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Roger Willemsen: Die Enden der Welt : Weg mit dem Ich

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Bild: Verlag

Google-Earth-Impressionismus: Roger Willemsen bereist mit riskanter Agenda „Die Enden der Welt“ und träumt vom Selbstverlust.

          Wer die Reiserouten der Gemeinplätze durch unseren Sprachgebrauch nachzeichnen wollte, müsste auch diesen Topos verfolgen: dass Erfahrung immer etwas mit Fahren und Weiterkommen zu tun hat. Die Etymologie, die vorzugsweise Autokonzerne zu Werbeslogans inspiriert („Kompetenz erfahren!“), wurde auch von Roger Willemsen bemüht: In einer Vorlesung an der Berliner Humboldt-Universität sprach er von der Fortbewegung und wie sie uns seit jeher mit dem Wissenserwerb verbunden erscheint.

          Das Referat handelte von der Phänomenologie des Reisens und musste demnach als flankierende Maßnahme zur Buchpublikation aufgefasst werden. Und schon stand eine Drohung im Raum: Der 542 Seiten starke Expeditionsbericht „Die Enden der Welt“ würde womöglich eine weitgespannte Entdeckungstournee des medienerprobten Kulturträgers sein, eine Tour de force der Aus- und Einsichten, an deren Ende das erreicht wäre, was Susan Sontag einmal hämisch einen angewandten Hegelianismus nannte: „sich selbst im andern zu finden“.

          Umso überraschender, dass sich hier kein dialektischer Narzissmus in Szene setzt, sondern ein Autor mit einer wirklich riskanten Agenda reist: Statt neue Erkenntnisse über die Welttopographie einzusammeln, fährt dieser Erzähler der Auslöschung entgegen. Das Ziel heißt Ich-Verlust, nicht Selbstbestätigung, und deshalb ist das Werk als Fahrtenbuch annähernd unbrauchbar, als Roman aber fulminant.

          Kulturelle Kuriositäten und soziale Bizarrerien

          Fünf Erdteile hat der Autor bereist, 22 Stationen absolviert, der Parcours versammelt so ziemlich jede entlegene Weltgegend, in der sich ein Literat als Forscher und Abenteurer bewähren kann. Es geht von Gibraltar nach Island, von Minsk nach Patagonien, Timbuktu und Bombay stehen auf dem Programm, Kamtschatka und Mandalay. Überall spürt der Erzähler anthropologische Extreme auf, kulturelle Kuriositäten, soziale Bizarrerien. In Indien lässt er sich von Eunuchen segnen, im Kongo gerät er in die Mühlen kafkaesker Behörden, in Katmandu hat er ein Tête-à-tête mit Geistern und Scheintoten.

          Aber als touristisches Panorama taugen diese Texte ebenso wenig wie ein Armutsbericht der UN oder eine Doktorarbeit zum Thema ethnische Diversität. Sie sind, in ihrer literarischen Dichte, viel eher Tableaus des Fremden, wie es sich eine verzweifelte Phantasie ausmalt. Verzweifelt? Die Stimme dieser Prosa kann man nicht anders nennen: Sie drängt, hastet, wühlt sich in überwältigender Beschreibungsintensität ins Andere. Willemsen hat von einem „Rausch der Genauigkeit“ gesprochen, und genau dies ist das Verfahren: ein Verdichtungsfuror, der sich die Textur des Unbekannten erschließen will, als gelte es, der fremden Wirklichkeit Stoffproben zu entnehmen und einem zu Hause ans Bett Gefesselten zurückzubringen.

          Der Tod rahmt den Kosmos

          Es gibt diesen Kranken tatsächlich, er erscheint gleich im ersten Kapitel: Da trifft der Autor einen tumorkranken Jungen im Hospital. „Mir ist langweilig“, sagt das Kind, und in diesen Hohlraum der Tristesse drängt die Erzählung. So beginnt das Buch bereits am Ende einer Welt, dort, wo eine Lebensreise abbricht. An diesen Ort wird die Imagination in der letzten Erzählung zurückkehren, auf dem Umweg über die Eiswüsten der Polarregion, in deren blendender Weiße sich die Decke des Krankenzimmers spiegelt. Der Tod rahmt diesen Kosmos, sagt die Dramaturgie, und keine noch so mutige Expansion wird dieser Einsicht je entgehen. Hierin liegt die moralische Integrität, ja die Demut des Buchs. Wenn Reisen nur eine Bewegung zwischen den Hinfälligkeiten ist, dann wird man sich mit Respekt und zugleich Skepsis, spekulativer Distanz und artistischem Eifer dem Unbekannten nähern. Das Eigene in der Dämonisierung des Anderen aufwerten kommt ebenso wenig in Frage wie eine Vanitas-Romantik, die die Welt dort am schönsten erfährt, wo sie am dekadentesten ist.

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