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Brief aus Istanbul : Hat Erdogan die Wahl in Deutschland gewonnen?

  • -Aktualisiert am

Die deutsche Bundestagswahl im Blick: Erdogan hielt sich mit Wahlempfehlungen nicht zurück. Bild: Reuters

Friede den Zahnbürsten, Krieg den Damenhosen: Die Türkei stellt sich der Schlacht an vielen Fronten. Und sie hat die Bundestagswahl genau beobachtet.

          Wahlen irgendwo auf der Welt, außer in den Vereinigten Staaten, beschäftigen den Normalbürger in der Türkei kaum. Keine Wahl in Deutschland haben wir je so aufmerksam verfolgt wie die vom letzten Sonntag. Sicher, Deutschland interessierte uns schon immer stärker als andere Länder in Europa. Die jüngsten Wahlen beobachteten wir allerdings fast noch aufmerksamer als die in Amerika. Aufgrund der Spannungen zwischen beiden Ländern insbesondere im Laufe des vergangenen Jahres lag unser Augenmerk auf den Veränderungen in Berlin hinsichtlich potentieller Folgen für die Zukunft der Türkei.

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          Auch uns tangierte der Schock, dass die Stimmen für die AfD explodierten und die Partei in den Bundestag einziehen wird. Unsere Regierung scheint allerdings nicht sonderlich betrübt über den Erfolg der AfD. Erdogan hatte im Vorfeld offen dazu aufgerufen, seine Stimme nicht den Partnern der großen Koalition zu geben. Klar, dass ihm die Verluste von Merkel und Schulz gefallen haben dürften. Ebenso ist er glücklich, dass die ehemaligen Partner nicht abermals koalieren werden: „Schaut nur, die Wahlen in Deutschland sind eine Lehre. Ihr werdet es sehen, es wird ihnen nicht gelingen, eine Regierung zu bilden.“

          Wahlempfehlungen à la Erdogan

          Es gab da aber außer den alten Koalitionspartnern noch eine Partei, die Menschen aus der Türkei laut Erdogan nicht wählen sollten: die Grünen mit ihrem Ko-Vorsitzenden Cem Özdemir. Wenn es nun aber zu einer Jamaika-Koalition kommt, kann es sein, dass der grüne Ko-Vorsitzende Erdogan und seinem Team als deutscher Außenminister entgegentritt. Schauen wir einmal, ob Erdogan Cem Özdemir auch dann weiter als „kindisch“ bezeichnen wird, wie damals, als Özdemir die Armenier-Resolution in den Bundestag einbrachte. Oder ob er wieder fordern wird, dessen Türkentum durch einen Bluttest feststellen zu lassen. Und Özdemir? Meinen Sie, er hält sein Versprechen: „Wenn wir an die Regierung kommen, spreche ich eine Reisewarnung für die Türkei aus“? Wird er auch am Verhandlungstisch Erdogan als „Geiselnehmer“ bezeichnen, der ein autoritäres Regime in der Türkei einführen will?

          Bülent Mumay

          Zweifelsohne vermiest neben Özdemir ein weiteres Resultat der Wahlen Erdogan die Freude. Und zwar Christian Lindner, Vorsitzender der Freien Demokraten, dem zweitgrößten Partner in der mutmaßlichen Koalition. Da kann die regierungsnahe Presse in der Türkei noch so viel titeln: „Die deutschen Wahlen hat Erdogan gewonnen“, einer der Partner in der Koalition, die Deutschland vier Jahre lang regieren wird, hat einmal Erdogan mit Hitler gleichgesetzt. Den Putschversuch vom vergangenen Jahr in der Türkei verglich er mit dem Reichstagsbrand, den Hitler inszenierte, um die Freiheiten in Deutschland auszusetzen.

          Schwer zu sagen, ob Erdogans Aufruf an die rund eine Million türkischstämmiger Wähler gefruchtet hat. Dass aber die kleine Partei der Türken, deren Wahl er unbedingt empfohlen hatte, nur gut 41.000 Stimmen erhielt, deutet darauf hin, dass der Aufruf auf wenig Gehör stieß. Die Salven gegen Berlin aus Ankara waren eher Wasser auf die Mühlen der AfD. Eine Reihe Wähler, denen die gelassenen Reaktionen der großen Koalition nicht ausreichten, dürfte über Abneigung gegen Erdogan und seine Türkei wohl zur AfD gefunden haben. Durch seine wiederholten Nazi-Vergleiche hat Erdogan womöglich seinen Anteil daran, dass nach 72 Jahren eine rassistische Partei in den Bundestag einzieht.

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