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Brief aus Istanbul : Wer ablehnt, wird vernichtet

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Der harte Kern des Widerstands gegen den türkischen Präsidenten Erdogan: Vor dem Universitätsgebäude demonstrierten Menschen am Mittwoch gegen die Massenentlassungen nach dem Erlass des Notstandsdekrets. Bild: dpa

Es ist ein Spiel mit dem Feuer: Die neue Verfassung der Türkei soll Erdogan unbeschränkte Macht geben. Gegner des Plans werden „Terroristen“ genannt. Was daraus folgt, weiß jeder.

          Falls Sie nicht wirklich gut Türkisch können oder dieser Tage in der Türkei leben, haben Sie den Ausdruck „yangin yeri“ (Brandstätte) vermutlich noch nie gehört. Mit dieser gar nicht sehr metaphorischen Formulierung vergleichen wir unsere Situation mit der Verzweiflung, die sich breitmacht, wenn ringsum nur Flammen und Rauch herrschen.

          Am besten beschreiben diesen Ausdruck Verse, die der Dichter Ataol Behramoglu für die 1993 bei einem Brandanschlag in der Stadt Sivas von Islamisten getöteten 37 Schriftsteller schrieb. Sein Gedicht „Brandstätte“ beginnt mit den Zeilen: „Leben an dieser Brandstätte / Jeden Tag aufs Neue sterbend / Gefangen in der Hand des Peinigers / Als Opfer der Dummheit / Schwer atmend / In von Lügen verseuchter Luft ...“

          Wir schrumpfen Tag für Tag

          Heute verbrennt uns niemand bei lebendigem Leib in einem Hotel, zum Glück. Wir ersticken bloß am täglichen Rauch. In der erstickenden Atmosphäre in der Türkei schrumpfen wir Tag für Tag und werden weniger. Das sagen nicht allein wir Journalisten, denen die Luft zum Atmen abhandenkommt. Auch die Welt nimmt wahr, dass wir immer weniger werden. Der jährlich von der Organisation „Freedom House“ in Washington herausgebrachte Freiheitsindex belegt auf frappierende Weise, wie hoch die Verluste sind. Im Jahr 2016 wurden wir zu dem Land gewählt, das am meisten Freiheiten eingebüßt hat. Dem Report zufolge sind wir ein Land mit autoritären Tendenzen, in dem politische Säuberungen sprunghaft anstiegen, Journalismus unter Aufsicht gestellt wurde und die Wirtschaft aus politischen Gründen ruiniert ist. Nach Niger und Sambia findet sich auch in der Türkei keine Spur mehr von „Wahldemokratie“. Wie hätte mein Land, in dem Dutzende Medien geschlossen und über 150 Kollegen inhaftiert sind, auch sonst abschneiden sollen?

          Allein die Ereignisse weniger Tage sind geeignet, das Land beim Freiheitsreport in Grund und Boden zu stampfen. Ein Beispiel: Die Regierung kontrolliert fast die gesamte Medienlandschaft, nun zensiert sie auch die Untertitel von Fernsehfilmen. Neueste Nachrichten zu bringen ist beinahe vollständig verboten. So wurde es den nach Ankara zitierten Senderchefs verkündet. In Zeiten des Terrors darf es außer den Erklärungen offizieller Stellen keine Berichterstattung geben. Umstände der Tat, Entwicklungen, Augenzeugenberichte dürfen der Bevölkerung nicht zur Kenntnis gegeben werden. Kurz: Ein Terroranschlag wird nicht gemeldet, bis der Staat eine Erklärung abgibt. „Solange wir nicht reden, gibt es keinen Bericht“, ordnet der türkische Staat an. Selbst die in Amerika mit Trump in Umlauf gekommenen #AlternativeFacts gibt es bei uns nicht. Es gibt nur einen „Fakt“. Und den formuliert der Staat. Am selben Tag, an dem diese Restriktion verkündet wurde, trat Bundeskanzlerin Merkel in Ankara gemeinsam mit Erdogan vor die Presse. Wie zu erwarten, stand ihnen ein Heer türkischer und deutscher Journalisten gegenüber. Seit langem schon wird Vertretern türkischer Zeitungen, die möglicherweise kritische Fragen stellen, die Akkreditierung verweigert. Doch was, wenn deutsche Journalisten Erdogan kritische Fragen gestellt hätten? Oder wenn man Merkel zu ihrer Meinung über jene befragt hätte, die immer weniger werden? Auch dafür hatte unser Staat vorgesorgt. Fragen durften nur Reporter staatlicher Sender und Agenturen stellen.

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