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Brief aus Istanbul : Wir holen sie aus ihrem Grab

  • -Aktualisiert am

Anklage: Eine Unterstützerin der pro-kurdischen HDP hält Fotos der Parteichefs Selahattin Demirtas und Figen Yuksekdag hoch, die in Haft sind. Bild: EPA

In der Türkei bekennen sich mittlerweile selbst Wissenschaftler zu ihren Mordgelüsten. Unter kräftigem Zutun der Regierenden vergiftet und zerstört die Hasssprache den sozialen Frieden im Land.

          In den letzten Briefen an Sie habe ich mich bemüht, die Hasssprache zu schildern, die vielleicht die größte Gefahr für die Türkei darstellt, und ein Klima, das Familien, Freunde, Nachbarschaften spaltet und die Gesellschaft polarisiert. Diese Atmosphäre, die unter kräftigem Zutun der Regierenden den inneren Frieden im Land vergiftet, schmälert die Hoffnung auf ein Zusammenleben von Tag zu Tag weiter. Die Beklemmung, die wir erleben, rührt nicht allein von unserer geographischen Lage zwischen Asien und Europa her. Wir dachten einmal, in diesem Brückenland mit den Werten beider Kontinente existieren zu können. Diese Zuversicht gehörte zu dem Kostbarsten, das die 1923 gegründete moderne Republik dem Land mit auf den Weg gab. Doch die Zuversicht ist längst verblasst. Vieles können wir nicht miteinander, Vieles treibt uns entgegengesetzten Polen zu, doch dass es je um eine Handvoll Erde gehen würde, hätten wir nie gedacht. Nun ist auch das geschehen.

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          Zuerst wurde unser „Merhaba“ zwiegespalten. Wer jene, die diesen Gruß nutzen, für zu säkular hält, sagt inzwischen lieber: „Selamünaleyküm“. Das ist eine arabische Grußformel, die übersetzt heißt: „Allahs Friede sei mit euch.“ Desgleichen bekommen nun jene, die „Iyi akşamlar“ (Guten Abend) sagen, von der anderen Hälfte des Viertels „Hayirli akşamlar“ (Gesegneter Abend) zur Antwort. Auch die Krämer sind gespalten. Ein Teil von uns kauft nicht einmal mehr sein Brot in Geschäften, bei denen Spirituosen im Regal stehen. Und in Bezirken, in denen vor allem Konservative wohnen, ist es praktisch unmöglich, Kioske zu finden, die Alkoholika verkaufen, oder Restaurants, die alkoholische Getränke servieren. Schulen sind schon seit geraumer Zeit gespalten. In einigen konservativen Städten Anatoliens haben lokale AKP-Regierungen Busse speziell für Frauen eingesetzt. Doch wohin auch immer uns diese Busse bringen mögen, der Ort, an dem wir uns treffen, nachdem wir den letzten Atem ausgehaucht haben, ist derselbe. Das dachten wir zumindest. Letzte Woche erfuhren wir, dass dem nicht so ist.

          Bülent Mumay

          Die HDP, deren Hauptwählerschaft die Kurden bilden, wurde vom Staat seit langem in die Zwinge genommen. Beinahe wöchentlich wird ein HDP-Abgeordneter wegen angeblicher PKK-Unterstützung verhaftet. Die Zeitungen und Sender, die der Regierung als Propagandainstrument dienen, nehmen täglich die Übrigen aufs Korn. Kürzlich erhielt Aysel Tugluk, eine der inhaftierten Abgeordneten dieser Partei, eine schlimme Nachricht, während sie im Gefängnis auf ihre Verhandlung wartete. Ihre Mutter Hatun Tugluk war im Alter von 78 Jahren verstorben. Deren Letzter Wille lautete, in Ankara, wo ihre Tochter erst als Abgeordnete tätig war und nun inhaftiert ist, bestattet zu werden. Damit sie ohne Umstände ihr Grab besuchen könnte.

          Der Staat erteilte der inhaftierten HDP-Abgeordneten eine Sondergenehmigung zur Teilnahme an der Beerdigung ihrer Mutter. Als Tugluk von Polizisten zum Friedhof gebracht wurde, kam es zu einem Tumult. Vor den Augen der Polizisten stürmte ein Mob den Friedhof und rief: „Wir lassen hier keine Kurden, keine Terroristen bestatten!“ Eine Dreiviertelstunde lang konnte der Mob ungehindert seine rassistischen Parolen brüllen. Als einige in der Gruppe drohten: „Wenn ihr die hier begrabt, holen wir sie wieder raus!“, sah Tugluks Familie sich gezwungen, den Leichnam aus dem Grab zu holen. Der Letzte Wille der alten Frau konnte nicht erfüllt werden. Schlimmer noch, die von der Politik benutzte Hasssprache hatte uns so weit gebracht, dass wir nicht mehr im selben Boden ruhen können. Aysel Tugluk kehrte in ihre Zelle zurück, ihre Mutter wurde Hunderte Kilometer entfernt im Heimatort beigesetzt. Einen Zufall vom Ende jenes hässlichen Tages will ich Ihnen noch mitteilen. Es kam heraus, dass einer der bei dem Vorfall Festgenommenen am Abend nach dem Vorfall sich auf der Polizeiwache mit Innenminister Süleyman Soylu hatte fotografieren lassen.

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