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Veröffentlicht: 12.05.2017, 14:10 Uhr

Brief aus Istanbul Türkische Polizei beschlagnahmt Bücher

Die türkische Politik gleicht einem gordischen Knoten: Präsident Recep Tayyip Erdogan sagt, er wünsche sich eine kritische Jugend. Doch wer kritisch denkt, der wird bestraft.

von Bülent Mumay
© AFP Kalkulierte Meinungsfreiheit: Präsident Recep Tayyip Erdogan lässt in der Türkei Bücher beschlagnahmen - und fordert gleichzeitig das freie Denken.

Die Zeile „Jeder Tod kommt zu früh“ aus dem Gedicht „Stimmt so“ von Cemal Süreya ist eine der berührendsten der türkischen Lyrik. Bei den Todesfällen, die der Dichter für verfrüht hielt, handelte es sich zweifellos um natürliche. Im Jahr 1990 schied er selbst mit nur 59 Jahren aus dem Leben. Er musste nicht mehr erfahren, was zu frühes Sterben in diesem Land alles bedeuten kann.

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Um Berkin Elvan beispielsweise musste er nicht mehr trauern. Bei den Gezi-Protesten 2013 wurde der 15-Jährige von einer Gaspatrone ins Gesicht getroffen. Er lag ein Jahr lang im Koma, bevor er starb. Als sein Leichnam der Familie übergeben wurde, wog Berkin Elvan nur noch 16 Kilo. Zu früh starb auch die 25-jährige Dilek Dogan. Sie wurde vor zwei Jahren getötet, als 13 Polizisten die Istanbuler Wohnung der Familie stürmten und die junge Frau, die man des Terrorismus verdächtigte, vor den Augen ihrer Eltern erschoss. Die Durchsuchung der Wohnung förderte dann nicht einmal Kieselsteine zutage. Genauso traurig ist das Schicksal von Kemal Kurkut. Der 23-Jährige wurde im März in aller Öffentlichkeit und rücklings erschossen, als er die Newroz-Feiern der Kurden in Diyarbakir besuchte. Die Polizei hielt den jungen Mann mit nacktem Oberkörper für einen Selbstmordattentäter. Kemal Kurkut war sofort tot.

Die Uhr des Todes ist in diesem Land immer weiter vorgestellt worden. In der vergangenen Woche brach im kurdischen Sirnak mitten in der Nacht ein Panzerfahrzeug der Polizei durch eine Hauswand und in ein Zimmer. Es rollte über den 6-jährigen Furkan und den 7-jährigen Muhammed, die dort schliefen, hinweg. Die Polizisten ließen das Fahrzeug stehen und flüchteten. In dem Haus hob die Totenklage um die beiden Brüder an.

Autorenportrait / Bülent Mumay © privat Vergrößern Bülent Mumay

Die Verantwortlichen für solche Morde kommen in der Regel praktisch straflos davon. Ihre Taten werden einfach „Anti-Terror-Operation“ oder „Unfall“ genannt. Während wir tagtäglich den Eindruck haben, uns in einer neuen Geisterbahn wiederzufinden, scheinen die Regierenden in einem völlig anderen Film zu sein. Nach den genannten Todesfällen hörte man von ihnen weder eine Entschuldigung noch Beileidsbekundungen. Sie taten, als sei nichts passiert. Während die Opfer begraben wurden, pfiff man gewissermaßen vor sich hin.

„Das Ende der Worte“

Da werden auf der einen Seite immer wieder junge Leute wegen eines einzigen Tweets verhaftet und auf der anderen hält Staatspräsident Erdogan Reden wie jene in der vergangenen Woche, die live auf allen Fernsehkanälen übertragen wurde und in der er sagte: „Wir brauchen keine ungebildete Jugend, die uns gehorcht, ohne Fragen zu stellen, wir brauchen eine Jugend, die weiß, woran sie glaubt, wofür sie eintritt, wofür sie kämpft.“ Dabei hat jeder, der „weiß, wofür er kämpft“, hierzulande kein gutes Ende zu erwarten. Die Adresse von Journalisten und Wissenschaftlern, die der Wahrheit auf der Spur sind, also einfach ihren Job machen, ist mittlerweile entweder das Gefängnis, oder die Tür der Universität, vor die sie gesetzt wurden. Wer ein solches Schicksal nicht akzeptieren will, bricht oftmals zu einem frühen Tode auf. Zwei Wissenschaftler, die ihre Stellen verloren haben, obwohl sie rein gar nichts mit dem Putsch zu tun haben, sind vor über zwei Monaten aus Protest in einen Hungerstreik getreten. Nuriye Gülmen und Semih Özakça geben nicht auf, obwohl sie schon 27mal festgenommen worden sind. Sie sehen als einzigen Ausweg, sich zum Sterben hinzulegen. Während ich diese Zeilen schreibe, kommt die Nachricht, dass sich ihr Zustand verschlechtert hat. Ihre Antwort an Besucher, die sie bitten, die Aktion abzubrechen, lautet: „Das Ende der Worte ist erreicht.“

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Der Ausdruck „das Ende der Worte“ ist leider ein Hafen, den wir häufig anlaufen müssen. Die Kluft zwischen dem, was man uns erzählt, und dem, was wir erleben, hebt oftmals das Realitätsgefühl auf. Sie paralysiert uns alle auf einer surrealen Ebene, als befänden wir uns in einer Atmosphäre ohne Erdanziehungskraft. In diesem Land, in dem erst im 18. Jahrhundert die Druckerpresse eingeführt wurde, ist gerade die Online-Enzyklopädie Wikipedia verboten worden. Wenige Tage danach hielt Erdogan jene Rede, in der er der Jugend freies Denken empfahl. Als gebe es das Wikipedia- Verbot nicht, sagte er: „Trotz des Niveaus, das die Technologie erreicht hat, sind Bücher für Menschen, die persönlich vorankommen wollen, noch immer ein Schatz. Das Problem in unserem Land besteht nicht darin, dass keine Bücher zu finden wären, sondern darin, dass nicht gelesen wird.“

Gedichte als Briefe geschmuggelt

Er hat damit nicht ganz unrecht. Es ist kein Problem, in der Türkei Bücher zu finden. Aber oftmals braucht es kreative Lösungen, um an sie heranzukommen. Einer Frau ist kürzlich ein Gedichtband zurückgeschickt worden, den sie einem Freund ins Gefängnis gesandt hatte. Sie dachte jedoch gar nicht daran aufzugeben. Sie schrieb einfach sämtliche Gedichte aus dem 188 Seiten starken Band ab und schickte sie als Brief hinter die Gefängnismauern. Dass Gedichtbände nur auf diese Weise zu Häftlingen gelangen können, sollte Sie, lieber Leser, nicht glauben lassen, Bücher seien außerhalb des Gefängnisses freier. Wie um Erdogans Worte „Das Problem besteht nicht darin, dass keine Bücher zu finden wären“, zu dementieren, hat es am Sonntag eine Polizeirazzia beim Istanbuler Belge Verlag gegeben. Die Polizisten „fanden“ eine Menge Bücher in dem Verlagshaus, dem Verbindung zum Terrorismus vorgeworfen wird. Unter den 2000 Büchern, die bei der Razzia beschlagnahmt wurden, findet sich keine einzige Neuerscheinung. Alle standen seit Jahren in den Regalen der Buchhändler.

Sie erinnern sich bestimmt an die Schreibmaschine des Theaterschriftstellers Georg Dreyman in dem Film „Das Leben der Anderen“. Auch wir erinnern uns daran, man erlaubt uns nicht zu vergessen. Wenn man die Schreibmaschine nicht findet, verhaftet man die Bücher.

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