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Brief aus Istanbul : Der Wind am Bosporus hat sich gedreht

  • -Aktualisiert am

Für ihn läuft alles nach Plan: Recep Tayyip Erdogan Bild: Reuters

Wer die richtige Propaganda hinausposaunt, erhält vom Präsidenten Großaufträge: In Erdogans neuer Türkei wäscht eine Hand die andere. Er macht sich Staat und Gesellschaft zur Beute.

          Zuletzt hatte ich an dieser Stelle darüber berichtet, wie die deutsche Androhung von Wirtschaftssanktionen Erdogan dazu gebracht hat, „bitte“ zu sagen. Er sagte: „Bitte, wir sind gemeinsam in der Nato, wir befinden uns mitten in den EU-Beitrittsverhandlungen. Unsere strategische Partnerschaft ist also nicht neu. Es sollte kein Schritt unternommen werden, der Schatten auf diese Gemeinschaft werfen könnte.“

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          Obwohl dem türkischen Staatspräsidenten „bitte“ selten über die Lippen kommt, zögerte die deutsche Regierung nicht, Schritte zu unternehmen, die „Schatten auf diese Gemeinschaft“ werfen könnten. Sie verlangte beispielsweise, die Verhandlungen zur Aktualisierung der Zollunion auszusetzen. Das mit „bitte“ eingeleitete gute Wetter erwärmte sich aber dennoch über die normalen Jahreszeitwerte hinaus. Sicherlich, Erdogan betrachtet Deutschland zwar noch immer als Terrorunterstützer. Dennoch hat der Wind sich gedreht. Was es genau damit auf sich hat, werde ich gleich darlegen. Zunächst aber will ich beschreiben, wie es um das Klima in der Türkei steht.

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Den Putschisten vom 15. Juli wird nun der Prozess gemacht. Die in der Nacht des Putschversuchs auf dem Luftwaffenstützpunkt Akincilar gefassten gülenistischen Zivilisten geben auf die Frage, was sie dort taten, surreale Antworten. Die einen behaupten, in der Gegend unterwegs gewesen zu sein, um Grundstücke zwecks Erwerb zu besichtigen. Manche leugnen, die Person zu sein, die auf den Kameraaufzeichnungen zu sehen ist, andere geben an, sie hätten dort eine Tier-Dokumentation drehen wollen. Es wird immer deutlicher, dass die Gülenisten den Putsch gesteuert haben. Gleichzeitig wird darüber diskutiert, warum er nicht verhindert wurde, obwohl der Geheimdienst MIT informiert worden war.

          Staatspräsident Erdogan hat erklärt, nicht der MIT, sondern sein Schwager habe ihn über den Putschversuch unterrichtet. In einem Interview aus der vergangenen Woche hat Ministerpräsident Yildirim angegeben, Hakan Fidan, der für den Geheimdienst MIT zuständige Staatssekretär, habe ihm gegenüber nichts von einem Putsch erwähnt, als er ihn um 22.30 Uhr erreichte. Und das, obwohl schon um 14.20 Uhr an jenem Tag ein Offizier dem Geheimdienst umstürzlerische Umtriebe gemeldet hatte. Was, glauben Sie, tat der MIT-Staatssekretär, während unsere Polizei, deren Waffen von unseren Steuergeldern angeschafft worden sind, sich bereit machten, Mitbürger zu töten? Er dinierte beim MIT zusammen mit einem syrischen Oppositionsführer und dem Leiter der Religionsbehörde Diyanet, Mehmet Görmez. In seinem gerade erschienenen Buch beschreibt der Journalist und Regierungsvertraute Abdülkadir Selvi, wie Görmez die fraglichen Minuten erlebte: Görmez’ Handy habe gegen 22.00 Uhr geklingelt. Am Apparat gewesen sei Görmez’ Gattin, sie sagte: „Aus Istanbul rief eben die Frau eines Offiziellen an. Angeblich findet gerade ein Putsch statt.“ Görmez’ Antwort sagt viel über den 15. Juli aus. „Ich bin da, wo man so etwas zuallererst erfahren würde, hier hat aber keiner so etwas gesagt“, sagte er. Der Offizier, der nachmittags im MIT-Quartier die Umtriebe gemeldet hatte, ist nicht einmal als Zeuge in den Putsch-Prozess aufgenommen worden. Um seine Vorladung zu verhindern, hat man ihn schnell beim MIT angestellt, denn dessen Mitarbeiter können nicht ohne schriftliche Genehmigung des Ministerpräsidenten vorgeladen werden.

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          Kommen wir nun zu der geänderten Windrichtung. Selbstverständlich weiß nicht allein die Türkei, wie groß die Macht von Zahlen mit vielen Nullen ist. Sie sind in der Lage, ethische Bedenken zur Nebensache zu degradieren. Das gilt auch für Deutschland. Gerade ist eine wichtige Ausschreibung des türkischen Energieministeriums für den Bau von Windkraftanlagen entschieden worden. Internationale Riesen hatten im Verbund mit einheimischen Partnern um das Milliardenprojekt geboten. Der Zuschlag ging an das deutsche Unternehmen Siemens, der türkische Partner ist die Firma Kalyon.

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