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Andreas Maier: Das Zimmer : Dieser Oldtimer fährt mit Navi

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Bild: Verlag

Die Wetterau als Wille und Vorstellung: Andreas Maiers neuer Heimatroman ist eine zarte Annäherung an die paradiesische Sprache vor allen Worten.

          Der Rausch der grenzenlosen Virtualität ist verflogen, und manch ein Visionär unendlicher Möglichkeiten steht nun als Bußprediger auf dem globalen Dorfplatz. Indessen hat die Literatur längst einen neuen Ortssinn entwickelt, eine Aufmerksamkeit für den realen Raum als das, was da ist und da bleibt und doch in seiner Sichtbarkeit immer in Frage steht. Von Herta Müller bis Jonathan Franzen zeigt Literatur als andere Art Heimatkunde, dass sich die Entwicklung der menschlichen Wahrnehmung am konkreten Ort abspielt.

          Schon in seinem Erstling „Wäldchestag“ (2000) hat sich Andreas Maier als brillanter Chronist einer heimatlichen Dingwelt gezeigt. „Bullau. Versuch über die Natur“ (2008), den er mit der Theologin Christine Büchner verfasst hat, ist eine Poetik der Sicht- und Hörbarkeit der Welt und eine Lektion in Lebenskunst. Der Leser erfährt darin so erstaunliche Dinge wie, dass der Fink Fink heißt, weil er fink macht, selbst wenn er gerade nicht fink macht.

          Ein Raum feiner Nuancen

          Der Versuch und die gesammelten Kolumnen „Onkel J.: Heimatkunde“ (2010) erscheinen wie Präludien zur erinnernden Rekonstruktion einer Familiengeschichte, in dem die Wetterau in den Rang einer bedeutenden literarischen Topographie rückt. Die erste Folge „Das Zimmer“ liest sich daher wie eine Landkarte der Erinnerung, auf der „die universalste Welt, die man sich denken kann“, verzeichnet ist. „Selbst Rom und alle anderen Städte, in denen ich gelebt habe, sind heute Bestandteil der Welt, die die Wetterau ist.“

          Sie stellt sich in Maiers erzählerischer Technik als ein Raum feiner Nuancen dar, die indes nur wahrnimmt, wer sehen gelernt hat. „Wie immer hat man kurz hinter Bad Vilbel, wenn es über Dortelweil geht, das Gefühl, alles sei plötzlich ein bisschen heller und der Himmel eine Spur blauer. Das ist das Wetterauer Blau, plötzlich ist es da und empfängt einen (das können aber nur die Wetterauer sehen, ich glaube, man braucht Jahre, bis man es erkennen kann – ich bin da aufgewachsen).“ Manchmal sehen alle Wetterauer sogar dasselbe Wort vor sich, als stünde es am Himmel: Ortsumgehung.

          Der blinde Fleck im Gesichtsfeld der dargestellten Welt ist das Zimmer von Onkel J., dem übelriechenden Idioten, das der Erzähler nie betreten hat, eine Dunkelkammer seines Bewusstseins, aber eben deshalb der imaginäre Raum, in dem der Roman geschrieben wird, der „Anfang, aus dem sich alles ableitet“. Der Onkel ist der unfreiwillige Hanswurst der menschlichen Komödie, die sich daraus entwickelt. Er möchte gern dazugehören und alles so machen wie die anderen, besonders wie die Jäger, deren Nähe er im Forsthaus Winterstein sucht, wichtige Sachen will er tun und fachmännische Gespräche führen, aber er begreift nichts, und alle machen mit ihm, was sie wollen.

          Der Einzige in der Familie, der Vögel erkennen kann

          Dem Erzähler aber erscheint der Sozialhilfeempfänger und Bordellkunde mit seinem Faible für die Bergfilme Luis Trenkers, dessen VW Variant nicht zufällig in Nazibraun lackiert ist, als ein Mensch ohne Schuld. „Eine Figur am Ausgang aus dem Paradies, noch mit einem Bein darin.“ So wie die Wetterau die Welt ist, verweist der Anfang der Erzählung zurück auf den Ursprung der Menschheitsgeschichte. Am sonderbaren Onkel erscheint, was auch Maiers Erzählen beseelt: „Begeisterung für Dinge“.

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