Home
http://www.faz.net/-gqz-3x1m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Buchempfehlungen Aber lesen Sie selbst!

11.12.2002 ·  Denken Sie ruhig an sich, wenn Sie in der vorweihnachtlich besuchten Buchhandlung stehen. Beste Empfehlungen der FAZ.NET-Redaktion.

Artikel Bilder (8) Lesermeinungen (0)

Es gibt zwei Anlässe, in der Weihnachtszeit nach Büchern zu suchen: Die langen Abende, die freien Tage, die köstliche Lektürestunden gewähren, und manch einer denkt an sich selbst, wenn er in diesen Tagen die Buchhandung betritt. Weitaus zahlreicher aber werden all jene sein, die ein Buch verschenken wollen.

Entweder man verschenkt ein Buch, das einem selbst viel bedeutet, in der Hoffnung, der Beschenkte könne beim Lesen ähnliches Erleben, den Schenkenden sogar in dem Buch wieder. Oder man wählt ein Buch, das durch hitzige Debatten, einmütiges Kritikerlob oder einen wichtigen Literaturpreis bekannt geworden ist - eine ungleich unpersönlichere Wahl.

Denken Sie ruhig an sich, wenn Sie - nach Lektüre der hier versammelten Buchbesprechungen - für ein erstes Blättern in der vorweihnachtlich überfüllten Buchhandlung stehen. Mit besten Empfehlungen Ihrer FAZ.NET-Redaktion.

Mit Suchtfaktor: Daniil Charms in der Friedenauer Presse

In Wladimir Sorokins Stück "Dostojewski Trip" werden Autoren zu Drogen, die fraglos beste Droge ist Daniil Charms. Obwohl der 1942 verstorbene Autor vielen russischen Schriftstellern - von Mamlejew, Wenedikt Jerofejew, Sokolow über Rubinstein, Prigow, Sorokin bis hin zu Pelewin - als literarische Vaterfigur gilt, sieht man in ihm hierzulande, falls er überhaupt bekannt ist, eher einen schwarzhumorigen Kleinkünstler, eine liebenswürdige Randfigur der russischen Literatur. Wer allerdings einmal Daniil Charms probiert hat, wird ihn nicht mehr vergessen, nach mehr verlangen und von Herzen dankbar sein für jeden neuen Text, der sich auf deutsch auftreiben lässt. In diesem Sinne lautet die doppelt frohe Botschaft dieser Tage: Mit „Zirkus Sardam“ hat neuer, bislang unbekannter Charms-Stoff den deutschen Sprachraum erreicht. Und der bekannte - in dem Band „Fälle“ versammelt - ist endlich wieder lieferbar.

Kunstvoll verschwommen: Zsuzsa Bánks erster Roman

In ihrem Debütroman „Der Schwimmer“ erzählt Zsuzsa Bánk die Geschichte einer zurückgelassenen Familie in Ungarn. Nach der Niederschlagung des Volksaufstandes im Jahr 1956 ist die Mutter einfach in den Zug gestiegen und davon gefahren. Nach einem Moment der Erstarrung ziehen die drei zurück Gebliebenen, neben der Erzählerin Kata ihr Bruder Isti und Vater Kálmán, zu Verwandten, zunächst zur Großmutter, dann weiter zu einer Kusine des Vaters, zu den Verwandten am See, quer durchs Land. Die politischen Umstände der Zeit bilden den Hintergrund des Buches, das, mal kalkuliert im Diffusen kindlicher Erinnerung, mal poetisch pointiert und detailgenau von einer Kindheit ohne Mittelpunkt in einer Zeit der Versteinerung erzählt.

Meisterlich: Antonio Tabucchis Reflexionen über die Liebe

Antonio Tabbucchi hätte sein neues Buch „Es wird immer später“ besser mit „Briefen“ oder „Erzählungen“ bezeichnen sollen. Aber „Roman“ klingt wohl bedeutender, schwerergewichtiger, endgültiger. Dabei zeichnet die besten der langen Briefe des Bandes gerade das Gegenteil aus. Nämlich mit leichtem, melancholischem Ton fast beiläufig von den Katastrophen eines Lebens zu erzählen, die meist darin bestehen, dass der, der sie erlebt, sie kaum mitbekommt. Solche wie hingetuschten Biografien als Tragödien aufscheinen zu lassen - in dieser Kunst des wehen Prosagedichts ist Tabbucchi Meister.

Große Literatur: Die Memoiren von Gabriel García Márquez

Dem ersten Teil seiner auf drei Bände angelegten Memoiren stellt Gabriel García Márquez das Motto voran: „Das Leben ist nicht das, was man gelebt hat, sondern das, woran man sich erinnert und wie man sich daran erinnert - um davon zu erzählen.“ Er erinnert sich - bewusst oder unbewusst - an viele Menschen und viele Erlebnisse nicht, während ihm Begegnungen und Ereignisse, die Anlass und Anregungen für seine Romane und Erzählungen wurden, noch ganz intensiv präsent sind. So findet der Leser in den Memoiren viele Personen wieder, die ihm als Romanfiguren schon vertraut sind.

Feinfühlig, tragikomisch: ein Debütroman aus Israel

Alona Kimhi - 1966 in der Sowjetunion geboren und als Sechsjährige nach Israel emigriert - hat sich keine gefällige Protagonistin für ihren Debütroman „Die weinende Susannah“ ausgesucht. Um so erstaunlicher, dass man den tagebuchähnlichen Ergüssen ihrer Hauptfigur zunehmend fasziniert folgt. Denn Thema des Romans ist nicht allein die schwierige Liebe zwischen Mutter und Tochter, sondern auch eines der ältesten Themen der Literatur: das der Erweckung. Bis Susannah wachgeküsst wird, ist es ein langer Weg. In diesem Entwicklungsroman vermeidet die Autorin konsequent jeden Kitsch. Das Buch ist ein imponierendes Abbild der israelischen Gesellschaft.

Subtil und fesselnd: Antonia S. Byatts "Geschichten von Feuer und Eis"

Antonia S. Byatts sechs "Geschichten von Feuer und Eis", die nun, vier Jahre nach der englischen Erstveröffentlichung, auf Deutsch erschienen sind, festigen den Ruf der britischen Schriftstellerin als Meisterin der raffinierten Form. Die Geschichten, die von Alter und Abschied, vom Schauen und Erinnern, von Farben und Licht handeln, sind allesamt von einer feinen Gelehrsamkeit. Sie stecken voller Verweise auf Kunst, Musik und Literatur, ohne mit dem Zitatenschatz zu protzen; Meisterwerke der Miniatur, handkoloriert und tiefenscharf, transparent und reicher als viele Breitwandgemälde der Gegenwartsliteratur.

Abgründig, hintersinnig: "Abbitte" von Ian McEwan

Eine missverstandene Beobachtung, eine falsche, folgenreiche Anschuldigung. Ein einziger Tag, der heißeste des Sommers 1935 in England, verändert auf dem Landsitz der Familie Tallis in Surrey das Leben. In "Abbitte" widmet sich Ian McEwan seinen alten, den großen Themen - Liebe und Trennung, Unschuld und Selbsterkenntnis, dem Verstreichen von Zeit -, und er tut dies souveräner, sprachmächtiger und fesselnder denn je.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Vorletzte Werte

Von Thomas Thiel

Die Welt hat eine neue Religion: „Kopinismus“ nennt sich der offiziell anerkannte Glaube an das Filesharing als höchsten Lebenssinn. Es geht aber nicht um letzte, sondern um strategische Werte. Mehr