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Brief aus Istanbul : Der deutsche Feind

  • -Aktualisiert am

Die Türkei bin ich: Recep Tayyip Erdogan weiß ganz genau, wo er hinwill. Bild: Reuters

Im Wahlkampf braucht Recep Tayyip Erdogan ein Feindbild. Das hat er nun. Wie immer deutsche Politiker reagieren, der türkische Präsident bleibt beim Nazi-Vergleich. Seine Taktik geht auf.

          Nachdem in Deutschland von kommunaler Ebene Auftritte türkischer Minister abgesagt worden sind, hat Staatspräsident Erdogan gesagt, das seien „Nazi-Methoden“. Ich kann mir gut vorstellen, wie sich Ihnen die Haare gesträubt haben, als Sie das hörten, lieber Leser. Das ist verständlich, doch aus verschiedenen Gründen bin ich keineswegs so überrascht und erzürnt, wie Sie das wahrscheinlich sind. Auch glaube ich, dass es ein Schritt in die falsche Richtung war, die Auftritte türkischer Minister zu verhindern, zumal Ministerpräsident Yildirim schon einige Wochen zuvor in Oberhausen aufgetreten war. Ich will versuchen, Ihnen meine Beweggründe zu erklären, muss dafür aber etwas ausholen.

          In der Türkei und in Deutschland ist gerade ein Kinofilm angelaufen, der Erdogans Kindheit und seinen Aufstieg zum Oberbürgermeister von Istanbul erzählt. Der Film heißt „Reis“ („Anführer“), denn so wird Erdogan von seinen Fans genannt. Bis zum Referendum am 16. April werden noch sehr viele Türken „Reis“ gesehen haben. Die bisherigen Besucherzahlen sind jedoch enttäuschend, sie gingen nicht über 60.000 hinaus. Mit der Qualität des Films hat das wenig zu tun, ausschlaggebend ist eher, dass Erdogan-Anhänger wie -Gegner wissen, was sie von diesem Film zu erwarten haben. Was er zeigt, ist sozusagen ihre Realität. Und deshalb hat es auch mich nicht überrascht, dass Erdogan Deutschland „Nazi-Methoden“ vorwirft. Das passt zu dem Film in dem wir gewissermaßen seit fünfzehn Jahren leben. Die Hauptrolle darin besetzt die unverhältnismäßige Gewalt. Mal ist sie physisch, mal verbal – unverhältnismäßig ist sie immer. Sie wird ausgelöst durch jede Form von Kritik, durch abweichende Meinungen oder einfach, weil Menschen ihre Rechte einfordern wollen.

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          „Terroristen“, „Separatisten“, „Marodeure“

          Wir erlebten diese unverhältnismäßige Gewalt beispielsweise, als der Protest gegen die Zerstörung des Istanbuler Gezi-Parks im Jahr 2013 eine landesweite Revolte auslöste. Zehn junge Menschen wurden damals durch Polizeigewalt getötet, alle übrigen Demonstranten blieben nicht von Erdogans verbaler Gewalt verschont: „Terroristen“, „Separatisten“, „Marodeure“ nannte er sie. Erdogan hat schon immer zuerst zu jenen Worten gegriffen, die – wenn überhaupt – erst am Ende einer Auseinandersetzung fallen sollten. Stellen Sie sich einen Fischer vor, der mit Dynamit auf Fischfang geht.

          In dieses Schema passt auch, dass Erdogan, anstatt auf kritische Zeitungsberichte Dementi folgen zu lassen, den Medienunternehmen lieber Finanzbeamte auf den Hals hetzt, die Strafen in Millionenhöhe verhängen. Oder die betreffenden Journalisten werden, wie nach dem Putschversuch geschehen, um ihre Jobs gebracht oder „Terroristen“ genannt und verhaftet. Ihnen, lieber Leser, der nun mit Erdogans Ausspruch von den „Nazi-Methoden“ selbst Bekanntschaft mit dieser unverhältnismäßigen verbalen Gewalt gemacht hat, bleibt nur zu sagen: Willkommen in der neuen Türkei.

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