Britische Schüler bekommen in diesen Tagen die Ergebnisse der dem Abitur und der mittleren Reife entsprechenden Prüfungen. Im Vorfeld hat eine der führenden Privatschulen Eltern durch eine elektronische Mitteilung informiert, dass die Noten auf dem Internetportal erhältlich seien. Allerdings, so fügte die Schule hinzu, bestimmten die Kinder, von denen die meisten freilich noch minderjährig sind, ob ihre Eltern Zugang zu ihren Abschlussergebnissen hätten oder nicht.
Es mag dies ein winziges Detail sein, denn früher oder später kommt die Wahrheit unweigerlich ans Licht. Die Mitteilung der Schule ist jedoch symptomatisch für eine kindzentrierte Pädagogik, die in Großbritannien selbst auf jene Institutionen übergegriffen hat, die noch für Disziplin und ein klares Wertesystem einstehen. In Teilen des staatlichen Schulwesens ist dieses von dem partnerschaftlichen Erziehungsmodell gesteuerte Denken, wonach Folgsamkeit als Einschränkung der kindlichen Freiheiten und Entscheidungsspielräumen empfunden wird, ins Absurde geführt worden, wie die Sekundarschullehrerin Katharine Birbalsingh unlängst in ihrem Bestseller „To Miss with Love“ dokumentiert hat.
Rechte ohne Verantwortung
Katharine Birbalsingh, die im vergangenen Jahr auf dem Parteitag der Konservativen Furore machte mit ihrer Beschreibung des Versagens des Gesamtschulsystems, ist seit den Unruhen viel zu Wort gekommen. Lehrer hätten solche Ereignisse seit Jahren vorausgesagt, schreibt sie jetzt im „Daily Telegraph“, aber niemand habe ihre Warnungen beachtet. Weder zu Hause noch in der Schule hätten diese Jugendlichen den Unterschied zwischen Recht und Unrecht gelernt: „Das Einzige, was wir ihnen beibringen, ist, dass das Establishment gegen sie ist, dass sie Opfer sind und dass die Reichen schuld sind.“
Shaun Bailey, ein erfahrender Jugendarbeiter aus dem Westen Londons, sieht ebenfalls in der „progressiven“ Mentalität eine Ursache des moralischen Zusammenbruchs, der sich bei den Krawallen offenbarte. In den letzten zwanzig Jahren sei der Jugend eingeredet worden, dass ihre Meinungen mehr zählten als irgendeine andere. Auch er zitiert die Formel von den Rechten ohne Verantwortung, die im Zusammenhang mit den Beutezügen oft wiederholt wird.
Ignoranz einer verlorenen Generation
Der sozial engagierte britische Koch Jamie Oliver hat mit der Fernsehserie „Jamie’s Dream School“ zu beweisen versucht, dass auch schwererziehbare Kinder durch gute Lehrer dazu motiviert werden könnten, ihre schulische Ausbildung ernst zu nehmen. Woche für Woche waren britische Fernsehzuschauer Zeuge der Demütigungen, denen die prominenten Lehrer, darunter der Dichter Andrew Motion, der Historiker David Starkey, der Mediziner Robert Winston und die Anwältin Cherie Blair, von Seiten der rüpelhaften siebzehn- und achtzehnjährigen Schüler ausgesetzt waren. Als grausamen Zuschauersport mögen manche die Serie als unterhaltend empfunden haben, als Abbild „des Wesens, des Niveaus, der Einstellungen und der völligen Ignoranz einer ganzen verlorenen Generation“ sei sie „mehr als herzergreifend“, urteilte der Publizist A. N. Wilson.
Er wies darauf hin, dass die Fernsehshow nicht für eine Sekunde „die gefährliche Ideologie in Frage stellt, die diese jungen Menschen überhaupt erst in Schwierigkeiten gebracht hat: dass der Einzelne keine Verantwortung mehr für irgendetwas tragen muss“, dass das System schuld sei an allem. In gewisser Hinsicht treffe das zu, gestand Wilson, nicht jedoch so, wie es die linksliberale Ideologie über vierzig Jahre hinweg gepredigt habe. Das Versagen liege vielmehr darin, dass diese Jugendlichen der persönlichen Verantwortung für ihre Handlungen, des Gehorsams und der Selbstbeherrschung beraubt worden seien. Das war im März.
Ein multikultureller Krawall
Auch jetzt, nachdem die Welt Zeuge der offenkundigen Versagen geworden ist, wehren sich die Vertreter dieser Ideologie immer noch energisch gegen die unvermeidlichen Schlussfolgerungen. Das zeigt sich am Beispiel des zur Polemik neigenden David Starkey, der nach seiner Erfahrung mit „Jamie’s Dream School“ mangelnde Disziplin als Kern der Malaise im Bildungswesen ausmachte. Der Historiker hat einen Sturm der Entrüstung entfacht, als er sich vor einigen Tagen in einer Fernsehdiskussion zum tiefen kulturellen Wandel äußerte, der den Unruhen zugrunde liege. Starkey wagte zu behaupten, dass die schwarze Jugendkultur auf die Weißen übergegriffen habe, und wandte sich gegen die Mode „einer besonderen Art von gewaltsamer, nihilistischer Gangster-Kultur“. Schwarze und Weiße, Jungen und Mädchen agierten gemeinsam und sprächen dasselbe Idiom, das von Akademikern als multikulturelles Englisch bezeichnet wird.
Im Volksmund heißt es „Jafaican“, ein Verschmelzung von „Jamaican“ mit „fake“. Die Weißen seien Schwarze geworden, meinte Starkey, und wurde sogleich des Rassismus bezichtigt. Er hatte den Fehler gemacht, sich auf den Politiker Enoch Powell zu berufen, der sich in den sechziger Jahren mit seinen als demagogisch empfundenen Warnungen vor den Folgen der Einwanderung marginalisiert hatte und dessen Name zum Reizwort geworden ist. Starkey sagte ausdrücklich, Powell habe in einem Punkt völlig geirrt: Er habe interethnische Gewalt vorausgesagt, tatsächlich aber habe die aktuelle Gewalt nichts mit der Hautfarbe zu tun gehabt, sondern sie sei kulturell bedingt. Starkeys Kritiker haben nur die aus dem Zusammenhang gerissenen Zitate gelesen und sind über ihn hergefallen, weil er ohne gebührende Vorsicht ein Tabu berührt hat.
Katharine Birbalsingh bestätigt, dass ihre Schüler dem Glamour der Rapper mit ihren Frauen und ihrem Glitzerkram erlegen seien. Es sei ein harter Kampf gewesen, die Kinder davon zu überzeugen, dass die Maxime des Rappers 50 Cent, „Get Rich or Die Trying“, falsch sei. Mehr als sechzig Prozent der im Zusammenhang mit den Krawallen Festgenommen sind vorbestraft. Eine demographische Analyse liegt noch nicht vor, wohl nicht zuletzt wegen der Scheu, zwischen Schwarzen und Weißen zu unterscheiden. Aber schon jetzt steht fest, dass dies ein multikultureller Krawall war.
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