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Literarischer Briefwechsel : Heidegger? Was für ein blöder Dichter!

  • -Aktualisiert am

Der schottische Künstler Ian Hamilton Finlay. Bild: www.bridgemanimages.com

Treffen sich ein Renaissancemensch und ein Mann der Moderne und verstehen sich prächtig: Der Briefwechsel zwischen dem schottischen Künstler Ian Hamilton Finlay und dem österreichischen Dichter Ernst Jandl.

          Für den schottischen Literaten und Künstler Ian Hamilton Finlay führte ein direkter Weg aus seinem weitläufigen Landschaftsgarten in das imaginäre Reich seiner Dichtung. Während des Ausbaus eines neuen Teichs bot ihm die Lieferung einer halben Tonne Beton (im Englischen: „concrete“) jedenfalls Anlass, um über das Sprachmaterial der konkreten Poesie nachzudenken, zu deren Pionieren er zählte.

          Nicht nur, dass Finlay seine Verse in Stein meißelte und als „gebaute Gedichte“ in die Landschaft stellte, auch zu Papier gebrachte Zeilen interessierten ihn nicht zuletzt in ihrer Dinghaftigkeit und Materialität. Über ein Gedicht, das ihm der Wiener Kollege Ernst Jandl geschickt hatte, schrieb er, dass es zwar funktioniere, jedoch sei es nicht „von innen heraus erhellt“. Nachzulesen ist das im ursprünglich auf Englisch geführten Briefwechsel zwischen den beiden Dichtern, der nun in einer schön gestalteten Übersetzung mit zahlreichen Faksimiles der Briefe und Gedichte erschienen ist.

          Förmlicher Beginn eines literarischen Briefwechsels

          Auch bei Jandl liest sich das Nachdenken über Poesie mitunter wie eine Rede über leibhaftige Wesen: Gedichte wollen gelesen, aber auch gesehen werden, schreibt er, sie könnten im Alter „verblühen“, hätten „ihr eigenes kleines Dasein“, und er habe „das Gefühl, mich um sie kümmern zu müssen und ihnen dabei zu helfen, einen Platz in dieser Welt zu finden“. Begonnen hatte der Briefwechsel im September 1964, nachdem Jandl durch einen Hinweis Eugen Gomringers auf Finlays Gedichte aufmerksam geworden war. Zu Beginn ist der Stil noch zögerlich und förmlich, und Jandl stellt sich dem Briefpartner vor, als handelte es sich um ein offizielles Bewerbungsschreiben: „Ich bin Wiener, wurde wie Sie 1925 geboren und unterrichte Englisch und Deutsch an einem Wiener Gymnasium.“

          Der österreichische Dichter Ernst Jandl.

          Rasch wird der Ton jedoch vertraulich und heiter, Finlay druckt Jandls Gedichte in seiner Literaturzeitschrift ab, und beide erhoffen sich von ihrer Verbindung einen Ausgang aus der als bedrückend empfundenen Isolation. Beide sind sichtlich um den Aufbau eines internationalen Netzwerks der konkreten Poesie bemüht, und Jandl versucht den von Geldsorgen und missgünstigen Kollegen behelligten Brieffreund bei deutschen Verlegern bekannt zu machen.

          Zugleich dokumentieren die Briefe sehr anschaulich die gänzlich entgegengesetzten Lebensentwürfe der beiden Autoren. Während Jandl in Wien sitzt und den „lästigen Pflichten des Junggesellen“ nachkommt, hat Finlay sich nach langjähriger Arbeit als Schafhirte in seinem Kunstgarten „Stonypath“ niedergelassen, lebt dort mit Frau und zwei Kindern, konstruiert Modellflugzeuge und macht sich während der Wintermonate Gedanken darüber, wie es wohl den Goldfischen unter dem zugefrorenen Teich ergeht. Jandl besucht ihn dort auch einmal und nimmt ansonsten vom Wiener Schreibtisch aus Anteil an dieser ländlichen Existenz – etwa als Finlay berichtet, er müsse neugeborene Kätzchen töten, da der Förster sie sonst mitsamt ihrer Mutter erschießen werde. „Schade, dass man das mit Katzen nicht besprechen kann“, bemerkt Jandl.

          Daneben gibt es aufschlussreiche, mitunter auch witzige Betrachtungen zur Kunst: „Ich hasse partizipatives Theater. Und Du?“, schreibt Finlay einmal. Wenn man schon auf Partizipation setze, dann müsse sie doch in beide Richtungen funktionieren, fügt er hinzu und nennt das Beispiel einer Dame aus Edinburgh, die der im Zuschauerraum agierenden Hauptdarstellerin während des Spiels ein Stück Schokolade anbot. Doch treten mit der Zeit auch erste Verwerfungen zwischen den ungleichen Brieffreunden auf.

          Als Jandl überraschend die Zusage zur englischen Übersetzung seiner frühen Gedichte verweigert, für die Finlay bereits Linolschnitte in Auftrag gegeben hatte, folgt eine längere Funkstille. Und wenn Jandl die liebenswerte und unvergessliche Poesie des Brieffreundes lobt, ist diesem Urteil ein unverkennbarer Unterton des Missfallens beigemischt: Finlay sei eben letztlich ein religiöser Mensch, der die idyllische Welt der Vorrenaissance wiedergewinnen wolle, während er selbst doch das genaue Gegenteil darstelle – einen Mann der Moderne, der jeden verbindlichen Wertekatalog von sich weise. Finlays gelegentliche Versuche, den Dichterkollegen zu poetologischen Betrachtungen zu verleiten, brechen denn auch meist unvermittelt ab.

          Programmatisch und heftig wird der ansonsten so besonnene Jandl nur ein einziges Mal: als Finlay sich mit dem Gedanken trägt, zwei Gedichte Martin Heideggers abzudrucken. Diese „Selbstbau-Gedichte“ könne er nur als Zeitvertreib eines literarischen Amateurs betrachten, antwortet Jandl, ihre öffentliche Existenz sei durch nichts zu rechtfertigen. Als Finlay sich so rasch nicht überzeugen lassen will, fertigt Jandl eine englische Rohübersetzung der Gedichte an, um ihre „Blödheit“ endgültig unter Beweis zu stellen.

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          Im Laufe der Zeit nimmt die Zahl der Briefe merklich ab, zu unterschiedlich gestaltet sich der Alltag der beiden Dichter. Während Jandl dank seiner wachsenden Erfolge den Lehrerberuf aufgeben kann, renommierte Preise in Empfang nimmt und zu Lesereisen aufbricht, bleibt der gesundheitlich stets angeschlagene Finlay an Ort und Stelle, baut seinen Skulpturengarten aus und berichtet selbstironisch von den zahllosen kleinen „Schlachten“ des Alltags, „die ich (selbstverständlich) immer gewinne, allerdings auf diese unbefriedigende Weise, dass die gegnerische Seite (die Welt) zu uneinsichtig ist, um zu erkennen, wie vernichtend sie geschlagen wurde“.

          In den letzten Jahrzehnten seines Lebens kam schließlich auch für Finlay doch noch die öffentliche Anerkennung – weniger in der literarischen Welt als im Feld der bildenden Kunst. 1985 war er für den Turner-Preis nominiert, zwei Jahre später lud man ihn zur documenta ein, es folgten Einzelausstellungen in Barcelona und der Londoner Tate. Aber da war der Briefwechsel mit dem Junggesellen im fernen Wien bereits seit Jahren abgebrochen.

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