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Buchhändler in Hongkong : Unsere Zukunft hier sieht sehr düster aus

  • Aktualisiert am

Kritische Bücher stehen jetzt in dunklen Regalecken: Die chinesische Zensur ist eine sehr subtile. Bild: dpa

Keine Spur mehr vom Grundsatz „ein Land, zwei Systeme“: China nimmt Hongkong an die Kandare und lässt dafür auch Verleger verschwinden. Ein Gespräch mit dem Buchhändler Daniel Lee.

          Sie leben in Hongkong, und der Schwerpunkt Ihrer Buchhandlung lautet Hongkong-Studien, also alles, was mit Politik, Gesellschaft und Geschichte dieser Stadt zu tun hat. Ist das riskant?

          Es gibt hier keine Liste verbotener Bücher. Man darf alles lesen, was man will. Das Internet wird nicht zensiert. Alle wichtigen Seiten sind aufrufbar: Facebook, Google und ähnliche, die in Festlandchina nicht verfügbar sind. HongKong ist von der „Großen chinesischen Firewall“ ausgenommen. Aber die Dinge werden schwieriger. Hiesige Buchhändler werden verhaftet, nicht durch die Behörden in Hongkong, sondern durch die Kommunistische Partei. Das geschieht auf sehr obskuren Wegen. Es heißt dann, Leute seien „zurück nach China“ gegangen. Aber das eben nicht auf normalem Weg. Da ist etwas oberfaul.

          Ihre Kollegen Lam Wing-Kee, Lee Bo und andere wurden zur Einreise nach Festlandchina gezwungen. Fühlen auch Sie persönlich Repressionen?

          Nach meinem Verständnis wurden diese Männer verhaftet oder gekidnappt, weil sie nicht nur Bücher verkaufen, sondern auch Verleger sind. Sie bringen Bücher über chinesische Politik heraus, über Auseinandersetzungen innerhalb der Partei. Das sind sehr heikle Themen. Wenn Leute wie Lam Wing-Kee oder Lee Bo solche Bücher verlegen, dann gehen sie damit ein höheres Risiko ein. Ich fühle viel weniger Bedrohung.

          Leidet die Meinungsfreiheit, seit Hongkong an China zurückgegeben wurde?

          Man kann nicht sagen, dass wir einen abrupten offensichtlichen Umschwung spürten. Im Prinzip kann hier jeder immer noch sagen, was er will. Die Veränderungen sind subtiler. Zum Beispiel sind die meisten unserer Zeitungen inzwischen von Investoren aus Festlandchina aufgekauft worden. Das Gleiche gilt für RTHK, die wichtigste Radio- und Fernsehstation in Hongkong. Sie alle üben nun eine Art Selbstzensur aus. Sie behandeln seltener heikle Themen, befassen sich bei Berichten über Demonstrationen weniger mit den Gründen dafür und berichten stattdessen vor allem über Ausschreitungen. So ist es für die Bürger schwerer zu erfahren, warum etwas passiert, die Berichterstattung bleibt oberflächlich. In den großen Buchhandelsketten, die ebenfalls in der Hand von Festlandchinesen sind, stehen kritische Bücher in dunklen Regalecken. Das ist eine subtile Form der Selbstzensur.

          Es geschieht auf sehr obskuren Wegen: Demonstrant mit einer Maske des vermissten Buchhändlers Lee Bo.
          Es geschieht auf sehr obskuren Wegen: Demonstrant mit einer Maske des vermissten Buchhändlers Lee Bo. : Bild: dpa

          Die steigende Zahl von Festlandchinesen, die nach Hongkong kommen, bringt auch ihre Sprache, Mandarin, mit. Ist dadurch Kantonesisch in Gefahr, die Sprache, die in Hongkong gesprochen wird?

          Viele Leute fürchten das. Doch davon sind wir noch entfernt. Andererseits wird Mandarin inzwischen in den Schulen besonders gefördert. Fernsehkanäle wechseln zu Mandarin und den vereinfachten Schriftzeichen des kommunistischen Chinas, die hier bislang nicht üblich waren.

          Steht damit auch die Hongkonger Identität auf dem Spiel?

          Interessanterweise war das früher kein Thema. Lange gab es gar keine Hongkonger Identität. In den sechziger und siebziger Jahren gab es nur wenige Leute, die sich als Hongkonger bezeichneten. Erst nach der Übergabe 1997 an Festlandchina begann die Erkenntnis einer eigenen Identität zu wachsen. Mehr und mehr werden sich die Menschen nun bewusst, dass sie aus Hongkong stammen, dass ihre Kultur eine andere ist als die auf dem Festland. Das sieht die Kommunistische Partei sicher nicht gerne.

          Sie engagieren sich in einer sozialen Bewegung, aus der 2014 das „Umbrella Movement“ hervorgegangen ist, eine Pro-Demokratie-Bewegung mit Demonstrationen, die bis heute andauern. Politikern, die ihr angehören und im September 2016 in den Legislativrat, die gesetzgebende Versammlung Hongkongs, gewählt wurden, wurde die Zulassung als Parlamentarier verweigert. Gilt der Grundsatz „ein Land, zwei Systeme“, wie er im sogenannten Basic Law festgeschrieben ist, für Hongkong noch?

          Man kann mit Recht sagen, dass dieser Grundsatz mittlerweile mausetot ist, seit den beiden neugewählten Parlamentariern der Partei Youngspiration, die für die Unabhängigkeit Hongkongs eintritt, von der Kommunistischen Partei untersagt wurde, in den Legislativrat einzuziehen. Das bedeutet, das nun Peking entscheidet und dem Hongkonger Obersten Gerichtshof in rechtlichen Streitfragen kein endgültiges Entscheidungsrecht mehr eingeräumt wird. Mit der Unabhängigkeit unserer Gerichtsbarkeit ist es vorbei.

          Zurück aus dem Gefängnis: Buchhändler Lam Wing-Kee (Mitte) bei einer Demonstration in Hongkong.
          Zurück aus dem Gefängnis: Buchhändler Lam Wing-Kee (Mitte) bei einer Demonstration in Hongkong. : Bild: dpa

          Inwieweit wird Hongkong künftig auf seiner Teilautonomie bestehen können, auf seinem Status als liberale, unabhängige Zone innerhalb der Volksrepublik China?

          Unsere Zukunft sieht sehr düster aus. Es wird uns sehr schwer fallen, unsere relative politische Unabhängigkeit zu erhalten, solange wir Teil Chinas sind. Von dort wird auf vielen Wegen versucht, Einfluss auf uns auszuüben. Es wird versucht, über den Kauf von Firmen in unsere Wirtschaft und die Medienlandschaft einzugreifen.

          Viele Hongkonger haben wie Sie einen zweiten, einen „ausländischen“ Pass. Gibt der Ihnen eine gewisse Sicherheit?

          Ich könnte tatsächlich auswandern. Wir sind es hier in Hongkong ja gewohnt zu wechseln. Erst kamen die Menschen vom Festland hierher, um den Turbulenzen der chinesischen Geschichte zu entgehen, dann sind Leute weggezogen, als klar war, dass die Rückgabe an China erfolgen würde. Eine halbe bis eine Million Hongkonger leben in Übersee, in Kanada, in Großbritannien. Aber es sind auch einige wieder zurückgekommen, zum Beispiel meine Familie. Doch wenn nötig, wird sie auch wieder wegziehen. Glücklich bin ich darüber nicht. Ich denke immer noch, dass Hongkong meine Heimat ist. Ich habe hier mein ganzes Leben verbracht und verstehe nicht, warum ich weggehen sollte. Warum soll ich gehen, warum geht nicht ihr von dort drüben?

          Die Fragen stellte Sven Weniger.

          Quelle: F.A.Z.

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