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Christian Kracht: Ich werde hier sein... Ein schöner Albtraum ist sich selbst genug

Christian Kracht ist der abgebrühteste Waffenlose, den die Militärschriftstellerei je erlebt hat: Mit seinem Historienspiel „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ baut er ein Buch gegen die Geschichte als solche.

© Kiepenheuer & Witsch Vergrößern

Dieses Buch ist eine schlanke Schachtel voller vergifteter Pralinen.

„Wir wurden auf den Krieg vorbereitet, der im kalten Norden wütete, wir trugen Wintermützen unter der afrikanischen Sonne und banden uns Filzstreifen um die Waden, um zu verhindern, dass der Schnee, den wir alle noch nie gesehen hatten, in die Stiefel drang.“ Der Tonfall ist beherrscht; das Lied von den schlimmen Konsequenzen aller Handlungen singt leise (und ein wenig irr) in ihm, nicht lauthals aus ihm heraus: „Ich hielt mir die Schenkel fest, sie waren wie aus Kautschuk. Die Mine pochte unter meinem Stiefel. Es gab keinen Gott. Wir wurden im Krieg geboren, und im Krieg würden wir sterben.“ Die Sprache malt hier eine Welt, die eigentlich gar nicht sprechen will, lieber schweigen: „Als die Soldaten mich sahen, richteten sie ängstlich das schwere Maschinengewehr auf mich. Es waren brave, sehr einfache Männer, die das Dorf Meiringen vor deutschen Partisanen schützen sollten, ohne jede politische Schulung, ohne Verstand.“

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Und so fort: „Ich habe keine Angst mehr. Ich habe verlernt zu lesen, wie ich es früher konnte. Der Krieg macht uns zu Geisteskrüppeln.“ „Schonung war unter dem Kommando Baulins nicht zu erwarten. Mein Dienst begann unter einem denkbar glücklichen Vorzeichen – man gab mir ein Pferd.“ „Und die blauen Augen unserer Revolution brannten mit der notwendigen Grausamkeit.“ „Der Arzt und der Kamerad wunderten sich, dass der Kranke so geduldig geworden sei.“ „Es war sinnlos. Mein Körper war mein Körper. Entweder ich stellte mich wieder auf die Mine, oder ich lief jetzt zurück zu meinem Pferd.“ „Auf der Schwelle eines einsamen Gehöftes, das die Spuren frischer Einschläge aufwies, erblickten wir einen auf dem Gesicht liegenden Toten.“

Der abgebrühteste Waffenlose

Das alles ist aus einem Guss – und doch stammen einige der eben zitierten Funde nicht von Christian Kracht, sondern von Isaak Babel, Hans Grimm und Ernst Jünger. Bewiesen wird damit nur, aber schlagend, dass niemand an etwas so Scheußlichem wie einem Krieg teilgenommen haben muss, um angemessen straff über die blutigsten Formen der Dummheit schreiben zu können, die der Mensch erfunden hat. Christian Kracht ist, neben vielen anderen netten Dingen, der abgebrühteste Waffenlose, den die Militärschriftstellerei je erlebt hat.

Der Schauplatz des Romans „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ ist eine Welt, in welcher der Zürcher Exilant Lenin die Schweiz bolschewisiert hat, statt nach Russland zurückzukehren. Die europäischen Großmächte und die ins Geschichtemachen nachdrängenden „Amexikaner“ liefern einander einen unaufhörlichen Krieg, der längst alle Systemkonkurrenzen gefressen und als Leichenhaufen wieder ausgeschieden hat. Ein junger afrikanischer Parteikommissär der Stadt Neu-Bern, der das Herz auch anatomisch auf dem rechten Fleck trägt, wird vom Obersten Sowjet der Schweiz beauftragt, einen ideologisch unzuverlässigen Oberst namens Brazhinsky festzunehmen. Er sucht ihn, findet ihn auch, in einer Bergfestung, nimmt ihn aber nicht fest, sondern erlebt schließlich, wie alles Große und Massive, auch sein Geschichtsbild, kriegsmüdigkeitsbedingt zerfällt. Das ist die Handlung. Es kommt kaum auf sie an.

Eine neue Sprache

Denn abgesehen davon, dass die hier geschilderte Welt mit der uns vertrauten so unversöhnlich über Kreuz liegt wie die des berühmten Parallelwelt-Romans „The Man in the High Castle“ (1962) von Philip K. Dick, in dem die Achsenmächte den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben, verbindet Dicks und Krachts Bücher etwas viel Wichtigeres: Die Sprache, die sie pflegen, ist so eingerichtet, dass sie Welten aller Farben und Fürchterlichkeiten eben nicht bloß erschließen, sondern erschaffen und verwandeln kann. Das Historische zeigt sich so als etwas, das menschlichen (Sprach-)Handlungen unterworfen ist, die es jederzeit überschreiten können. Deshalb gibt es bei Dick das vernunftwidrige „Orakel vom Berge“ und bei Kracht eine neue Sprache, die Menschen umklammert halten und Gegenstände verschieben kann.

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