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Brief aus Istanbul : Wie man Cola hinrichtet und Apfelsinen ersticht

  • -Aktualisiert am

Wenn Erdogan ein anderes Land kritisiert, sind seine Landsleute mit von der Partie. Bild: AFP

Kühe werden ausgewiesen und bestimmte Frisuren sind ein No-Go: Wenn sich die türkische Regierung gegen ein anderes Land ausspricht, machen alle mit. Warum ist das so?

          Auf die Frage, was typisch türkisch sei, erhalten Sie vermutlich in jedem Land andere Antworten. Aufgrund der politischen Spannungen dürfte es derzeit vermehrt negative Antworten geben. Weltbürger aber, die die Türkei bereist oder mit Türken Zeit verbracht haben, können sich wahrscheinlich auf folgende Eigenschaft einigen – Gastfreundschaft. Dieses Attribut ist natürlich nicht allein den Türken zu eigen. Doch ohne Übertreibung lässt sich wohl sagen: Sie ist unser hervorstechendstes Merkmal. Wir zögern keine Sekunde lang, unseren Gästen behilflich zu sein, ihnen unsere Türen zu öffnen und unser Brot mit ihnen zu teilen.

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          Gibt es wohl in irgendeiner anderen Sprache einen Ausdruck wie „Gottesgast“? Es gibt bei uns die Tradition, stets einen leeren Teller mehr auf den Tisch zu stellen, für den Fall, dass unvermutet ein Gast eintrifft. Einen Besucher nehmen wir mit offenen Armen auf und betrachten ihn als einen von uns. Dass wir uns so schnell für jemanden erwärmen, ihn aufnehmen und die Türen weit öffnen, hat leider auch eine Kehrseite: Ärgern wir uns über einen Gast oder jemanden, den wir als Freund betrachten, sehen wir schnell rot. Dann weicht Lächeln der Wut, Türen werden zu Mauern. So rasch wir uns anfreunden, so rasch hassen wir auch. Hier zeigt sich eine der Grundwahrheiten der Soziologie: Unsere Eigenarten auf der Mikroebene wirken sich böse auf unsere Makrostruktur aus.

          Wie die Bürger, so die Regierung

          Wie unsere Bürger, so neigt auch unser Staat schnell zu Mögen oder Hassen. Wen er an einem Tag einen Freund nennt, den erklärt er womöglich im nächsten Moment zum Feind. Auch ein Land kann im Handumdrehen wieder Freund sein. Dass in unseren internationalen Beziehungen Freund- und Feindschaft von jetzt auf gleich wechseln, ist nicht neu. In den vergangenen Jahren haben wir da allerdings selbst die eigenen Rekorde gebrochen. Da ist es nur natürlich, dass auch die Gesellschaft, je nach Regierungspolitik, Freund und Feind rasant gegeneinander austauscht. Ihre Feindschaft erklärt sie dann auch gleich aller Welt mit surrealen Reaktionen und einzigartigen Boykott-Arten.

          Lassen Sie mich ein Beispiel aus der Vergangenheit nennen: die Krise mit Italien 1998 wegen der Auslieferung von PKK-Chef Abdullah Öcalan. Die Terrororganisation hatte damals ihr Rückzugsgebiet in Syrien, von dort steuerte Öcalan den bewaffneten Kampf gegen die Türkei, in den dortigen Camps wurden Aktivisten ausgebildet und in unser Land geschickt. Als die Türkei ein Ultimatum stellte, drängte Syrien Öcalan dazu, außer Landes zu gehen. Er flüchtete sich nach Italien, woraufhin sich die Pfeile der Türkei gegen Italien richteten. Als die Regierung in Rom das Ersuchen um Öcalans Auslieferung ablehnte, war die Empörung in der Türkei groß.

          Ablehnung auf allen Ebenen

          Die Reaktionen gingen weit über die Diplomatie hinaus. Fast alle Kreise im Land empörten sich gegen Italien. Im Fernsehen lief ein Spot mit einem Nudelgericht, übergossen mit Blut statt Soße. Darin wurde zum Protest gegen Italien und zum Boykott seiner Produkte aufgerufen, am Ende hieß es: „Taucht eure Nudeln nicht in Blut.“ Gegen italienische Produkte rollte eine Protestlawine an. Kühlschränke made in Italy und mit italienischer Lizenz in der Türkei von einer türkischen Firma produzierte Autos wurden auf den Straßen abgefackelt. Fußballvereine zogen Trikots mit Werbung eines italienischen Unternehmens aus, der Staat entfernte italienische Kanäle aus dem Kabelfernsehen.

          Türkische Textil- und Möbelfirmen, die zur Verkaufsförderung italienische Namen gewählt hatten, bereuten den Fehler ihres Lebens. Manche sahen sich gezwungen, ganzseitige Zeitungsanzeigen zu schalten: „Wir sind eigentlich Türken.“ Zuvor gekaufte italienische Hemden und Seidenkrawatten wurden nun aus Protest gegen Italien öffentlich verbrannt. Nutella, produziert von einer italienischen Firma, blieb in den Supermarktregalen stehen. Eine Schauspielerin, die in Rom geboren worden war und deshalb Perihan die Römerin genannt wurde, trat im Fernsehen auf und bat darum, nicht länger als Römerin bezeichnet zu werden.

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