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Guy Deutscher: Im Spiegel der Sprache : Erst Rot, dann Gelb, dann Grün und Blau

Bild: Verlag

Wie wir im Haus der Sprachen wohnen: Guy Deutscher verfolgt den Weg einer berühmten These und gewinnt ihr am Ende noch etwas Überraschendes ab.

          „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“: Ein Satz, der selbst schwer von Bedeutung scheint. Obwohl er, möchte man ihn sich erklären, gleich wie eine Überschreitung der Grenzen wirkt, von denen er zu sprechen vorgibt. Wie immer man aber das Diktum letztlich einschätzt: An die Grenzen bestimmter Sprachen oder Sprachfamilien dürfte der junge Wittgenstein nicht gedacht haben, als er ihn gegen Ende des Ersten Weltkriegs in seinen berüchtigten „Logisch-philosophischen Abhandlung“ einfügte. Eher an „die“ Sprache, welche immer ich spreche. Wenn schon Metaphysik, dann eben richtig.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Doch nur kurze Zeit später schickten sich Linguisten in den Vereinigten Staaten an, mit den Grenzen der Sprache als Grenzziehungen für das Denken wissenschaftlich Ernst zu machen. Der linguistische Vergleich sollte zeigen, dass unterschiedlich aufgebaute Sprachen verschieden gedachte Welten für deren Sprecher hervorbringen müssen. Zumindest dann, wenn wirklich sehr unterschiedliche Sprachen ins Spiel kommen. Etwa im Vergleich von Sprachen der indoeuropäischen Familie zu den Sprachen amerikanischer Indianer, von deren Aufbau und Eigenarten man sich gerade erst staunend Rechenschaft gab. Was immer man bis dahin noch an Universalien, die schlichtweg für alle Sprachen gültig sein sollten, gerettet zu haben glaubte – die Sprachen der Navajo und Nootka und Hopi und vieler anderer ließen davon nichts übrig. Von den vertrauten Formen und Verkettungen der Nomina, Verben, Prädikate und anderer grammatischer Entitäten keine Spur, statt dessen denkbar exotisch anmutende Elemente und Konstruktionen, die nur einen Schluss nahezulegen schienen: dass die Gegenstände, Begebnisse und Handlungen in der Welt dieser Sprecher grundsätzlich verschieden sind von den uns geläufigen, dass ihre Welt und ihr Denken also anders strukturiert sein müssen.

          Sprachabhängigkeit des Denkens

          Auf etwas vorsichtigere Weise hatte das Wilhelm von Humboldt bereits über hundert Jahre zuvor anklingen lassen, als er in Rom seine Schlüsse aus den Aufzeichnungen jesuitischer Missionare über süd- und mittelamerikanische Sprachen zog. Dass das Denken „nicht bloß abhängig von der Sprache überhaupt sei“, so lautete seine Diagnose, „sondern bis auf einen gewissen Grad auch von jeder einzelnen bestimmten“. Und er hatte dabei auch keine einschränkenden Grenzen im Sinn als vielmehr eine recht unbestimmt bleibende „innere Kraft“, mit welcher die Sprache ihre Sprecher zur Formulierung von Ideen „anfuert und begeistert“. Edward Sapir und sein Schüler Benjamin Whorf gingen aber ungleich entschiedener und selbstbewusster vor – und die nach ihnen benannte These von der Sprachabhängigkeit des Denkens und seines Weltzugangs griff in der intellektuellen Welt rasch um sich.

          Wenn man im neuen Buch des Linguisten Guy Deutscher auf die Sapir-Whorf-These stößt, hat man bereits die Hälfte eines überaus anregenden Parcours absolviert, der durch die Geschichte des Nachdenkens über das Verhältnis von sprachlicher Organisation und Weltzugang führt. Wobei im ersten Teil die sinnliche Wahrnehmung der Welt im Vordergrund steht. Deutscher nimmt den Faden bei William Gladstone auf, der 1858 im dritten Band seiner ausladenden „Studies on Homer and the Homeric Age“ ein Kapitel über die „Wahrnehmung und den Gebrauch der Farbe bei Homer“ untergebracht hatte. Gladstone war aufgefallen, dass Homer sich auf verschiedene Farben mit ein und demselben Wort bezieht, für einen Gegenstand verschiedene Farbworte verwendet und überdies einen sehr reduzierten Farbwortschatz aufweist, in dem Schwarz und Weiß deutlich überwiegen, Rot immerhin vorkommt und auch korrekt verwendet wird, in dem hingegen das Blau des Himmels nicht zu finden ist.

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