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Friedenspreis für Anselm Kiefer Nacht über Mordor

 ·  Die Geschichte der Deutschen kehrt in den düsteren Bildern von Anselm Kiefer als variantenreiche Topographie des Bösen wieder. Als erster bildender Künstler wurde Kiefer mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete.

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Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wurde in diesem Jahr zum ersten Mal an einen bildenden Künstler verliehen. Die Tradition des Preises, dass der Geehrte eine Rede hält, wird damit aber nicht hinfällig: Anselm Kiefer ist ein Maler, sein Medium das Bild - in der Frankfurter Paulskirche musste er an diesem Sonntag vom Bild ins Wort zurückwechseln. In der Preisbegründung heißt es, dass sich Anselm Kiefer wie kaum ein anderer Künstler „mit Literatur und Poesie auseinandersetzt“. Und tatsächlich spielen Worte, Sätze in Kiefers Gemälden offensichtlich eine tragende Rolle. Seine monumentalen Bilder tragen Titel wie „Dein goldenes Haar Margarethe“, ein Zitat aus Paul Celans Gedicht „Die Todesfuge“; das Zitat ist gleichzeitig quer über die Leinwand geschrieben und damit Teil des Bildes.

Interessant war nicht, wie ein bildender Künstler den Umgang mit dem Wort meistern würde. Die Frage lautete: Wofür erhält ein Künstler, dessen malerische Vorliebe verbrannter Erde, Städten in Flammen, zerstörten Gebäuden und unlesbaren, bleiernen Buchskulpturen gilt, eigentlich den Friedenspreis?

Bilder gegen das Verdrängte

Umso erstaunlicher war, worum es dann in Kiefers Rede ging, eine Überraschung, die wir sehr ernst nehmen sollten. Im Zentrum stand: seine Kindheit. Kiefer, geboren 1945 in Donaueschingen, erzählte von seiner Jugend in der Provinz, ohne Fernseher, Internet oder Computer, ein Größerwerden, das er als Wachsen in einem „leeren Raum“ beschrieb. Über das Radio habe er damals die Rede von Nelly Sachs gehört, die jüdische Schriftstellerin, die 1940 aus Deutschland fliehen musste und 1965 Friedenspreisträgerin war. Zu denken gab ihm als Kind auch der Rhein, der mit der Schneeschmelze anschwoll und bis in den Keller des Elternhauses floss, womit sich die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland, die der Fluss markiert, ins Fundament des eigenen Zuhauses verschob. „Wo verlaufen die Grenzen?“, habe er sich damals gefragt. Eine Kinderfrage ist das nicht wirklich.

Sowohl in Interviews als auch in der gestrigen Rede hat Kiefer behauptet, dass ihn schon als Kind die deutsche Vergangenheit beschäftigt habe, als Jugendlicher mehr und mehr, und dass diesem Interesse nur Schweigen entgegnet wurde. Gegen dieses Verdruckste, Verdrängte habe er mit seinen Bildern angemalt, die das, über das nicht gesprochen werden durfte, übergroß in den Raum holten: die deutsche Geschichte, den Abgrund des Menschen, den Mythos.

Dort, wo das Böse wohnt

Und an diesem Punkt sollten wir nachhaken. Was wir den Bildern ansehen, sind nämlich nicht die Kinderfragen. Es ist: die Kinderantwort, die sie geben. Die deutsche Geschichte kehrt in Kiefers Bildern als variantenreiche Topographie des Bösen wieder, die wir immer leicht erkennen können. Dort, wo das Böse wohnt, ist es rostig und verkohlt, es gibt Asche, Blei, die Blumen lassen die Köpfe hängen, und die Farben sind dunkel. Material, Technik und Farbgebung sind so vorbildlich auf der düsteren Seite, dass es kein Kinderbuchillustrator besser machen könnte.

Und wer will, sollte sich einmal auf das Experiment einlassen, Titel und Schrift im Bild für einen Augenblick zu vergessen und sich zu überlegen, wie die Gemälde sonst noch heißen könnten. Statt „Dein goldenes Haar Margarethe“ könnte der Titel auch lauten: „Hier wohnt die böse Königin“; die „Meistersinger“ könnten wir ebenso gut „Nacht über Mordor“ nennen. Allerdings würden wir dann über Reiche des Bösen sprechen, wie wir sie aus Kinderbüchern kennen, und es nicht als Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte verstehen.

In einer Geisterbahn

Wo Kiefer gelobt wird, hat man daher auch häufig das Gefühl, in eine Geisterbahn eingeladen zu werden und mit einer wirklich verblüffenden Geschwindigkeit an nicht zu überbietenden Großausdrücken wie „Male der Zerrüttung“, „das Unsagbare“, „der Abgrund“, „die Verstörung“ oder „das Ungeheurliche“ vorbeigefahren zu werden. Von Auschwitz geht es direkt zur „conditio humana“, dem Bösen in uns, dem wir uns immer stellen müssen, das immer weiter da ist - auch wenn Auschwitz gerade mal nicht da ist. In der Preisbegründung steht, die Jury ehre mit Anselm Kiefer „einen weltweit anerkannten Künstler, der seine Zeit mit der störenden moralischen Botschaft vom Ruinösen und Vergänglichen konfrontiert“. Selten haben sich „anerkannt“ und „störend“ so friedlich nebeneinander eingefunden. Die deutsche Vergangenheit rückt uns damit etwa so nah wie Narnia oder Mordor.

Man wird einem Kind nicht vorwerfen, dass es sich den Nationalsozialismus als ein Reich des Bösen vorstellt, in dem dunkle Mächte regieren. Wenn sich aber erwachsene Männer vor uns hinstellen und sich noch immer den Nationalsozialismus so ausmalen, wenn sie die Wendung vom „Abgrund des Menschen“ so selbstverständlich wie Liebesgedichte vortragen, wenn sie an einem satten, sonnigen Tag ganz einfach mal die „Sinnlosigkeit unseres Daseins“ ansprechen wollen, wenn sie aus Politik Märchen machen, dann kann man wirklich anfangen, sich zu fürchten.

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