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Brief aus Istanbul : Wer Erdogan keinen Tee serviert, wird verhaftet

  • -Aktualisiert am

Kein Tee für Erdogan? Derzeit reicht das in der Türkei als Grund, Kantinenwirte zu verhaften. Bild: Picture-Alliance

Kritiker des „IS“ werden verfolgt, doch der Landesvertreter der Terrororganisation läuft frei herum. Stattdessen wird ein Kantinenwirt verhaftet. Wie konnte es mit der Türkei so weit kommen?

          Lassen Sie mich meinen Brief in dieser Woche mit der Schilderung einiger wahnwitziger Ereignisse der jüngsten Vergangenheit beginnen. Sicherlich ist Ihnen die Zeitung „Cumhuriyet“ ein Begriff, deren ehemaliger Chefredakteur Can Dündar ins Exil nach Deutschland flüchten musste, nachdem er wegen eines Artikels über Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes nach Syrien in das Fadenkreuz der türkischen Regierung geraten war. Bald nachdem Dündar das Land verlassen hatte, nahm die Polizei zehn Führungspersönlichkeiten der „Cumhuriyet“ fest. Offenbar hat die Regierung noch nicht genug. In der vergangenen Woche schlug die Polizei nämlich abermals zu. Sie werden staunen, lieber Leser, wer dieses Mal aus den Reihen der „Cumhuriyet“ festgenommen worden ist. Der Kantinenwirt! Ja, Sie haben richtig gelesen, der Kantinenwirt. Der Grund: Angesichts eines Verkehrsstaus, der durch den Präsidentenkonvoi verursacht worden war, hatte er gesagt: „Also wenn Erdogan kommt, kriegt der von mir keinen Tee.“ In der Türkei muss man sich wohl glücklich schätzen, dass noch nicht festgenommen wird, wer Erdogans AKP nicht wählt!

          Die Macht der Islamisten wächst

          Ähnlich Unerfreuliches ist Seray Sahiner, einer Kolumnistin der türkischen Zeitung „Birgün“, widerfahren. In einer ihrer Kolumnen hatte sie Erdogans Sohn als „hochintelligent“ bezeichnet. Aufgrund dessen standen im Morgengrauen plötzlich Polizisten im Hotelzimmer der jungen Frau und zerrten sie aus dem Bett. Die Haftstrafe von drei bis fünf Monaten, die Seray Sahiner wegen „Beleidigung“ des Präsidentensohns drohte, wurde zwar in ein Bußgeld umgewandelt. Mit ihrer Bestrafung war es jedoch noch nicht vorbei: Die Firma, für die sie bis vor wenigen Tagen als Texterin arbeitete, hat sie – offenbar in vorauseilendem Gehorsam – gefeuert. Ist Ihnen gerade das Wort ,Angstherrschaft‘ durch den Kopf geschossen? Aber nicht doch! In der Türkei herrscht eine fortgeschrittene Demokratie!

          Sie kennen bestimmt die Enthüllungsplattform Wikileaks. Kürzlich sind dort Unterlagen aufgetaucht, die in Zusammenhang mit Erdogans Schwiegersohn Berat Albayrak stehen. Unter ihnen finden sich ein Mail-Verkehr zwischen Albayrak und Erdogans Tochter, in dem von Eifersucht die Rede ist, sowie Dokumente über das Energieunternehmen von Albayrak, der nicht nur Schwiegersohn und Geschäftsmann ist, sondern auch noch den Posten des türkischen Energieministers inne hat. Die regierungsfreundlichen Medien wagten nicht, über die Unterlagen zu berichten, einige Handvoll unabhängiger Nachrichtenportale aber schon. Selbstverständlich kamen sie nicht ungestraft davon: Sechs Journalisten wanderten ins Gefängnis. Fragt man die Polizei, dann hat die Inhaftierung natürlich nichts mit dem Schwiegersohn zu tun. Es heißt stattdessen, die Journalisten hätten Verbindung zu einer Terrororganisation.

          Dann die schlimmste Nachricht der letzten Woche, vor dem Anschlag an diesem Wochenende in Istanbul: Bei einer Militäroperation in Syrien sind in einer Nacht 16 türkische Soldaten getötet worden. Der IS veröffentlichte dazu ein Video. Es zeigt, wie zwei der Soldaten bei lebendigem Leib verbrannt werden. Jeder, der das Video sah und die Schreie der Sterbenden nach ihren Müttern hörte, findet nicht mehr in den Schlaf. Man erwartete eine Stellungnahme aus Ankara. Doch die Regierung hüllt sich in Schweigen und reagiert nur mit Festnahmen und Zensur. Gegen zehntausend Personen, die das IS-Video in den sozialen Netzwerken kommentiert haben, sind Ermittlungen eingeleitet worden. Um die Verbreitung des Films zu verhindern, ist das Internet verlangsamt worden. Die Medien verschweigen die Greueltat, und so hat ein Großteil der türkischen Bevölkerung keine Ahnung, was mit den Soldaten geschah.

          Seit drei Jahren überzieht der IS die Türkei mit Anschlägen, die schon Hunderten Menschen das Leben gekostet haben. Doch die Regierung scheute sich lange, IS-Anhänger als Terroristen zu bezeichnen. Als im Oktober 2015 durch einen Anschlag der Terrororganisation in Ankara 100 Menschen getötet wurden, nannte der damalige Premierminister Davutoglu den IS eine „Ansammlung von Menschen“, die „aus Wut zueinanderfanden“. Sein Stellvertreter Emrullah Isler ließ erst recht nichts auf den IS kommen. Er behauptete: „Der IS tötet, aber er foltert nicht.“ Und der AKP-Abgeordnete Miroglu sagte in einem regierungsnahen Sender: „Der IS ist keine Terrororganisation.“ Es ist schon seltsam: Die Parlamentarier der pro-kurdischen HDP werden einer nach dem anderen wegen angeblicher Unterstützung der PKK verhaftet, doch die Verteidiger des IS mussten nicht einmal zu einer Anhörung. Aber was ist schon zu erwarten von einem Land, in dem nach den Attentaten von Paris Autos geschmückt mit IS-Flaggen laut hupend durch die Städte fahren konnten? Auf Verständnis stießen hier auch die Pfiffe während der Schweigeminuten, die in Fußballstadien für Opfer von IS-Anschlägen abgehalten worden sind. Gegen die Kommentatoren des aktuellen IS-Videos wird nun ermittelt, gleichzeitig läuft Ebu Hanzala, der Türkei-Vertreter der Terrororganisation, frei im Land herum. Er tritt im Fernsehen auf und sagt, es sei ganz normal, Menschen zu verbrennen oder zu enthaupten.

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          Wie konnte die Türkei nur zu einem solches Land werden? Wie konnte es so weit kommen, dass bei uns Terrororganisationen als „fromm“ oder „nicht fromm“ betitelt werden? Ist das die Endstation für ein Land, das einst den Beginn der EU-Beitrittsverhandlungen mit Feuerwerk begrüßte?

          Mittlerweile bedrohen wir die EU damit, ihr Millionen Flüchtlinge zu schicken. Früher wurde die Türkei dem Nahen Osten als Vorzeigemodell für ein modernes, laizistisches Land mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit vorgeführt. Heute richten unsere Behörden ihre Arbeitszeiten nach den Gebetszeiten aus. Für den Augenblick steht fest, dass die Islamisten den seit Gründung der modernen Türkei im Land schwelenden Kampf gegen die Säkularen gewonnen haben. Ihr Werkzeug ist eine seit 14 Jahren allein regierende Partei. Die AKP verfolgt eine Konservatisierung der Gesellschaft. Erdogan selbst sagt immer wieder, dass er eine „fromme Generation“ heranziehen will. Sein Wunsch trägt langsam Früchte.

          Die meisten Schulen in der Türkei haben keine Sporthalle, kein Schwimmbecken, kein Chemielabor. Aber alle verfügen über einen Gebetsraum. Um sich bei den Regierenden einzuschleimen, veranstalten immer mehr Schulleitungen religiöse Veranstaltungen und religiöse Wettbewerbe. Tombolas wie „Julklapp“ zu Neujahr sind dagegen vielerorts als angeblich christlicher Brauch verboten worden. In meiner Schulzeit war diese Tradition noch verbreitet: Unsere Namen wurden auf Zettel geschrieben, jeder Schüler zog einen und besorgte für den Mitschüler, dessen Namen er gezogen hatte, ein kleines Neujahrsgeschenk. Wir gingen so immer mit einem kleinen Lächeln ins neue Jahr. Niemand von uns ist dadurch Christ geworden.

          „Wollt ihr Dirnen werden?“

          Als Erdogan und seine Partei an die Macht kamen, war das Tragen von Kopftüchern an Universitäten verboten. Heute dürfen sogar elf Jahre alte Mädchen verhüllt im Unterricht sitzen. Das Kopftuch ist dabei gar nicht das größte Problem, sondern dass der jungen Generation ein Hass auf andere Lebensstile anerzogen wird. In Istanbul hat ein Lehrer eine Schülerin in Hosen mit folgenden Worten ermahnt: „Mädchen, die Hosen oder Leggings tragen, törnen mich an.“ In Bursa fragte ein Lehrer seine Schülerinnen, die neben Jungs Platz genommen hatten: „Wollt ihr Dirnen werden, wenn ihr groß seid?“ Der Leiter der Bildungsbehörde in Burdur sagte: „Eine Frau, die zurechtgemacht auf die Straße geht, hat praktisch die Ehe gebrochen.“ Diese Vorfälle schafften es nur in die Medien, weil sie Protest hervorgerufen haben. Natürlich wurde keiner der Pädagogen für seine Äußerungen bestraft.

          Seit dem Putschversuch vom 15. Juli wurde der Islamisierung der Gesellschaft noch eine gehörige Portion Nationalismus und Gegnerschaft zum Westen beigemengt. Keine sechs Monate nach der Bombardierung des Parlaments durch das Militär ist nun in Sivas, einer zentralanatolischen Stadt, eine Feier zum „Gedenken an den Sieg der Demokratie und die Gefallenen vom 15. Juli“ abgehalten worden. Als Veranstaltungsort diente ausgerechnet eine Vorschule. Mit einem Panzer, den die Lehrer aus Pappkartons gebastelt hatten, spielten fünfjährige Mädchen und Buben dem Publikum den 15. Juli vor. Einige Kinder hatten die Rolle der Putschisten inne, andere verkörperten die Verfechter der Demokratie. Sie stellten sich dem Papppanzer in den Weg, wobei einige zu „Märtyrern der Demokratie“ wurden – sie wurden erschossen oder vom Panzer überrollt. Nicht einmal der Augenblick, in dem sich Staatspräsident Erdogan in der Putschnacht über Facetime an das Volk wendete, wurde in der Vorführung ausgelassen. Und am Ende beteten die Kinder, die den Putsch verhindert hatten, ein Dankgebet.

          Zweifellos haben jene, die die Geschehnisse der Putschnacht als „Theater“ bezeichnet haben, nicht an eine solche Schulvorführung gedacht. Es war schlicht die Beerdigung einer laizistischen Republik.

          Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

          Quelle: F.A.Z.

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