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Veröffentlicht: 17.10.2009, 17:33 Uhr

Die Dolmetscher der Messe Im Kopf sind Chinesen anarchisch

„Die Deutschen haben keine Knie, wenn man sie auf die Erde wirft, kommen sie nicht mehr hoch“: Auf der Buchmesse ist deutlich der Wunsch zu spüren, den Ehrengast besser zu verstehen. Wer hilft? Die Dolmetscher und Übersetzer.

von Katharina Teutsch
© Daniel Pilar Stimme im Ohr: Angela Merkel mit dem chinesischen Vizepräsidenten Xi Jinping

Der Dichter Mo Yan, „der Sprachlose“, betritt die Bühne. Eben hat Roland Koch seine Solidarität mit dem tibetischen Volk bekundet und Petra Roth ihre Gesprächsbereitschaft. Man wüsste gerne, was der stellvertretende chinesische Staatspräsident denkt, aber Xi Jinping lässt sich nichts anmerken. Dann tritt Mo Yan ans Rednerpult. Alle, die kein Chinesisch können, lauschen über Kopfhörer der Stimme einer Frau: „Die Deutschen haben keine Knie, wenn man sie auf die Erde wirft, kommen sie nicht mehr hoch.“

Ja, das sollen ein paar ignorante Chinesen einst gedacht haben. Auch, dass die Deutschen mit gespaltenen Zungen reden. „Hätte es damals schon einen wie Goethe mit seinem Konzept von Weltliteratur gegeben, wären die Menschen vielleicht nicht auf solche Ideen gekommen.“ Mo Yan zieht ein Fazit. Gisela Reinhold, seine Dolmetscherin, zieht ein Fazit. Im Saal wird freundlich geraunt. Die Anekdote ist konsensfähig. Gisela Reinhold hat nicht nur übersetzt, sie hat auch „interkulturell moderiert“ mit dem Timbre ihrer Stimme, mit dem Humor, den sie hier und da aufblitzen lässt.

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Artig und unheikel

Das Diplomatenparkett allerdings war heute nicht besonders glatt, die Eröffnungsreden der Buchmesse in diesem Jahr waren artig und unheikel. Da kennt Gisela Reinhold, die seit über zwanzig Jahren im Dolmetschergeschäft tätig ist, vertracktere Situationen. „Wenn ein Chinese sagt: ,Ich werde darüber nachdenken‘, muss man wissen, dass das eigentlich heißt: ,Vergiss es, ich habe keine Lust, darüber nachzudenken.‘“

Dolmetscher auf der Buchmesse - Deutsche und Chinesische Dolmetscher machen die Simultanübersetzung der Eröffnungspressekonferenz für die chinesischen Gäste auf der Frankfurter Buchmesse © Wolfgang Eilmes Vergrößern Übersetzerin Gisela Reinhold

Unermüdlich sorgen Menschen wie sie auf der Buchmesse für Verständigung zwischen Bücherstapeln und Verlagsstationen, auf all den Bühnen und Podien. Nicht nur gestritten wird dort, oft auch kreisen die chinesischen Gastbeiträge, vor allem die offiziellen, um eine leere Mitte. Für Gisela Reinhold ist es die Fähigkeit, Unbequemes rhetorisch so lange zu umzirkeln, bis sich ein undurchdringlicher Kokon um sie gebildet hat. „In der westlichen Kultur ist die Mitte einer Diskussion immer kompakt. In der chinesischen bleibt sie oft aus Prinzip diffus oder leer. Gleichzeitig vergrößert sich der Raum für Interpretationen.“

Das Denken der Chinesen sei assoziativer, sagt Gisela Reinhold. Schon lautlich gibt es ständig Mehrdeutigkeiten. Ein „i“ kann bis zu sechzig Bedeutungen haben. Ein Simultandolmetscher hat es da oft schwer, die richtigen zu finden. „Im Kopf“, sagt Gisela Reinhold, „sind die Chinesen richtige Anarchisten.“

„Kein chinesisches Problem mehr“

Es gibt eine deutlich auszumachende Sehnsucht auf der Messe, China besser zu verstehen. Dabei helfen die unzähligen Gesprächsdolmetscher, die Lizenzverhandlungen, Podien und Konferenzen begleiten. Der Publizist Shi Ming etwa sieht seine Aufgabe in der „vorauseilenden Hintergrundinformationsbeschaffung“. Er moderiert und übersetzt die stets überfüllten Podien des „independent chinese PEN.“. Es gebe heute kein chinesisches Problem mehr, sagt Shi Ming, der in Peking geboren wurde und seit dreiundzwanzig Jahren in Köln lebt, das nicht auch eine internationale Dimension habe. Deshalb möchte er China mit seiner Übersetzertätigkeit „internationalisieren“. So kommt es, dass auf einer gutbesuchten Pressekonferenz nicht nur Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins, gegen die Einverleibung frei flottierender Autorenrechte durch Google wettert, sondern ihm der chinesische Exilautor Zhou Ming mit der Stimme Shi Mings erwidert: „Ich begrüße die Raubkopie und stelle meine Texte allen, die sie lesen wollen, im Internet kostenlos zur Verfügung.“

Mit Raubkopien hat es die Sinologin Karin Betz noch nicht zu tun gehabt. Sie hat „Die Sandelholzstrafe“, Mo Yans letztes Buch, aus dem Chinesischen ins Deutsche übertragen. Es erregte allein durch die Anwesenheit seines Autors bei der diesjährigen Buchmesseneröffnung Aufmerksamkeit. Worin die Schwierigkeit besteht, ein chinesisches Buch zu übersetzen? „Die Erzähltradition ist viel epischer als die europäische“, erklärt Karin Betz. „Es gibt weniger Spannungsbögen und viele Redundanzen. Wichtig ist, dass schöne Schriftzeichen verwendet werden.“ Auch Sprichwörter sind in der chinesischen Literatur ein „Zeichen von hoher literarischer Eloquenz“. So muss Mo Yans Übersetzerin so wie auch ihre dolmetschenden Kollegen kürzen, stutzen und dort, wo es nötig ist, interpretieren. „Der Leser“, sagt Karin Betz, „verzeiht kleinere Chinoiserien.“ Aber sie macht sich keine Illusionen. Zu unterschiedlich sind die Auffassungen von Sprache, von Metaphorik, von Dramaturgie und Essayistik. Bei einer Übersetzung eins zu eins würde wohl jeder deutsche Leser kapitulieren.

„Ich wusste zu Beginn meiner Ausbildung über China kaum mehr als Stäbchen, Mao, Schlitzaugen“, sagt Gisela Reinhold schon wieder auf dem Weg zur nächsten Konferenz. Wir wissen jetzt immerhin, warum chinesische Autoren notorisch dicke Bücher schreiben. Sie werden nach Schriftzeichen bezahlt. So ähnlich wie Journalisten.

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