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Veröffentlicht: 07.06.2017, 13:08 Uhr

Brief aus Istanbul Besteht die Türkei etwa nur aus Erdogan und der AKP?

Deutschland darf die europäisch gesinnten Türken nicht ignorieren, sonst verliert das ganze Land. Wer davon profitiert, ist kein Geheimnis.

von Bülent Mumay
© AP Die Verbundenheit muss bleiben: Abendstimmung auf dem Bosporus vor der Kulisse Istanbuls.

Es war eine der längsten Nächte in der jüngeren Geschichte der Türkei. Als wir am Abend des 15. Juli letzten Jahres Soldaten die Bosporusbrücke mit Panzern abriegeln sahen, waren wir verwirrt. „Nicht doch! Ein Militärputsch 2016? Sonst noch was?“, dachten wir, da düsten Kampfjets so niedrig über das Dach unseres Hauses in Istanbul hinweg, dass sie es beinahe mitgenommen hätten. Unsere Verunsicherung wurde immer größer. Bald verfolgten wir in Live-Sendungen, wie Soldaten Polizeiquartiere stürmten und aus Hubschraubern auf das Parlament in Ankara gefeuert wurde; nun war klar, die Katastrophe ist real.

Zur türkischen Fassung der Kolumne
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Nicht nur aus einem Reflex unseres Journalistenberufs heraus, sondern um zu sehen, wie das Desaster ausgeht, blieben wir bis zum Morgengrauen auf. Gegen Morgen störten zwei Dinge die Stille. die ununterbrochenen Rufe zum Totengebet von den Minaretten und das Dröhnen der Flugzeuge. Nachdem klar war, dass der Putsch niedergeschlagen war, hätte ein wenig Schlaf gutgetan. Zweifellos würde der Tag nach dem Umsturzversuch nicht kürzer sein.

Für Propagandazwecke missbraucht

Nach wenigen Stunden Schlaf weckte mich mein Handy. Auf dem Display blinkte eine Nummer aus Deutschland. Karen Krüger, Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, rief an. Sei es, weil ich aus dem Schlaf gerissen wurde, sei es aufgrund der Hast meiner Gesprächspartnerin, die ersten Sätze verstand ich kaum. Im Gedächtnis blieb mir: „Für unsere Sonntagsausgabe morgen … Über das Geschehen der vergangenen Nacht … Nicht als Nachricht, persönliche Eindrücke … Die Zeit ist knapp, kann der Text bis elf Uhr bei mir sein?“ Das war der Start von „Briefe aus Istanbul“. Seit dem ersten, innerhalb von zwei Stunden geschriebenen Text bemühe ich mich, den Lesern in Deutschland das Geschehen in der Türkei anhand persönlicher Eindrücke und mit historischer Einbettung näherzubringen. Die Briefe bereiteten mir ein paar kleine Unannehmlichkeiten. Meine Festnahme zehn Tage nach dem ersten Text hatte, soweit ich weiß, nichts mit der F.A.Z. zu tun. Das war nur ein kleiner Preis dafür, in der Türkei als Journalist tätig zu sein. Einige deutschsprachige türkische Leser reagierten heftig auf meine Kolumne. Manche drohten mir in den sozialen Medien mit dem Tod, andere beschimpften mich als Vaterlandsverräter. Das kümmerte mich nicht groß, da Ähnliches häufig vorkam, wenn ich in der Türkei in türkischen Medien schrieb.

Autorenportrait / Bülent Mumay © privat Vergrößern Bülent Mumay

Doch was ich in den letzten fünf bis sechs Monaten, seit das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei angespannt ist, in beiden Sprachen zu lesen bekam, bedrückt mich arg. Auch beobachtete ich bekümmert, dass einige meiner Artikel für Propagandazwecke missbraucht wurden. Und so will ich Ihnen mitteilen, wie ratlos ich angesichts solcher Reaktionen bin. Vielleicht beschreibt eine türkische Gedichtzeile gut, was ich empfinde. Wie der Dichter Fuzuli im 15. Jahrhundert sagte: „Rede ich, bewirkt es nichts, schweige ich, ist das Herz nicht einverstanden.“

Lassen sie uns nur umso mehr allein?

Die Spannungen begannen mit der Verhaftung meines lieben Freundes Deniz Yücel, stiegen mit Erdogans Nazi-Vergleich und reichen bis zum Beschluss, die deutschen Soldaten aus Incirlik abzuziehen. Selbstverständlich bleiben die deutschen Leser davon nicht unberührt. Dass die Entwicklung ihre Reaktionen überschattet, ist nur normal. Doch das was ich als ein Journalist, der Ankara in vielerlei Hinsicht kritisiert, schreibe, für einen Rundumschlag verwendet wird, beunruhigt mich sehr.

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