ursprüngliche Intentionen zurückkommen.“

          Auf den Computer überträgt er seine Texte erst spät und wenn sie bereits klare Formen angenommen haben: „Der Bleistift ist mir näher, es ist, als behaupte die Fassung aus dem Drucker bereits eine gewisse Autorität, sie möchte gern schon etwas sein und sperrt sich auf diese Weise gegen größere Eingriffe, während die handschriftliche Fassung vollkommen offen und befreundet bleibt und zugänglich für Änderungen jeder Art.“

          Die Sprache wird dadurch konzentrierter

          Auch Doron Rabinovici, Shortlistkandidat des diesjährigen Buchpreises, ist von den unterschiedlichen poetologischen Einflüssen der Schreibmedien überzeugt und nutzt beide sehr bewusst: „Früher schrieb ich mit der Hand, und zuweilen kehre ich zu dieser Methode zurück, wenn ich an einer Wendung feile. Ich formuliere mit dem Stift gesetzter. Die Sprache wird dadurch konzentrierter, kann aber auch zu konstruiert geraten. Vor dem Bildschirm werde ich assoziativer. Der Stil wirkt oft flüssiger, schlanker und moderner, darf aber nicht ins Seichte abgleiten.“

          Romantische Auraschwärmerei kann man keinem der handschreibenden Autoren vorwerfen. Rabinovici entschied sich schließlich für den Laptop, um das Werkzeug der Gegenwart zu verwenden: „Ich möchte Texte im Zeitalter elektronischer Reproduzierbarkeit verfassen.“ Schade ist das vor allem für Ulrich Raulff, Direktor des Marbacher Literaturarchivs: Er muss schon lange lernen, auf feine, ausstellbare Handschriften mit Federkiel zu verzichten, doch nimmt er den Verlust mit Humor: „Ich sage den Autoren immer, bevor wir euren Vorlass übernehmen und dafür am Ende sogar noch Geld bezahlen, schreibt ihr das, bitte, erst einmal sauber mit der Hand ab.“

          Quelle: F.A.Z.

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