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Buchereignis : Liebeserklärung an Shakespeare

Shakespeare in jung: Die Serie „Will“ ist ab 11. Juli immer dienstags um 20.15 Uhr auf TNT Serie zu sehen. Bild: TNT

Es gibt viele Liebeserklärungen an Shakespeare, aber diese ist der Wahnsinn: Günter Jürgensmeier packt die Quellentexte zu sämtlichen Dramen in einen einzigen dicken Band.

          Es gibt den Shakespeare für Leser, für Theatergänger, für Anglistik-Spezialisten, es gibt den heiteren, komischen, frivolen Shakespeare und den ernsten, düsteren, tragischen; den Poeten Shakespeare; den Clown Shakespeare; den Bühnenmagier, Weltenmaler und Menschenerschütterr. Und es gibt natürlich allerhand Mischungen aus den genannten Shakespeares und noch ein paar weitere, die sich nicht aufzählen lassen oder die man einfach vergisst, bis man sie im eigenen Alltag überraschend wiederfindet – auf der Bühne, beim Bäcker oder im Schuhgeschäft.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Man kann Mozarts „Così fan tutte“ zum Beispiel so inszenieren, dass dunkler Shakespeare dabei herauskommt. Man kann aber auch – besonders, wenn man jung ist – zu vorgerückter Stunde die Monologe Hamlets so lesen, dass sie mit wärmendem Pathos die eigenen Gedanken zurückwerfen. Schöne Verse haben das so an sich. Im Grunde kann man alles im Leben mit Shakespeare und durch Shakespeare betrachten, weil er das größte Gefäß von allen ist, zumindest, solange wir von Literatur sprechen, und was bei dieser Betrachtung herauskommt, wird dadurch nicht unbedingt besser oder schlechter, sondern vor allem bedeutungsvoller. Er gibt uns eben Bilder für fast alles; Bilder in Sprache. Und fast alles, was Menschen an Empfindungen widerfährt, passt auf seine Bühne.

          Shakespeare hat fast keinen Plot selbst erfunden

          Ein Referenzwerk der Experten ist Ina Schaberts „Shakespeare-Handbuch“, das 1972 im Kröner-Verlag erschienen ist, ein Uni-Klassiker, der seit mehr als vierzig Jahren immer wieder überarbeitet und aktualisiert wird – und den die Studenten uferlos fotokopieren, weil sie den vollen Preis scheuen, dabei aber vergessen, dass so ein Buch am Ende billig ist (ein einziges Mal nicht ausgehen, und der Kaufpreis ist schon fast reingeholt). Das unakademische Liebhaberbuch par excellence dagegen dürfte Rolf Vollmanns „Shakespeares Arche: Ein Alphabet von Mord und Schönheit“ (1988) aus der Anderen Bibliothek sein. Und tatsächlich ist Vollmanns Kompendium alphabetisch geordnet; alle Shakespeare-Stücke, alle Figuren bis zum hinterletzten Pagen, selbst Tiere kommen darin vor. Beispiel: „Heimchen: In ‚Cymbeline‘ leise schrillend, als Iachimo aus der Kiste steigt, und die Tiefe der Nacht damit anzeigend.“ Wenn man wissen will, wie Vollmann sonst so schreibt, genügen vier Zeilen über Lady Macbeth: „Sie ist im ganzen nicht schlimmer als ihr Mann, und er hat wirklich gewusst, was er tat, als er sie nahm, wenn nicht sie’s war, die ihn genommen hat.“ Das ist nicht nur lustig, sondern auch tief.

          Nun aber das neue Buch, der Gegenstand dieser, nun ja: nicht Rezension, sondern eher Gebrauchsanweisung: „Shakespeare und seine Welt“ von Günter Jürgensmeier. Es ist eine umfangreiche Sammlung der Hauptquellen, aus denen Shakespeare für das Schreiben seiner Stücke schöpfte, von Plutarch bis Ovid, von Boccaccio, Cervantes und Christopher Marlowe bis zu (damals) zeitgenössischen Medienberichten. Man muss nämlich wissen, dass der Dramatiker – geboren 1564, gestorben 1616, beides in Stratford-upon-Avon, etwa hundert Meilen von London City – fast keinen Plot selbst erfand, so wie wir das Wort „erfinden“ verstehen. Immer gab es eine oder mehrere Vorlagen, ältere Motive, überlieferte Geschichte(n), die seiner Phantasie Pate gestanden haben. Und da der Begriff des Originalgenies damals ebenso unbekannt war wie der des Urheberrechts, nahm Shakespeares damaliges Publikum seine Werke wohl einfach als talentierte Neubearbeitung und Verhübschung bekannter Stoffe wahr, ganz abgesehen davon, dass man sie ja auch im Theater sah.

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