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Brief aus Istanbul : Wir holen sie aus ihrem Grab

  • -Aktualisiert am

Selbstverständlich war die Aggression auf dem Friedhof nicht die einzige Folge der Hasssprache. Letzte Woche nahmen erst Politiker und anschließend die Medien in ihrem Fahrwasser einen anderen Abgeordneten der Opposition aufs Korn. Der Anlass war eine Behauptung, die Sezgin Tanrikulu von der größten Oppositionspartei CHP in den Raum gestellt hatte. Er sagte, bei den vier Personen, die Ziel eines Drohnenangriffs Ende August im Südosten des Landes gewesen waren, habe es sich nicht um Terroristen gehandelt. Dabei war eine Person ums Leben gekommen, drei waren verletzt worden. Der Leichnam des getöteten Mehmet Temel wurde seiner Familie nicht ausgehändigt. Die drei Verwundeten wurden als Terroristen verhaftet. Laut Tanrikulu habe es sich bei diesen vier Personen um vier unbewaffnete Bürger beim Picknick im Grünen gehandelt.

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Der Türkei sind derartige „Unfälle“ nicht fremd. 2011 hatten F-16-Jets der türkischen Luftwaffe das Dorf Roboski bombardiert. Der ersten offiziellen Erklärung zufolge war auf PKK-Terroristen geschossen worden, die über die irakische Grenze in die Türkei eindrangen. In den Morgenstunden zeigte sich dann das traurige Bild. Nicht Terroristen waren getötet worden, sondern 34 kurdische Mitbürger. In der Türkei, wo derartige Traumata vorkommen, gibt es zahlreiche Beweise, die Tanrikulus Behauptung stützen. Doch die Sprache der Regierung ist harsch: „Drohnen wurden zum Albtraum für die Terrororganisation. Mit seiner Aussage unterstützt der CHP-Abgeordnete den Terrorismus. Nicht Bürger wurden getötet, sondern Terroristen. Sollen wir etwa Terroristen nach dem Ausweis fragen?“ Die offizielle Erklärung der Armee war im selben Ton gehalten. Man hatte dort offenbar das Massaker von Roboski vor sechs Jahren vergessen. Nun hieß es: „Bis zum heutigen Tag waren wir nie an irgendwelchen Praktiken beteiligt, die irgendeinem zivilen, unschuldigen Bürger Schaden zugefügt hätten.“

Seit Regierung und Armee auf diese Weise auf die Behauptung des CHP-Abgeordneten reagiert hatten, steht Sezgin Tanrikulu im Fokus der regierungsnahen Medien. In der harmlosesten Schlagzeile kam das Wort „Terrorist“ vor. Selbstverständlich erhielt er Zigtausende Morddrohungen. Die interessanteste Drohung bekam er allerdings im Flugzeug. Vor dem Start seines Flugs von Istanbul nach Ankara las er, was in den sozialen Medien über ihn geschrieben wurde. Eine Nachricht ließ ihn aufschrecken. „Ich sitze im Flugzeug hinter Sezgin Tanrikulu. Soll ich die Sache mit einem Würgedraht erledigen?“, fragte ein Twitter-Nutzer seine Follower. Der Abgeordnete drehte sich sofort um und fragte die Person, die er vom Foto wiedererkannte: „Haben Sie das geschrieben?“ Die Antwort aus der Reihe hinter ihm kam stolz: „Na und? Ich mag Sie nicht.“ Sie können sich vorstellen, wie es weiterging. Tanrikulu zeigte den Mann, der ihn bedroht hatte, an, dessen Aussage wurde aufgenommen, dann ließ man ihn laufen. Und was glauben Sie, wer dieser Mann, der jemanden mit einem Draht erdrosseln wollte, war? Halten Sie sich fest, es war ein Wissenschaftler von einer Universität in Ankara! Der Tanrikulu hatte hinrichten wollen, war der Strafrechtler Burak Dogan!

Die Verteufelungskampagne gegen Tanrikulu läuft weiter auf Hochtouren, parallel dazu pusht die regierungsnahe Presse eine weitere Nachricht. Seit einer Weile lesen wir Berichte über die technischen Kapazitäten und Fähigkeiten von Drohnen. In aller Ausführlichkeit erfahren wir, wie ungeheuer effizient sie sind, wie viele Terroristen sie „unschädlich“ gemacht haben und wie sie die Türkei aus dem Dilemma, Waffen im Ausland kaufen zu müssen, befreien. Den Wahrheitsgehalt dieser Nachrichten zweifeln wir nicht an, auch unsere politische Führung bestätigt sie. Sie kriegt sich gar nicht mehr ein vor lauter Lob der Drohnen. Oben hatte ich von einem Zufall gesprochen. Mit einem zweiten will ich enden. Der Inhaber der Firma, die die Drohnen herstellt und an die türkische Armee verkauft, ist Erdogans Schwiegersohn Selçuk Bayraktar. Lassen Sie mich das bitte doppelt unterstreichen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

Quelle: F.A.Z.

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