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Niklas Luhmann über die Liebe : Ist die Liebe etwa ein Gefühl?

Nein, ein Gefühl ist sie nicht, die Liebe, sondern eine Gefühlsdeutung, die auf Kommunikation beruht, auf Büchern und Filmen etwa - sagt der Soziologe Niklas Luhmann in einem Buch aus dem Nachlass, das aus heutiger Sicht erstaunlich hellsichtig wirkt.

          Ein soziologischer Systemtheoretiker kommt ins Seminar und kündigt an, über die Liebe sprechen zu wollen. Verwunderung: Ist die Liebe etwa ein System? Nein, sagt der Soziologe, sie ist keines. Erleichterung. „Liebe. Eine Übung“ heißt die Schrift, die er seinem Seminar zugrunde legt. Kann man die Liebe denn üben? Ja, sagt der Soziologe, man kann. Raunen. Aber, setzt er hinzu, hier wird nicht die Liebe, sondern die Soziologie geübt. Ach so.

          Und außerdem, ergänzt er, steht die Vorstellung, die wir uns von der Liebe machen, dem Lernen der Liebe entgegen. Zustimmung: Weil die Liebe ein Gefühl ist. Nein, sagt der Soziologe, sie ist kein Gefühl, jedenfalls versteht man sie nicht, wenn man sie für eines hält. Verblüffung: Aber was ist sie dann? Ein Code, so ähnlich wie Geld oder Macht, sagt der Soziologe. Unruhe. Der Soziologe schreibt an die Tafel: „Liebe ist ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium“. Die ersten Studenten gehen.

          Die Liebe auf der Höhe der Theorie

          So hätte es beginnen können. Es ist das Jahr 1969, Niklas Luhmann hält im Sommersemester eine seiner ersten Lehrveranstaltungen an der Universität Bielefeld. Was er bis dahin publiziert hatte, las sich nicht, als sitze er an einer Soziologie der Liebe: Monographien über den Grundrechtskatalog, die Automation in der Verwaltung, die Logik formaler Organisationen und die Rationalität von Zwecksetzungen, dazu Aufsätze, die eine Gesellschaftslehre auf der Grundlage von Funktionalismus, Kybernetik und Evolutionstheorie versprachen.

          Dreizehn Jahre später erscheint Luhmanns Buch „Liebe als Passion“. Wer es liest, hat den ganzen Luhmann: Das Abstraktionsvermögen der Theorie (Liebe ein Code), ihre Vergleichstechnik (Liebe ähnelt Geld), das gelehrte Interesse an Ideengeschichte (Warum wurden einst fast nur unerreichbare Frauen angeschwärmt? Was ist aus der Galanterie geworden?), die Faszination durch Übertreibungen der Moderne (All You Need Is Love).

          Nicht jedes Gefühl geht als Liebe durch

          „Liebe. Eine Übung“ haben Verlag und Herausgeber das jetzt aus dem Nachlass publizierte Typoskript genannt, das Luhmann 1969 seinem Seminar zugrunde gelegt hatte. Es enthält den argumentativen Kern des Buches ohne dessen kulturhistorische Belege. Man kann es als Einführung in die als schwierig und abgehoben geltende Theorie des Soziologen lesen. Hier erfährt man, dass das Gegenteil der Fall ist.

          Aber von vorn: Warum ist Liebe für den Soziologen kein Gefühl? Weil niemand die Antwort auf die Frage, was sie ist, aus der eigenen Seele oder gar dem Unbewussten erfährt. Man muss die Anteile individueller Emotionen nicht leugnen, um doch zu wissen, dass diese erst durch kulturelle Typisierung zu Liebe und als Liebe erkennbar werden. Nicht jeder Gefühlsausdruck des Angezogenseins geht als Liebe durch. Und umgekehrt muss man einander nicht in Herzen schauen können – wie denn auch? –, um bei bestimmten Mitteilungen annehmen zu dürfen, dass es sich um Liebe handelt.

          Woher wissen Jugendliche, die sich zum ersten Mal verlieben, dass Unruhe, Begierde, Zustimmung und Gedanken, die sie nicht mehr loslassen, als Liebe zu interpretieren sind? Aus dem Gefühl, so das Argument, wissen sie es nicht, sondern aus einer Gefühlsdeutung, die auf Kommunikation beruht, auf Gerede, Büchern, längst auch auf Filmen.

          Das Erleben des anderen integrieren

          Nicht zuletzt ist Jugendlichen aus solchen Richtungen zugetragen worden, dass Verliebtsein eine selber bejahungspflichtige Möglichkeit für sie ist. Das gilt auch noch später: „Setzt nicht die Liebe auf den ersten Blick voraus“, fragt Luhmann, „dass man auch schon vor dem ersten Blick verliebt war?“

          Die gängige Interpretation als Gefühl gibt dennoch einen Hinweis auf die Besonderheit von passionierter Intimität gegenüber anderen Spielarten sozialer Koordination. Liebe motiviert, wie Geld oder Macht, die Festlegungen anderer zu akzeptieren. Aber anders als Geld oder Macht überredet sie nicht in erster Linie zu bestimmten Handlungen (Gegenleistungen, Gehorsam), sondern zu einem sowohl unbestimmten wie ins Einzelne gehenden Erleben. Sie hängt am Anspruch, dass jemand das gesamte Welterleben einer einzigen Person, darunter auch ihre künftigen, noch unbekannten Einstellungen, ins eigene Erleben integrieren können soll – und jene Person das seine in ihres.

          Ein Brockhaus gegen Beziehungskonflikte

          Das ist, wie gesagt, der Anspruch. Seine Erfüllung wird nur selektiv überprüft und kann nur anhand von Indizien überprüft werden. Der Anspruch funktioniert als Unterstellung, solange jedenfalls Liebe unterstellt wird. „Das gesamte Erleben der Partner soll gemeinsames Erleben sein.“ Nicht also, dass man tut, was der andere gerne möchte, ist ausschlaggebend. Wenn sie nicht gern angelt und er nicht gerne liest, gehört es zur Liebe, dass er ihr das Angeln nicht aufdrängt und sie ihm keine Bücher – dass aber er sie in ihrem Lesen und sie ihn in seinem Angeln wiedererkennt. Was die Liebeserwartung verletzt, ist kein „Ich möchte nicht“, sondern ein „Das geht dich nichts an“.

          Die Liebe ist insofern empfindlich gegen divergentes Wahrnehmen der Beteiligten. Luhmann empfiehlt daher, bei Heirat auch gleich einen „Brockhaus“ anzuschaffen, damit Dissens, der durch Nachschlagen ausgeräumt werden könnte, keine Liebesfragen aufwirft. Umgekehrt kann man sagen, dass die Liebe ihre liebsten Themen im Bereich nicht wahrheitsfähigen Erlebens hat, in Urteilen über Dritte, Geschmacks-, Stil- und Moralfragen, Hobbys, Religion und Haushaltsführung.

          Als ernste Seite dieser Beschreibung kennt man das Problem, wenn ein Partner sich aus Sicht des anderen unheilvoll verrannt hat: Verlangt dann Liebe, auch das fatale Erleben zu teilen, die gesamte Weltkonstruktion des Süchtigen, des Verbrechers, Berlusconis? Eine Möglichkeit ist wohl zu sagen: „Das bist gar nicht du“, aber wenn der Satz fortgeschrieben wird zu „Du bist nicht mehr der, den ich geheiratet habe“, ist die Liebe auch oft schon fast zu Ende.

          Nur du allein

          Wie kommt es zur Entwicklung einer so anspruchsvollen, mithin enttäuschungsanfälligen Institution? Für Luhmann gehört sie zur modernen Gesellschaft. Hat diese doch durch Rollentrennung, Mobilität und Karrieren für so viel Individualität gesorgt, dass die Frage aufkommt, woher denn noch, jenseits innerer Monologe, Bestätigungen für das Ich kommen sollen, das alle diese Anstrengungen, befristeten Rollen und Leistungsnachweise begleiten und integrieren muss. Ohne die Erfindung der modernen Liebe, deren „Du, nur du allein“ die Nichtbeteiligung aller Dritten und also ein Leben unabhängig von Fremderwartungen symbolisiert, würden die Leute vermutlich verrückt.

          Und mit ihr? Die frühe Neuzeit hatte unter Aufnahme antiker Motive die Liebe ihrerseits als eine Art Krankheit dargestellt, als willenloses Ergriffensein. Amor: ein Kind. Sein Schuss: sozial unkontrolliert, manchmal ein Zufallstreffer. Der Pfeil: kann nicht herausgezogen werden. „Freiheit wird als Zwang getarnt“ (Luhmann), die moderne Freiheit nämlich, die in der Paarbildung ohne ständische oder elterliche Vorschriften liegt. All You Need Is Love.

          Die Romantik als Falle

          Der Einwand, auch heute werde nach wie vor mehr innerhalb von Schichten geheiratet als über ihre Grenzen hinweg, ist keiner. Denn auch innerhalb der guten Kreise kommen die Betroffenen nicht ums Sichverlieben herum und ihre Eltern nicht um Zurückhaltung bei Dirigierversuchen. „Du bringst mir keinen Hungerleider (Kommunisten, Ausländer, Protestanten, Schauspieler) nach Haus“, das sagt sich nicht mehr so leicht. Die Gesellschaft, notiert Luhmann, kann das Risiko beliebiger Heiraten tragen. Und die Ehen müssen das Risiko tragen, nur kraft Liebe stabil zu sein, ohne Außenhalt in Vermögen, Stand, Moral. Aber weshalb überhaupt Ehe?

          Hier stellt sich die Systemfrage. Luhmann bezeichnet Familien als jene Systeme, in die sexuell fundierte Liebe eingeht. Nicht ohne Spannung: die Romantik kann Familien genauso zerstören wie Kredite die Wirtschaft. Fragen wie die, ob Liebe nicht der Austausch von strategischen Illusionen ist, durch die jeder den anderen sich nach Maßgabe dessen vorstellt, was er selbst zu sein wünscht, sind echt romantisch, untergraben aber das Zusammenleben.

          Liebe und Sex - wer regiert wen?

          Reagierte die Gesellschaft auf die Konflikte zwischen Hochgefühl und Dauer, Projektion und Alltag, Trieb und Idealisierung zunächst mit steigenden Scheidungsraten und anschließender Wiederverheiratung, so hat sie unterdessen auch die Existenz der Singles hervorgebracht. Leidet Luhmanns Studie also nicht daran, aus einer Zeit zu stammen, in der dieser Übergang von Liebe zu stabil-instabiler Ehe noch naheliegend schien? Ist sie nur noch werkbiographisch interessant, aber durch One-Night-Stands und Lebensabschnittspartnerschaften antiquarisch geworden?

          Einst hieß es, die Frauen bekämen nach vorehelichem Geschlechtsverkehr keinen Mann, heute bekommen sie keinen ohne ihn. Doch auch das ist eine Form jener Indienstnahme von Sexualität durch Liebe, der Luhmann ein ganzes Kapitel widmet, wobei er sich aber nicht recht entscheiden kann, ob es sich nicht am Ende doch mehr um eine Indienstnahme der Liebe durch Sexualität handelt. Später wird er für diese Unentscheidbarkeit den Begriff der „symbiotischen Beziehung“ verwenden. Das Unsagbare und Unvergleichliche der Liebe werde durch nichtsprachliche Kommunikation bekräftigt, die Liebe umgekehrt überbrücke die Zeit zwischen der unmittelbaren Zweisamkeit.

          Erhöhte Irrtumswahrscheinlichkeit

          Fast scheint es, als habe sich seit jenem Seminar verwirklicht, was Luhmann in ihm so diagnostizierte: Die Moderne erschwere das Lernen der Liebe, weil ihre Fundierung in Sexualität zur Absonderung zwingt und nur noch hygienischen, physiologischen und massenmedialen Rat übriglässt, bis hinunter zur Pornographie. Das führt fast zwangsläufig zu erhöhter Irrtumswahrscheinlichkeit wie zum Normalwerden vorläufiger Affären, Probeliebschaften unter Vorbehalt und mit Ausstiegschancen schon am Morgen danach, was aber vom Liebesideal her missbilligt wird.

          Von „Erst die Ehe, dann alles andere“ ist man zur Norm „Erst die Liebe, dann der Verkehr“ übergegangen. Inzwischen ist, anders als die letzte Fußnote des Buches noch festhielt, auch der umgekehrte Verlauf nicht mehr desavouiert. Darum könnte die Zeit seit 1969 im Sinne Luhmanns als eine von Lerngewinnen betrachtet werden.

          Niklas Luhmann: „Liebe. Eine Übung“. Hg. von André Kieserling, Suhrkamp-Verlag, 95 Seiten, 9 Euro

          Quelle: F.A.Z.

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