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Brief aus Istanbul : Die List der Oppositionellen

  • -Aktualisiert am

Das neue Denkmal für die Opfer des Militärputsches in Ankara. Bild: dpa

Nicht nur die Putschisten wurden besiegt, auch die Demokratie hat gelitten: Erdogans riesige Machtdemonstration am Jahrestag des Putsches.

          Es gibt ein Schwarzweißfoto, aufgenommen am 24. Oktober 1996 in Istanbul, das einen wichtigen Etappensieg der Gülen-Sekte markiert. Fethullah Gülen war damals vielen Menschen in der Türkei durch seinen emotionalen Predigtstil bekannt – Gülen sprach oftmals unter Tränen. Seit Beginn der achtziger Jahre beteuerten er und seine Bewegung, es gehe ihnen lediglich um das Erziehen einer „tugendhaften Generation“. Dass Gülen noch andere Absichten hatte, kündigte sich mit dem genannten Foto an. Es entstand bei der Eröffnung einer von Gülenisten gegründeten Bank. Die Regierung hatte das Projekt unterstützt, um Wählerstimmen zu erreichen, auf die Gülen Einfluss hatte.

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          Auf dem Foto sieht man vorne die damalige türkische Ministerpräsidentin Tansu Çiller, links von ihr steht Abdullah Gül, damals Staatsminister, und rechts von ihr Recep Tayyip Erdogan, seinerzeit Oberbürgermeister von Istanbul. Die drei zerschneiden gerade das Eröffnungsband. Ein weiterer Mann lächelt aus der zweiten Reihe in die Kamera: Fethullah Gülen, der Kopf der Gülen-Bewegung. Männer aus der von Gülen herangezogenen „goldenen Generation“ würden Jahre später das eigene Parlament und die türkische Bevölkerung bombardieren.

          Auch im Notfall erst nach Erdogans Botschaft

          Schon damals sagten selbstverständlich einige Leute, Gülen wolle durch eine Unterwanderung des Staates ein islamistisches Regime aufbauen. Journalistische Berichte über die Infiltrierung der Militärakademien wurden jedoch blitzartig verboten. Wollte ein Staatsanwalt Ermittlungen gegen Gülenisten einleiten, dann tauchten plötzlich Porno-Aufnahmen oder anderes Material auf, das den Staatsanwalt kompromittierte. Die Akten wurden schnell wieder geschlossen, der Staatsanwalt musste zurücktreten.

          Der Autor Bülent Mumay bezieht sich in seinem Text auf dieses Bild das am 24. Oktober 1996 in der türkischen Tageszeitung ’Milliyet’ erschienen ist.
          Der Autor Bülent Mumay bezieht sich in seinem Text auf dieses Bild das am 24. Oktober 1996 in der türkischen Tageszeitung ’Milliyet’ erschienen ist. : Bild: Milliyet (Tageszeitung)

          Aber legen wir das alte Foto einen Augenblick beiseite, lieber Leser. Der Putschversuch vom 15. Juli 2016 hat sich am Samstag gejährt, deshalb hat Erdogan überall im Land große Gedenkkundgebungen abhalten lassen. Damit möglichst viele kommen, durfte der öffentliche Nahverkehr in Städten wie Istanbul und Ankara kostenlos benutzt werden. Sämtliche Reklametafeln waren mit Plakaten gepflastert, die Erdogans Palast gestaltet hatte. Von den Minaretten erklang Sela, der Ruf zum Totengebet. Sogar auf unseren Mobiltelefonen waren Botschaften, die den Putschversuch verdammen: Wenn wir am 15. Juli 2017 eine Nummer wählten, und sei es die Notrufnummer 112, dann erklang zunächst die von Erdogan persönlich eingesprochene Botschaft zum 15. Juli. Erst danach konnte man einen Krankenwagen anfordern.

          Es ging wohl nicht um das Gedenken der Opfer

          Erdogans Zorn auf den Putsch war groß. Bei der Zeremonie auf der Bosporusbrücke, die seit dem Putschversuch „Brücke der Märtyrer des 15. Julis“ heißt, sagte er: „Wir werden diesen Verrätern den Kopf abreißen.“ Der vorbestrafte Mafiaboss Sedat Peker, der seit einigen Jahren durch besondere Erdogan-Treue auffällt, gedachte des 15. Julis auf eine Weise, die gut zu seinem Berufsstand passt. Er sagte: „Wenn unser Herr Staatspräsident sterben sollte, werden sie sehen, was ein Diktator ist. Erst knüpfen wir alle, die wir draußen erwischen, an Bäumen und Fahnenmasten auf, dann gehen wir in die Gefängnisse. Auch da werden wir sie hängen.“ Der Kolumnist Murat Bardakçi, zuständig für Geschichte bei der regierungsnahen Zeitung „Habertürk“, erinnerte am Folgetag daran, wie die Osmanen im 17. Jahrhundert Verräter bestraften: „Vollzug in den Zeiten, da Aufständische unverzüglich bestraft wurden: am Galgen aufknüpfen.“

          Zwei Tage dauerten die Feierlichkeiten. Die Opposition blieb außen vor; die Veranstaltungsorte füllten nur Erdogan-treue Massen. Man schien ohnehin keine Andersdenkenden dort haben zu wollen. Bei der Parlamentszeremonie wurde der Opposition kein Rederecht gewährt. Alles in allem ging es wohl gar nicht um ein Gedenken an die Opfer vom 15. Juli, sondern nur darum, Erdogans Autorität durch das Erinnern an den Putsch zu steigern und seine Macht weiter zu konsolidieren.

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