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Erdogans Verfolgungswahn : Hast du einen Dollar, giltst du als Verräter

  • -Aktualisiert am

Gefährliches Geschäft: türkische und amerikanische Banknoten in einer Wechselstube in Istanbul Bild: AP

Erst konnte jeder, bei dem ein Dollar gefunden wurde, mit der Gülen-Bewegung in Verbindung gebracht werden. Jetzt trifft Erdogans Verfolgungswahn jeden, der überhaupt Devisen besitzt.

          Im Jahr 1785 beschloss der amerikanische Kongress, dass der Dollar die gemeinsame Währungseinheit aller Bundesstaaten sein solle. Die Geldscheine, die fast ein Jahrhundert später herauskamen, wurden aufgrund ihrer Farbe als „Grüne“ bezeichnet. Das Drucken falscher Banknoten wurde unter Strafe gestellt. 231 Jahre später ist der Dollar in einem Tausende von Kilometern entfernten Land nun selbst zum Delikt geworden.

          Sind Sie jemals wegen des Besitzes von Fremdwährung festgenommen worden? Wäre es für Sie denkbar, dass man Sie wegen einer Ein-Dollar-Note als Terrorist ins Gefängnis steckt? Können Sie sich vorstellen, dass man Sie zum Auflösen Ihres Devisenkontos drängt, das Sie neben einem Bankkonto in der Währung Ihres Landes besitzen? In der Türkei kann das alles passieren. In jedem Rechtssystem ist es eine Straftat, Geld zu stehlen. Bei uns ist es eine Straftat, welches zu besitzen.

          Der Dollar-Schein als Mitgliedsausweis

          Beginnen wir damit, wie aus der Ein-Dollar-Note ein Beweis für die Mitgliedschaft in einer Terrororganisation wurde. Die Putschisten vom 15. Juli sind glücklicherweise gescheitert. Der in den Vereinigten Staaten lebende Prediger Fethullah Gülen wurde zum Hauptverantwortlichen des Coups erklärt, seine Anhänger werden strafrechtlich verfolgt. Auf der Liste, die mittlerweile Tausende von Namen umfasst, stehen mächtige Geschäftsleute und anatolische Kleinunternehmer genauso wie Journalisten und Fußballnationalspieler.

          Auf die Frage, warum einige dieser Leute wegen „Mitgliedschaft in einer Terrororganisation“ verhaftet worden sind, hatte die Regierung schnell eine Antwort parat: „Sie hatten eine Ein-Dollar-Note bei sich!“ Ich weiß, das klingt absurd. Aber die Argumentation der Regierung lautet: Die putschenden Militärs trugen Ein-Dollar-Scheine bei sich, denn Fethullah Gülen hatte zuvor diese als eine Art Mitgliedsausweis an seine Anhänger in der Türkei verteilt. Die Seriennummern auf den Scheinen sind Mitgliedsnummern.

          Schnell die Scheine zerschneiden

          Unabhängige Quellen hatten keine Chance zu bestätigen, ob das der Wahrheit entspricht. Wer unter den Bedingungen des Ausnahmezustands freien Journalismus auszuüben versucht, riskiert, verhaftet zu werden. Mit lauter Stimme reden nur noch regimetreue Medien, die tausendfach die Erklärung der Regierung wiederholen. Vermutlich kann jeder die Panik von Millionen von Menschen nachvollziehen, als sie kurz nach dem Putschversuch über das Fernsehen von der Ein-Dollar-Theorie erfuhren. Ein Journalisten-Kollege - er hat weder mit dem Putsch noch mit Gülen das Geringste zu tun, war aber einige Monate vor dem Putschversuch mit seiner Freundin in die Vereinigten Staaten gereist -, sagte: „Was, wenn mir nun irgendein Staatsanwalt wegen eines kritischen Artikels Polizisten ins Haus schickt, die nach Beweisen für meine angebliche Mitgliedschaft in einer Terrororganisation suchen sollen? Was, wenn sie dabei einen Ein-Dollar-Schein finden, womöglich einen, dessen Seriennummer mit dem Fethullah-F beginnt?“

          Der Kollege und seine Freundin suchten sofort die paar Scheine, die sie aus ihrem Amerika-Urlaub mitgebracht hatten, zusammen und tatsächlich fanden sich zwei Ein-Dollar-Noten unter ihnen. Mit einer Schere zerschnitten die beiden das Geld, entsorgten die Schnipsel aber vorsichtshalber nicht im Hausmüll, sondern in einem anonymen Müllcontainer. „So weit ist es in unserem Land schon gekommen“, schloss der Journalist.

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