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Buchmessenblog bei FAZ.NET : Die talentierte Frau Diener

  • Aktualisiert am

Andrea Diener Bild: Julia Zimmermann

Andrea Diener ist die aufregendste und anregendste literarische Bloggerin. Den Beweis tritt sie jetzt auch bei FAZ.NET an. Ihre Kraft liegt in ihrer radikalen Subjektivität. Ein Porträt von Don Alphonso.

          Andere gucken Grand Prix. Andrea Diener findet Literatur in Klagenfurt interessanter als Schlager. Und schreibt darüber. Glücklich ist, wer nicht beschrieben wird.

          Hier ein Schlossbesuch, dort eine kleine Reise in die Provinz, manchmal eine launige Bemerkung zur Mode: Andrea Diener schreibt unter dem Titel „Reisenotizen aus der Realität“ ein feines, kluges Tagebuch, ein Blog im Internet. In ihrer Freizeit geht sie dem als „Bonsai“ bekannten sadistischen Beschneiden, Binden und Abzwicken von Bäumen nach, und jedes Jahr im Juni und Oktober ergreift diese Schmerzenslust Besitz von ihrem Tagebuch: Dann nämlich finden das Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt und die Frankfurter Buchmesse statt, und ihre Leserschaft wird mit grazil geführten Florettstichen in Debütantenherzen und schonungsloser Standgerichtsbarkeit aus stickigen Messehallen unterhalten.

          Keine Schonung

          „Merken diese Mädchen da eigentlich nicht, dass sie sich zu ganz fürchterlichen Klischees machen? Warum glauben die, dass das jemanden interessiert? Warum wird so was immer noch gedruckt?“, stellt Diener die rhetorisch-negierenden Existenzfragen für den Nachwuchs der deutschen Literatur. Ohne Redaktionsdisziplin und Rücksicht auf den Betrieb schreibt die Journalistin aus Frankfurt scharfzüngige Analysen über Autoren, Verleger und Journalisten, die sich zu Buchtaten verabreden; sie nimmt ihre Leser mit in die Höllenkreise billiger Buffets, wo von schlechtgekleideten Honorarzeilenherstellern über Wohl und Wehe nervöser, bemalter PR-Beihelferinnen entschieden wird und Groupies aus Germanistikseminaren Eintrittskarten zu Partys tauschen.

          Andrea Diener schont zur Buchmesse niemanden, am wenigsten sich selbst: „Die Tage sind lang und dicht, und man schläft kaum, hinterher fällt man erst einmal ins Koma oder wird krank oder beides. Das muss so sein, weil man alles irgendwie verarbeiten muss.“

          Der Reiz der radikalen Subjektivität

          Sie kann aber auch ganz anders. Andrea Diener hat ein Faible für englische Landschaftsgärten, für Statuetten des Art déco, für Reiseliteratur und viele gute Bücher, die sich in ihrer Wohnung in Griesheim in allen Räumen bis unter die Decke stapeln. Zu viele Bücher, um sich in gängigen literarischen Klischees verorten zu lassen: „Vorbilder hab’ ich ja aus Prinzip keine. So was geht nur schief.“ Alltagsbeobachtungen, die einen großen Teil der Texte in ihrem Blog ausmachen, sind auch bei vielen jungen deutschen Autorinnen beliebt, aber deren anämisch hingehauchte, nach Bedeutung in Reduktion und Kargheit eifernde Prosa ist Andrea Diener wesensfremd.

          Das Blog zieht seinen Reiz aus einer radikalen Subjektivität, einem manchmal nur trockenen und oft rabenschwarzen Humor. Die Intention bleibt nicht hinter Andeutungen verborgen; es sind vielmehr geschliffene Formulierungen und Effekte, die den Leser für die innere Dynamik von Geschehnissen gewinnen, die nur auf den ersten Blick banal und alltäglich scheinen.

          Kritisch, direkt, ungeschminkt

          Auch beim Bachmannpreis ist es zuerst das Faszinosum von ungewöhnlichen Geschichten, das sie tagelang vor dem Fernseher ausharren lässt. „Das ist schon großartig: Stundenlang diese Dichter im Fernsehen. Sie tun etwas, was überhaupt nicht fernsehtypisch aufbereitet ist, nämlich einfach lesen. Dass es so etwas überhaupt noch geben darf in der Fernsehlandschaft, das ist allein schon einmal bemerkenswert.“ Es mag die von den Juroren geschundenen Vorleser zufriedenstellen, wenn bei der Betrachtung des Spektakels auch die Kritik einer Beurteilung unterzogen wird. Dieners unerbittliche Vivisektion des Patienten vom Wörther See zeigt beispielhaft, dass es auch in der Literaturkritik etwas gibt, das für die Betroffenen schlimmer als der Tod sein kann.

          Das Internet, in dem Andrea Diener seit sieben Jahren Alternativen zum klassischen Feuilleton bietet, ist keine Stickerei und kein literarisches Fest, es bedarf manchmal Akten sprachlicher Gewalt, es passt gut zu ihrem direkten Ton und zur ungeschminkten Aussprache. Sie ist Überzeugungstäterin, hat dem Leser etwas zu erzählen – auf Augenhöhe. Weil Andrea Diener das unnachahmlich gut kann, hat dieses Feuilleton sie gebeten, zur diesjährigen Buchmesse einen eigenen Blog zu verfassen. Und da die Messe ihre Schatten bereits vorauswirft, ist dieser von heute an unter www.faz.net/diener zu finden.

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