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Brief aus Istanbul : Raki haut ganz schön rein

  • -Aktualisiert am

Für meine guten Freunde: Was den Griechen der Ouzo, ist in der Türkei der Raki. Aber auch der ist dem Staatspräsidenten Erdogan, wie so vieles, unerwünscht. Bild: Sinan Cakmak / Anzenberger

Präsident Erdogan weiß, wie man uns das Feiern vergällt: Er erhöht die Alkoholsteuer massiv. Derweil schreibt ein Journalist nüchtern, der Staat habe Terrororganisationen unterstützt.

          Das Beste, was man aus einem Mix von Trauben, Zucker und Anis machen kann, ist Raki, jedenfalls wenn Sie uns Türken fragen. Wir trinken ihn als Raki, unsere griechischen Nachbarn am gegenüberliegenden Ägäis-Ufer als Ouzo, geschmacklich leicht unterschieden, die Araber als Arak. Dieses Getränk ist eines der raren Dinge, auf die man sich in dieser Region, wo man so einige Animositäten gegeneinander hegt, einigen kann. Wer ihn zu trinken versteht, genießt ihn, Anfänger dagegen haut er um. Keinesfalls sollte man ihn allein trinken. Er braucht Begleitung, auf dem Tisch leichte Meze-Häppchen wie Honigmelone oder Feta und an Ihrer Seite mindestens einen Freund zum Anstoßen.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Bis 2003 wurde Raki in der Türkei ausschließlich vom Staat hergestellt. Ein Jahr nach Regierungsantritt der AKP aber wurde das Unternehmen, das das staatliche Monopol für Alkohol und Zigaretten hielt, privatisiert. Das mag der erste und einzige Gefallen gewesen sein, den die AKP Konsumenten von Alkohol in diesem Land je tat. Fortan zierten Dutzende Raki-Marken von unterschiedlichem Alkoholgehalt, Geschmack und Aroma die Regale in den Geschäften. Allerdings kam uns der Gefallen der Erdogan-Regierung teuer zu stehen.

          Der Raki begleitet uns weiter

          2002, als die AKP an die Macht kam, zahlten wir für die allgemein als „der Große“ bekannte 0,7-Liter-Flasche rund fünf Euro. Selbstverständlich wurden Spirituosen auch damals besteuert. Dennoch erschwerte Raki seinen Käufern nicht das Leben. Stotterte die Wirtschaft, fiel den Erdogan-Regierungen als Erstes ein, die Raki-Steuer zu erhöhen. Die Preiserhöhungen nahmen sie natürlich in dem Wissen vor, damit die eigene konservative Wählerschaft kaum zu treffen. Das Abstrafen von Alkoholkonsumenten war ein Nebeneffekt. Vergangene Woche erhöhte der Staat wieder einmal die Raki-Steuer. Die Steuer auf Raki beläuft sich mittlerweile auf insgesamt 70 Prozent. Der Große, den wir vor Erdogan für fünf Euro bekamen, kostet heute 23 Euro. Bei keinem anderen Produkt gab es eine drastischere Preissteigerung.

          Nun liegt es uns aber fern, aufgrund des „Gefallens“, den die AKP den Konsumenten tat, die Finger vom Raki zu lassen. Manche sparen bei anderen Ausgaben, andere trinken einfach weniger, doch der Raki begleitet uns weiter. Einige fanden eine noch praktischere Lösung: hausgemachter Raki! Trauben und Anis sind nicht schwer aufzutreiben. Für echten Raki muss Zucker in Alkohol umgewandelt werden. Es werden aber täglich mehr, die diesen mühseligen Prozess scheuen und stattdessen einfach Ethylalkohol aus Agrarproduktion einsetzen. Was bereits unangenehme Folgen hatte. Personen starben oder erblindeten an in billigen Lokalen ausgeschenktem hausgemachten Raki. Die Heimerzeuger steckten aber nicht auf. Der Verkauf von Ethylalkohol expandierte weiter.

          Kein Platz für Andersdenkende

          Jede Preiserhöhung, die die AKP dem Raki verpasste, steigerte die Selfmade-Produktion weiter. Was wiederum die erwarteten Steuereinnahmen minderte. Nun holte die Regierung, die den Verkaufspreis für Raki in den letzten fünfzehn Jahren um das beinahe Sechsfache erhöhte, zu einem „bitteren“ Schlag gegen die Eigenherstellung aus. Sie ordnete an, dass in Geschäften angebotenem Ethylalkohol eine „bitter schmeckende Substanz“ zugesetzt wird. Was hinter dieser Neujahrsüberraschung der AKP steckt, ist klar.

          Hausgemachten billigen Raki zur Umgehung von astronomisch besteuertem Raki wird es nicht mehr geben. Für ein Fünftel des Preises, den der echte Raki im Laden kostet, Raki Marke Eigenproduktion herzustellen wird nur noch ein Traum sein. Es bleibt nur ein Ausweg: türkischen Raki in Deutschland kaufen. Das ist kein Scherz. Ein „Großer“, für den wir hier 23 Euro zahlen, kostet bei Ihnen im Getränkemarkt dreizehn Euro.

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