http://www.faz.net/-g7u-10rga

Literatur : Zeitverschiebung: Uwe Tellkamps Dresden

Tellkamps Dresden: Der Weiße Hirsch wird bei ihm zur Nautilusmuschel Bild: Christian Thiel

Wer wissen will, auf welchen Wegen die Wirklichkeit in die Literatur gelangt, muss mit Uwe Tellkamp durch das Dresdner Villenviertel Weißer Hirsch spazieren gehen. Wo er als Kind gespielt hat, spielt nun sein neuer Roman, der hochgelobte „Turm“.

          Ich komme aus Ostrom. Eben noch stand ich auf dem Astronautenweg, und über mir glitt die Kabine der Schwebebahn herab. Kein Mensch ist an diesem grauen Montagmorgen darin zu sehen. Hangaufwärts wird das Gusseisengestänge der Schienenführung immer steiler, die Trägerbögen ergänzen sich zum Skelett eines Urzeittiers. So ist in DDR-Zeiten die Nomenklatura von Dresden zu ihrem Refugium auf der Loschwitzhöhe transportiert worden, in jenes Viertel, das als Ostrom verspottet wurde. Abgeschottet durch die Armee, lebten dort der Bezirkssekretär Barsano, der Theaterautor und Dichter Eschschloraque, der Romancier Altberg oder der Akademiker Londoner - wenn man dem Roman „Der Turm“ glaubt, der hier im Osten von Dresden, dem schönsten Teil der Stadt, den größten Teil seiner Handlung ansiedelt. Sie erzählt über die letzten Jahre der DDR.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Diesem Buch möchte man alles glauben, so genau erzählt es. Ich habe vier Jahre in Dresden gelebt, hatte hier eine meiner bevorzugten Spaziergangstrecken und konnte deshalb bei der Lektüre jede Wegbiegung nachvollziehen, jeden Anstieg, jeden Ausblick. Doch schnell wird auch klar: „Der Turm“ verschiebt die Elemente dieses Wohnviertels, siedelt Häuser aus einer Straße in die andere um, legt Bergpfade an, wo es keine gibt, benennt Wege um, baut Brücken über Täler, setzt Inseln in die Elbe, ruft Menschen bei Namen, die nicht die ihren sind. Natürlich steckt hinter Barsano der einstige Bezirkssekretär Hans Modrow, in Eschschloraque ist Peter Hacks zu erkennen, und Altberg, das ist Franz Fühmann, Londoner dagegen Jürgen Kuczynski. In „Der Turm“ ist nichts, wie es scheint, und doch ist alles schlüssig, so schlüssig, dass ich in meinen Dresden-Büchern nach Bildern der Brücke über die Grundstraße gesucht habe, die im Roman beschrieben wird. Sie musste einfach dagewesen sein, doch es gab keine Spur von ihr.

          Ardenne wird zu Arbogast

          Vom Astronautenweg, der in Wahrheit Veilchenweg heißt, biege ich in die Grundstraße ein. Fünf Minuten Zeit sind noch, um die Kurve geht es herum und langsam aufwärts. Rechts steigt der Hang zum Villenviertel Weißer Hirsch an; dort oben hätte man die Brücke sehen müssen, die im Buch den schwerbewachten Zugang nach Ostrom darstellt. Bisweilen blitzt das helle Weiß des Luisenhofs auf, der im Roman Sibyllenhof heißt, davor der Turm der Villa San Remo, die als Rapallo firmiert, und dahinter liegt unsichtbar das riesige Areal des Instituts, das die DDR ihrem Physikgenie Manfred von Ardenne zur Verfügung stellte. Im „Turm“ heißt er Ludwig von Arbogast.

          Steiler Weg: die Plattleite

          Am Körnerplatz wartet der Mann, der diese Topographie und diese Personen mit seinem Namenszauber belegt hat: Uwe Tellkamp. Unter seiner Führung will ich einen mir durch eigene Anschauung längst vertrauten Ort in Deckung bringen mit einer Phantasieszenerie, die mir nach tausend Seiten Lektüre wider besseres Wissen mindestens so realistisch vorkommt wie meine eigenen Erinnerungen. Wir sind verabredet am Durchgang zur Standseilbahn, die hoch auf den Weißen Hirsch fährt. Da steht ein junger Mann, nicht allzu groß, das schwarze Haar unter einer Schieberkappe, gekleidet in grüne Wanderkleidung, auf dem Rücken einen Rucksack, schweres Schuhwerk an den Füßen. Angesichts der Ausstaffierung überrascht es nicht, dass der Gedanke an eine Auffahrt, wie sie Christian Hoffmann, der jugendliche Held in Tellkamps Roman, am Beginn der Handlung mit der Standseilbahn macht, gar nicht erst aufkommt. „Sie kennen ja die Plattleite, also gehen wir den Rißweg hoch auf den Hirsch.“ Doch dann zögert er: „Nein, dann könnten Sie das Spinnwebhaus nicht sehen. Also doch die Plattleite.“

          Der Wille zum Zauberberg

          Im Buch heißt sie Turmstraße und ist die zentrale Straße jenes bürgerlichen Viertels, dessen Bewohner sich danach die Türmer nennen. Sie leben verteilt auf die zwischen 1895 und 1910 gebauten Villen, deren Architekten sich bei allen Stilen der europäischen Baugeschichten bedient haben, um ein Märchenland hoch über der Elbe zu erschaffen. Roman und Wirklichkeit vermischen sich, denn es gibt diese eklektizistische Wunderwelt tatsächlich. Ihre Ausstattung gehorchte keiner Planung, hier konnte sich jeder finanzkräftige Bauherr seine Träume erfüllen, doch in der Liebe zum verwunschenen Detail und zur Einbettung der Häuser in die grandiose Hanglandschaft tritt zutage, was Uwe Tellkamp auf den Begriff bringt: „der Wille zum Zauberberg“.

          Wir sind ein Stück die Plattleite hinaufgelaufen, da hält Tellkamp an einem steinernen Torbogen: „Dahinter geht es zum Spinnwebhaus. Als Kind war ich dort drin, und es war genauso, wie ich es im Buch beschreibe: die Bildergalerie, der seltsame Künstler. Hier vorne stand damals noch der Brunnenwels, der ist vor ein paar Jahren verschwunden.“ Er zeigt auf die Reste des originalen Mauerwerks im ausgebesserten Bogen, erinnert sich an die Eindrücke aus der Kindheit.

          Die Illusion, der DDR-Tristesse zu entfliehen

          Die Familie ist 1977 auf den Weißen Hirsch gezogen, da war Uwe Tellkamp neun Jahre alt. Zuvor lebte sie in einem zehnstöckigen Plattenbau in der Dresdner Johannstadt. „Hätten meine Eltern nicht die Wohnung hier zugesprochen bekommen, dann hätten sie wohl einen Ausreiseantrag gestellt. Nicht aus Anspruchsdenken, sondern weil das der letzte Tropfen gewesen wäre, der das Fass zum Überlaufen gebracht hätte. Auf dem Weißen Hirsch konnte man sich der Illusion hingeben, der DDR-Tristesse zu entfliehen. Aber das war reine Illusion.“

          Was mich an „Der Turm“ besonders fasziniert hat, ist das Porträt eines Bürgertums, das sich in die Kultur flüchtet, das die Zumutungen der Staatsideologie ignoriert und seine Werte auf Literatur und Musik gründet, die aus den Jahren vor der DDR stammen. So existierte in Ostdeutschland eine Schicht, für die Kultur ein Überlebensmittel war, und diese Ernsthaftigkeit im Umgang mit den Künsten ist nach 1989 beibehalten worden - unbeeinflusst von den Verlockungen von Popkultur oder bloßer Unterhaltung. Tellkamps Familie gehörte dazu, und man merkt ihm an, dass er sich aus der Zeit gefallen fühlt. „Heute wird gar nicht begriffen, was Romane leisten können. Dass sie einen Zugang zur Welt bieten, den Geschichtsbücher oder Philosophie gar nicht leisten können. Ich habe keine große Hoffnung für Bücher wie meines, die Zahl der Leser, die damit etwas anfangen können, wird immer kleiner.“

          Große Feste allerorten

          Wir sind höher gewandert. Die Plattleite verläuft hier wie ein Hohlweg zwischen den Gartenterrassen der prunkvollen Anwesen. An der Wegbiegung, wo es rechts in die Weinleite hineingeht, eine kleine Stichstraße, die an der Strecke der Standseilbahn endet, weist Tellkamp auf eine Hofeinfahrt: „Hier gab es im Sommer große Feste. Es wurden Tische und Bänke herausgestellt, und man trug gewaltige Mengen Speisen zusammen. Von überall her kam Musik aus den Häusern.“ Von solchen Feiern wird er noch oft erzählen auf unserem Marsch durch das Viertel.

          Die Plattleite erreicht ihren steilsten Abschnitt, eine Treppe erleichtert den Aufstieg, doch wir bleiben auf dem Kopfsteinpflaster. Oben angekommen, stehen wir vor dem Ardenne-Institut, an der frisch renovierten Volkssternwarte. „Diese Existenz eines Barons, der sich im Sozialismus alles herausnehmen konnte, ist faszinierend. Ardenne war der Pate meiner Schulklasse, also kamen wir an seinem Geburtstag immer hierher, um ihm ein Ständchen zu bringen. So habe ich das Innere der Villa kennengelernt.“

          Das geheime Siegel

          An der nächsten Kreuzung beginnt das Kerngebiet des Romans. Aus der Wolfshügelstraße ist darin die Wolfsleite geworden, und als wir hineingegangen sind, liegt schräg gegenüber auf der Ecke zur Collenbuschstraße das Vorbild für Haus Wolfsstein, ein gebautes Gebirge mit achteckigem turmartigen Anbau, der in Tellkamps Jugend „das Fagott“ genannt wurde - dabei ist es auch im Buch geblieben.

          Links herab ist am Ende der Collenbuschstraße auf der Terrasse mit Elbaussicht, die in der DDR „Friedensblick“ hieß, bereits der Obelisk zu sehen. In der Mitte des alten Geländers vor ihm ist die Silhouette eines springenden Hirsches in ein Medaillon eingearbeitet: Reminiszenz an den Namen des Viertels. Im Buch ist an der Stelle statt des Hirsches eine Nautilusmuschel angebracht. „Das ist mein geheimes Siegel im Roman. Wenn es etwas gibt, was mir wichtiger ist als alles andere, dann sind es die Musikschallplatten, die ich in meiner Kindheit gehört habe. Ihre Spiralrillen tauchen da, zur Nautilusmuschel verformt, im Buch wieder auf.“

          Eine halbe Seite für die Farbe

          Wie auch die Platten selbst, die im Roman zu regelrechten Duellen gegeneinander eingesetzt werden: die Interpretationen von Swjatoslaw Richter gegen die von Emil Gilels oder Westpressungen der Deutschen Grammophon gegen deren ostdeutsche Lizenzausgaben. Später auf unserem Weg wird Tellkamp von der Dame erzählen, die schräg gegenüber von seinem Elternhaus wohnte und bei offenem Fenster fleißig Bach am Klavier übte, was den böswilligen Knaben dazu verleitete, im Wohnzimmer Richters Einspielung des „Wohltemperierten Klaviers“ aufzulegen und bei voller Lautstärke über die Straße schallen zu lassen.

          Doch noch sind wir am Obelisken, weit weg von der Oskar-Pietsch-Straße 9, wo Familie Tellkamp seinerzeit wohnte. Am Ende der Collenbuschstraße, bevor sie als Künzelmannstraße wieder hangaufwärts abknickt, liegt das Vorbild fürs Tausendaugenhaus, wo Meno Rohde, der Onkel von Christian Hoffmann, wohnt. Der im Buch geschilderte Wintergarten ist mittlerweile abgerissen, und das Gartenhaus steht in Wirklichkeit auf einem ganz anderen Anwesen. Die Villa selbst ist aufs schönste restauriert, doch Tellkamp zeigt auf ein unscheinbares Mauerstück am Rand des Bürgersteigs: „So sah früher der ganze Weiße Hirsch aus. Feuchte Wände mit abgeblättertem Putz - ein Anblick, den man kaum beschreiben kann, für den ich eine halbe Seite gebraucht habe, um nur die Farbe heraufzubeschwören.“

          Hier ist die Pflanzenwelt immer dabei, die Häuser zu überwuchern. Noch in die schmiedeeisernen Gitter der Gärten haben die Architekten Ranken und Blüten einarbeiten lassen, als gäbe das Menschenwerk sich schon geschlagen.

          Das typische Samstagmorgengeräusch

          Tellkamp blickt die Künzelmannstraße hoch, an deren Ende, Ecke Lahmannring, die Zentralschließfächer standen. Briefkästen für das ganze Viertel, damit der Postbote nicht zu jedem einzelnen Haus laufen musste. „Ich erinnere mich an das typische Samstagmorgengeräusch“, sagt er, „wenn am späten Vormittag die Männer in ihren Hausschuhen hier die Straße hochschlurften, während die Frauen das Mittagessen vorbereiteten - bei Bildungsbürgern kochen ja immer die Frauen. An den Schließfächern traf man sich dann, und es wurde stundenlang geschwatzt. Das wurde der Parteiführung so unheimlich, dass die Briefe wieder den einzelnen Haushalten zugestellt wurden.“

          Wir schlendern die Straße hoch, an dem Jugendstilhaus vorbei, das in „Der Turm“ den Namen Elefant trägt: nach der rüsselartigen Balkonfront auf der vorderen Ecke. In den Phantasienamen des Buchs ist die Faszination des jungen Uwe Tellkamp aufgehoben, eines Kindes, das hier in der Ruhe des Villenviertels zwischen den verfallenden Gebäuden eine verwunschene Welt erlebte, wie man sie nur aus den Märchen von Wilhelm Hauff oder Tausendundeiner Nacht kennt.

          Letzter Gruß aus der Vergangenheit

          Am Lahmannring gehen wir an den alten Russenresidenzen vorbei. „Niemand hätte sich je mit denen eingelassen. Das waren für uns Besatzer.“ Auf der anderen Seite der Bautzner Straße liegt das alte Sanatorium, das mittlerweile fast verfallen ist. Auch das gehörte den Russen. Darin gab es einen Laden namens „Magasin“, und Tellkamp erinnert sich, dass man in ihm Lebensmittel kaufen konnte, die es sonst nirgendwo gab.

          Dann ist die Oskar-Pietsch-Straße erreicht, wo rechts, im ersten Stock der Nummer 9, die Familie von Uwe Tellkamp wohnte. Ein wenig Fachwerk im Giebelfeld, großer eingebauter Balkon, ein von einer Säule gestützter Eingang - das ist das Haus Karavelle aus „Der Turm“. Tellkamp schaut nicht auf die Klingelschilder der heutigen Bewohner, aber dass vor der Tür noch die Lampe hängt, die sein Vater dort aufgehängt hat, das berührt ihn. Ein letzter Gruß aus der Vergangenheit.

          Die Finger des Cellisten

          Auf der anderen Straßenseite liegt das Haus Abendstern, wo seinerzeit Tellkamps Onkel wohnte, der dem Schwager 1977 den Hinweis gab, dass gegenüber eine Etage frei geworden war. Als Chirurg und Vater von zwei Kindern durfte dieser sich gute Chancen ausrechnen, doch es waren gute Beziehungen zur kommunalen Wohnungsverwaltung und einige Begünstigungen nötig, um sich das neue Heim tatsächlich zu sichern.

          Uwe Tellkamp, der in dieser Straße lebte, bis er 1986 zur Nationalen Volksarmee eingezogen wurde, hat zu jedem Haus Geschichten parat, kennt alle früheren Bewohner, die mittlerweile aber größtenteils weggezogen sind, weil die meisten Villen an Alteigentümer aus dem Westen zurückgegeben wurden. In einem unscheinbaren Haus um die Ecke in der Zwanzigerstraße lebte früher ein Cellist der Dresdner Staatskapelle, dem die Stasi beim Verhör die Finger gebrochen hat.

          Die Eckpfeiler der Kindheit

          Über Berglehne und Sonnenleite geht es zurück zum Rißweg, den wir schon am Beginn der Oskar-Pietsch-Straße gekreuzt hatten. Dort war früher die Schneiderei Harmonie, und auf der anderen Seite gibt es immer noch die Bäckerei Walther, deren Semmeln im „Turm“ buchstäblich besungen werden. Tellkamp tritt ein und kauft mir eine. Sie ist gut, aber den Vergleich mit den früher billiger verkauften „Lehrlingsbrötchen“, die besonders geschätzt wurden, halten sie für Tellkamp nicht aus. Vor der staunenden Verkäuferin, einer jungen Frau, die 1989 gerade einmal geboren gewesen sein dürfte, beschwört er die alte Backstube herauf. Er erinnert jedes Detail. Das ist keine Ostalgie, sondern Rückkehr zu den Eckpfeilern einer Kindheit - so wie auch „Der Turm“ nie in Gefahr gerät, ein sentimentales Bild von der DDR zu zeichnen.

          Dann laufen wir den Rißweg hinab, der in weitem Bogen der Grundstraße unten im Tal zwischen Weißer Hirsch und Loschwitzhöhe zustrebt. Vor dem letzten, steilsten Stück ist der Weg gesperrt, wir umgehen die Barrikade und sind auf der alten Abfahrtsstrecke der beiden Tellkamp-Brüder, die sich im Winter auf 2,20 Meter langen Skiern mit Stahlkanten und in geliehenen Skistiefeln hier herabgestürzt haben. „Wir waren wahnsinnig“, lacht Tellkamp und krempelt das linke Hosenbein hoch, um eine Narbe zu zeigen, die zurückblieb, als sein jüngerer Bruder einen Draht quer über die Strecke gespannt hatte.

          Triumph des Romanciers

          In der Grundstraße erzähle ich ihm von meiner Verwirrung, die er durch die Schilderung der gar nicht vorhandenen Brücke ausgelöst hatte - und da stößt er ein tief befriedigtes „Ja“ hervor, Triumph des Romanciers, der selbst einem Ortskundigen seine Vision aufzwingt. Ein alter Heimatforscher, mit dem er bei seinen Recherchen für das Buch immer wieder zusammengearbeitet hat, habe ihm kürzlich eine Postkarte aus den dreißiger Jahren zugeschickt, auf der genau an der Stelle, wo er die Brücke imaginiert hatte, eine eingezeichnet war: Modell eines Prestigebaus der Nationalsozialisten, der nie zustande gekommen ist. Für Tellkamp war das die Bestätigung, dass seine Phantasie glaubwürdig geraten war.

          Ansonsten gibt es für alles reale Vorbilder. Auf die Frage, warum er bisweilen Namen ändere, dann aber auch wieder nicht, antwortet er, dass dies eine Frage der Bedeutung der jeweiligen Figuren sei: „Wenn sie eine wichtige Rolle spielen, wurden die Namen geändert. Werden sie dagegen nur erwähnt, habe ich alles gelassen, wie es tatsächlich war.“ So wird denn auch einmal, auf Seite 716, ein Mediziner namens Tellkamp im Roman erwähnt. „Ja, das war mein Onkel. So wirkt das Ganze authentischer, und außerdem kann ich allen Lesern, die behaupten, ich erzählte nur autobiographisch und Christian wäre mein Alter Ego, antworten: Wieso? Da habt ihr doch den Namen Tellkamp im Buch. Und der hat mit den Hoffmanns gar nichts zu tun.“

          Am Schluss, nach drei Stunden Wanderung, kehren wir am anderen Elbufer in der „Villa Marie“ gleich am Blauen Wunder ein. Morgen hat er seine erste Lesung aus „Der Turm“ in Dresden. „Die macht mir Sorgen“, gibt er zu. „Die Dresdner sind so stolz auf ihre Stadt, die werden mir meine Rede von ,der süßen Krankheit Gestern', an der die hiesige Gesellschaft leidet, wohl übelnehmen.“ Doch das Erbe dieser Stadt im Leben Tellkamps hat in dem Roman nach mehr als zwanzig Jahren Vorbereitung endlich seine Form gefunden. „Schon in meinem Armeetagebuch von 1986“, so hat er mir erzählt, „findet sich der Titel ,Der Turm' - als Synonym für Rückzug, Widerstand, eine herausragende Position, aber auch für die Sprachenverwirrung, wie sie der Turmbau zu Babel hervorgebracht hat. Denn das ist die DDR ja auch gewesen: ein Staat, in dem man sich gegenseitig nicht mehr verstand.“ Jenseits des Flusses liegen die Elbhänge, die das Andenken an diese unverständige Gesellschaft fortan für immer literarisch bewahren werden.

          Weitere Themen

          Käfer- und Katzen-Mumien Video-Seite öffnen

          Grabstelle in Ägypten : Käfer- und Katzen-Mumien

          Archäologen in Ägypten haben am Wochenende seltene Grabfunde vorgestellt. Sie fanden am Rand der Totenstadt von Sakkara mumifizierte Katzen und eine ganze Sammlung mumifizierter Skarabäen. Diese Käfer wurden als Symbol für den Sonnengott verehrt.

          Was zu tun ist und warum

          Briefausgabe : Was zu tun ist und warum

          Sie wollten zusammen ein Buch machen, „das fliegen kann“. Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger erzählt von einer engen Beziehung. Und doch blieb zwischen ihnen immer ein Rest von Distanz.

          Topmeldungen

          Der damalige Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino steht in der Kritik wegen angeblich unlauterer Vermittlungen in den Vergleichsverhandlungen mit Manchester City und PSG im Jahr 2014.

          Financial-Fair-Play : Uefa reagiert auf Football Leaks

          Die Veröffentlichung geheimer Dokumente durch Football Leaks bringt die Fifa in Bedrängnis. Nun stellt der Verband eine Neubewertung von Financial-Fair-Play-Fällen in Aussicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.