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Haruki Murakami: Schlaf : Für immer wach

Bild: Verlag

Schlafen kann man, wenn man tot ist: Als Haruki Murakamis Erzählung einsetzt, ist die Ich-Erzählerin schon siebzehn Tage und siebzehn Nächte wach. Seitdem sie keinen Schlaf mehr braucht, führt sie nachts ein zweites, ganz eigenes Leben - mit beunruhigenden Konsequenzen.

          Schlaf sei der kleine Bruder des Todes, heißt es. Was aber ist dann Schlaflosigkeit? Leben in seiner prallsten Form? Ein Geschenk aus Zeit, das ein Leben neben dem Alltag möglich macht, ein zweites, ganz privates Leben? So scheint es zunächst in Haruki Murakamis Erzählung „Schlaf“. Vor siebzehn Tagen, siebzehn Nächten hat die Erzählerin zum letzten Mal geschlafen. Die Tage vergehen in der Normalität ihrer Ehe mit einem Zahnarzt, der darüber nachdenkt, sich ein modernes Gerät zur Zahnsteinentfernung zuzulegen; damit, ihm morgens eine Tasse Kaffee und dem gemeinsamen Sohn eine heiße Milch zu machen, die beiden zu verabschieden, mit täglich denselben Worten: „Sei vorsichtig.“ Woraufhin der Mann sagt, „mach dir keine Sorgen“. Mittags kommt er zum Essen nach Hause, früher, als in die Praxis nur wenige Patienten kamen, hatten sie danach Sex, dann geht die Erzählerin schwimmen. Irgendwann verschwanden die Bücher aus diesem Alltag. Die Erzählerin hat sie nicht vermisst. In der Schlaflosigkeit aber kommt die Lust auf Lektüre wieder, eine besessene Lust auf „Anna Karenina“, und Tolstoi und das Versenken ins Buch bringen auch den Appetit auf Schokolade zurück, und auf Cognac, der wie die Bücher und die Schokolade in ihrem Leben keine Rolle mehr gespielt hatte.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Sie leidet nicht unter dem Verlust des Schlafs, sie ist nicht müde, nicht erschöpft. Im Gegenteil. Zunehmend empfindet sie die Realität als sehr einfach. Hausarbeit, Familie, sie erledigt das, als sei eine Maschine in Gang gesetzt. „Kann man sie einmal bedienen, ist der Rest nur noch Wiederholung.“ Beim Schwimmen fühlt sie sich stärker denn je, vor dem Spiegel entdeckt sie eine Schönheit, die sie vorher nicht gesehen hatte. Nichts lässt sie wanken, die Ereignisse streichen „wie ein lautloser Wind“ an ihr vorbei. Und niemand merkt, dass sie sich verändert hat. Dass sie unentwegt liest. Dass sie nicht schläft. Ist das ein Traum vom Verschwinden? Oder der Tod?

          Ewige Albträume

          Schlafen kann ich, wenn ich tot bin, hat Rainer Werner Fassbinder gesagt. Was aber wäre, wenn der Tod ewige Schlaflosigkeit bedeutete? Wenn der Tod Wachsein ohne Pause wäre, und sich langsam füllte mit dem Personal der Albträume, das bei Tagesanbruch nicht verschwindet, weil Tage und Nächte zäsurlos ineinander übergingen bis in die Ewigkeit? Ist die Erzählung vom Schlaf, dem abwesenden, eine vom Tod? Murakami schreibt eine einfache, rhythmisierte Prosa, deren Ton dringlicher wird, je länger die Schlaflosigkeit der Erzählerin andauert. Und mit der Dringlichkeit kommt ein großes Unbehagen in diesen Text, der dann abrupt endet.

          Kat Menschik hat diese Schauergeschichte in ihrem typischen surrealistischen Comic-Stil dunkelblau-silbrig illustriert, mit Frauenköpfen, auf denen Quallen sitzen, mit Fliegen, größer als Handflächen, solchen Sachen. So wird aus dem Bändchen ein Märchenbuch, voller Schrecken und Faszination.

          Haruki Murakami: „Schlaf“. Aus dem Japanischen von Nora Bierich. Mit Illustrationen von Kat Menschik. Dumont, Köln 2009, geb., 78 S., 14,95 €

          Quelle: F.A.Z.

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