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Veröffentlicht: 23.02.2017, 09:10 Uhr

Brief aus Istanbul Der Fall Deniz Yücel

Andere schwiegen, er aber nicht. Deswegen hält die türkische Polizei meinen Freund Deniz Yücel gefangen. Als ich festgenommen wurde, gehörte er zu denen, die auf meine Freilassung warteten. Jetzt warten wir auf ihn.

von Bülent Mumay
© dpa Im „Gewahrsam“ der Istanbuler Polizei: Deniz Yücel, als er im vergangenen Jahr in der ZDF-Talkrunde „Maybrit Illner“ zu Gast war.

Der Staatspräsident der Türkei, jenes Landes also, das auf der Liste der internationalen Pressefreiheit auf Rang 151 von 180 abgerutscht ist und wo zurzeit mehr als 150 Journalisten im Gefängnis sitzen, hat in der vergangenen Woche bei einem Staatsbesuch in Katar erklärt, die Presse in der Türkei sei freier als in jedem anderen westlichen Land. Was, glauben Sie, lieber Leser, geschah außerdem an jenem Dienstag? Mein Freund Deniz Yücel, Türkeikorrespondent der Zeitung „Die Welt“, wurde in Istanbul in Polizeigewahrsam genommen. Auf einem Polizeipräsidium hatte er eine Aussage zu Ermittlungen über seine Berichterstattung machen wollen. Seitdem wird er festgehalten.

In der Türkei gibt es einen bekannten Slogan: „Schweige nicht, denn wenn du schweigst, bist du als Nächster dran.“ Leider hat dieser Aufruf zur Solidarität bei uns nie wirklich funktioniert. Die meisten Menschen schwiegen lieber, und jene, die es nicht taten, waren irgendwann „als Nächste dran“. Mich selbst traf es kurz nach dem versuchten Militärputsch. Ich wurde festgenommen, kam aber zum Glück schon nach einigen Tagen wieder frei. Zu verdanken habe ich das politischen Reaktionen, die auf meine Festnahme gefolgt waren, sowie meinen Freunden und meinem Netzwerk, die mich nicht im Stich ließen. Auch Deniz Yücel gehörte zu meinem Unterstützerkreis. In der „Welt“ hatte er über meine Festnahme berichtet, und an dem Tag, als ich dem Richter vorgeführt wurde, harrte er bis um Mitternacht vor dem Gerichtsgebäude aus. Eine Handvoll Menschen erwartete mich dort, um mich in die Arme zu schließen. Einer von ihnen war mein Freund Deniz.

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Wie gesagt hat der genannte Slogan bei uns eher den gegenteiligen Effekt: Diejenigen, die nicht schweigen, werden bestraft. Deniz hat Schweigen nie akzeptiert. Und das, obwohl er neben einem deutschen auch einen türkischen Pass besitzt; er also wusste, dass er in der Türkei unter das türkische Strafgesetzbuch fällt und kritische Fragen und Berichte ein Risiko für ihn bedeuten können. Deniz blieb mutig, und deshalb war seine Festnahme in der vergangenen Woche auch nicht seine erste Erfahrung mit der türkischen Polizei: Vor zwei Jahren wurde Deniz kurzzeitig in Sanliurfa festgenommen, weil dem dortigen Gouverneur seine Fragen zu Flüchtlingen aus Syrien missfallen hatten. Danach ließ Deniz aber nicht davon ab, weiterhin offen kritisch zu sein.

Mut bei der Pressekonferenz mit Merkel

Im Februar 2016, kurz nach Abschluss des EU-Flüchtlingsdeals mit der Türkei, als die Bundeskanzlerin zu Besuch in Ankara war, bewies Deniz abermals Mut. Bei der Pressekonferenz, die Angela Merkel zusammen mit dem damaligen Ministerpräsidenten Davutoglu abhielt, wollte er unter anderem von Angela Merkel wissen, warum sie mittlerweile von ihrer Kritik an mangelnder Meinungsfreiheit und der Lage der Menschenrechte in der Türkei abgerückt sei. Deniz fragte auch, warum sie zu dem brutalen Vorgehen der Armee und Polizei gegen die Kurden schweige. Deniz sagte: „Journalisten sitzen hier im Gefängnis. Warum schweigen Sie dazu?“ Die Situation im deutsch-türkischen Verhältnis habe sich mittlerweile geändert, antwortete Merkel sinngemäß. Davutoglu griff Yücel offen an: Das sei ja überhaupt keine Frage, sondern eine politische Aussage. Die Tatsache, dass Yücel in einer Pressekonferenz eine solche Frage stellen könne, beweise ja, dass es im Land Pressefreiheit gebe. Damit war Davutoglu aber noch lange nicht fertig mit meinem Freund.

44932669 © EPA Vergrößern Eine Botschaft, ein Autokorso vor ein paar Tagen in Berlin: „Free Deniz“.

In einer kurz darauf gehaltenen Rede verkündete er, dass Deniz neben der deutschen auch die türkische Staatsbürgerschaft besitze. Er sagte: „Dieser Journalist wollte provozieren und Schuldzuweisungen gegen die Türkei betreiben. Natürlich kann jeder Fragen stellen, aber er bekommt dann eben auch die Antwort, die er verdient.“ Für die regierungsnahen Medien war das ein Signal. „Schaut mal, wer dieser PKK-Journalist ist, den Davutoglu so souverän zurechtgewiesen hat“, schrieb die Zeitung „Sabah“, veröffentlichte ein Foto von Deniz und wies auf ein Interview hin, das er viele Monate zuvor mit einem Anführer der PKK geführt hatte. Und in einem Online-Portal wurde Deniz „Religionsfeind“ genannt. In Erdogans Türkei kommt das einem Aufruf zur Lynchjustiz gleich.

Deniz Yücel hätte die Türkei daraufhin verlassen können. Doch er blieb und fragte weiter. Andere hingegen verfielen immer mehr in Schweigen, was alles nur noch schlimmer gemacht hat. Vielleicht hatten sie Angst, vielleicht haben sie noch immer Angst.

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