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Brief aus Istanbul : Das Ende der türkischen Verzagtheit

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Unter Beobachtung: Demonstranten bei der Kundgebung am Ende von Kemal Kilicdaroglus „Marsch für Gerechtigkeit“ am Sonntag in Istanbul Bild: AFP

Ein Oppositionsführer spricht vor zwei Millionen Zuhörern, und die Medien schauen einfach weg. Doch Kilicdaroglu hat die Anti-Erdogan-Front ermutigt – und gezeigt, dass die nächste Wahl keine klare Sache ist.

          Pinguine, lieber Leser, trifft man außerhalb von Zoos eigentlich nicht auf der Nordhalbkugel an. Sie leben am Südpol, und obwohl zwischen dieser Region und der Türkei Tausende Kilometer liegen, haben es die putzigen Tiere bei uns zu wahrer Berühmtheit gebracht, der sogar eine politische Bedeutung innewohnt. Der Grund dafür, lieber Leser, liegt natürlich bei Erdogan.

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          Im Jahr 2013 beschloss er, damals noch türkischer Ministerpräsident, dass im Istanbuler Gezi-Park eine Kaserne aus osmanischer Zeit wiedererrichtet werden soll. Um die Zerstörung des Parks zu verhindern, besetzten junge Leute die Grünfläche, die direkt am Istanbuler Taksim-Platz liegt. Als die Polizei anrückte und die Zelte der Aktivisten anzündete, war die Lunte an einen der größten Aufstände der türkischen Geschichte gelegt. Was als Umweltschutzaktion begonnen hatte, wurde zu einer Revolte gegen die antidemokratischen Praktiken der Regierung Erdogan.

          Lieber über Biodiversität diskutieren

          Die von brutaler Polizeigewalt begleiteten Proteste erreichten in der Nacht vom 31. Mai einen Höhepunkt. Hunderttausende gingen auf die Straße, die Türkei erlebte einen historischen Moment. Internationale Fernsehsender berichteten live, was im Herzen von Istanbul geschah – was der Times Square für New York ist, der Trafalgar Square für London, der Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor für Berlin, das ist der Taksim-Platz für Istanbul. Die türkischen Medien aber ignorierten, was sich dort ereignete. Als sei alles in bester Ordnung, ließen sie aufgrund massiven Drucks durch die Regierung ihr normales Programm einfach weiterlaufen. Und so kam es, dass, während CNN International live aus dem Gezi-Park berichtete, auf CNN Türk, der heimischen Variante des Senders, eine Dokumentation über Pinguine lief. Während die Situation am Gezi-Park immer weiter eskalierte, hatten die putzigen Tiere auf CNN Türk ihren großen Auftritt. Und so wurde der Pinguin in der politischen Kultur der Türkei zu einem Symbol für Pressezensur, und #DirenPenguen (Wehr dich, Pinguin!) zu einem der populärsten Hashtags in den sozialen Medien. Medienkonzerne, die sich dem Druck der Regierung beugten und nur noch berichteten, was Ankara genehm ist, wurden fortan „Pinguin-Medien“ genannt.

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Nun steht der Pinguin, der vor gut vier Jahren herhalten musste, um die Berichterstattung über die Gezi-Proteste zu zensieren, nicht mehr allein da. Die Nachrichtensender dieses Landes, in dem mehr als 160 Journalisten hinter Gittern sitzen und in dem etliche Medien verboten worden sind, haben neue Wege und Themen entdeckt, um ihr Programm nicht für Wesentliches unterbrechen zu müssen. Am Sonntag hat der CHP-Chef Kilicdaroglu im Anschluss an seinen 430 Kilometer langen und 24 Tage dauernden Gerechtigkeitsmarsch eine öffentliche Großkundgebung in Istanbul abgehalten. Während er vor einem Rekordpublikum von fast zwei Millionen Menschen sprach, lief auf CNN Türk eine Diskussionsrunde zum Thema Sucht. NTV strahlte eine Dokumentation über Vögel aus, und auf Habertürk wurde über „Biodiversität in der Türkei“ diskutiert. Der Fernsehsender A-Haber, der Erdogan nahestehenden Unternehmern gehört, ging sogar noch weiter: In den Minuten, da Kilicdaroglu Gerechtigkeit forderte, griff der Sender in die Konserve und zeigte eine Erdogan-Kundgebung aus dem vergangenem Jahr.

          Warum die Türkei ein unabhängiges Rechtswesen braucht

          Die türkischen Medien versuchten Kilicdaroglus Gerechtigkeitskundgebung auf diese Weise zu unterschlagen. Anders, als es bei Istanbuler Großkundgebungen von Erdogan üblich ist, war das Publikum nicht gratis und mit städtischen Bussen und Fähren zum Ort der Veranstaltung befördert worden. Im Gegenteil, der Linienverkehr der Katamarane, die normalerweise dorthin fahren, wo die Großkundgebung der Opposition am Sonntag abgehalten wurde, war sogar eingestellt worden. Auch wurde das Publikum nicht gratis verköstigt, wie man es von Erdogan-Veranstaltungen kennt. Das Einzige, was es von Kilicdaroglu bekam, war Hoffnung.

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