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Brief aus Istanbul : Warum Erdogan nun „bitte“ sagt

  • -Aktualisiert am

„Hero“-Shirts sind nun politisch belastet. Bild: DHA

Wundersame Wandlung eines Rechenkünstlers: Mathematik ist wohl doch wichtiger als der Dschihad-Unterricht an türkischen Schulen. Und für „Hero“-Shirts kann man verhaftet werden.

          Diesmal, lieber Leser, wollte ich eigentlich nur die neuen Absonderlichkeiten aufzählen, die seit einer Woche angefallen sind. Ich wollte Vorfälle der Art „So etwas gibt es nur bei uns“ mit Ihnen teilen. Dinge, die uns gar nicht mehr überraschen. Dinge, über die auch wir lachen könnten, wenn wir nicht darunter zu leiden hätten. Ich war gerade dabei, all das, was ich im Laufe der Woche gesammelt hatte, für diesen Brief zu formulieren. Da sorgte Deutschland dafür, dass ich alle Pläne über den Haufen warf. Dennoch will ich zumindest mit einigen Absonderlichkeiten beginnen, damit Sie nicht alles verpassen.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Wegen eines T-Shirts kam es zu Menschenjagden auf offener Straße. Wie das? Ein wegen Beteiligung am Putsch verhafteter Soldat ist zu seiner Verhandlung in einem T-Shirt mit dem Schriftzug „Hero“ erschienen. Die regierungsnahe Presse verstand das als Provokation und formulierte Schlagzeilen wie: „Steckt alle Putsch-Verdächtigen in orange Anzüge wie die Guantánamo-Häftlinge!“ Staatspräsident Erdogan ordnete sogleich an, Vorbereitungen dafür zu treffen. Was genau die Absicht jenes Soldaten war, wissen wir nicht. Doch wir wissen, was dann geschah: In der ganzen Türkei wurden Leute festgenommen, die das gleiche T-Shirt wie der Soldat trugen. Ein in Antalya ergriffenes Paar wurde immerhin freigelassen, nachdem es glaubhaft gemacht hatte, seit Tagen keine Zeitung gelesen und deshalb von dem Fall gar nichts mitbekommen zu haben. In Samsun wurde ein Vater vor den Augen seines Sohnes wegen des Hero-T-Shirts verhaftet. Ihn ließ man erst nach zehnstündigem Verhör durch eine Anti-Terror-Einheit wieder laufen. Die Herstellerfirma, die einem Erdogan-Unterstützer gehört, nahm zehntausende der für umgerechnet fünf Euro verkauften T-Shirts vom Markt.

          Bülent Mumay

          Von der Polizeirazzia bei einem Workshop auf der Insel Büyükada vor Istanbul haben Sie gehört. Zehn Personen, darunter der deutsche Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner, wurden verhaftet. Die Zeitung „Star“, die Ethem Sancak gehört, der im Vorstand der AKP sitzt, hatte wenige Tage vor der Razzia behauptet, hinter den Aktivisten, die „einen neuen Staatsstreich in der Türkei vorbereiten“ würden, stecke der britische Geheimdienst MI 6. Am Nachmittag des Tages, an dem der Workshop gestürmt wurde, befanden sich jedoch zahlreiche türkische Minister im Garten der britischen Botschaft in Ankara: Man stieß dort auf den 91. Geburtstag von Queen Elizabeth II. an. Selbstverständlich nur mit Orangensaft. Vor einigen Tagen änderte sich dann plötzlich die Verschwörungstheorie: „Yeni Şafak“, eine ebenfalls Erdogan nahestehende Zeitung, behauptete, der Workshop auf Büyükada wäre vom deutschen Nachrichtendienst BND organisiert worden. Sollte es neue Verdächtigungen geben, informiere ich Sie, liebe Leser, keine Sorge.

          Ich weiß schon, Sie reisen inzwischen ohnehin nicht mehr so oft in die Türkei, aber es ist sicher von Nutzen, wenn Sie wissen, dass in den Berufsschulen, die Fachleute für Hotellerie und Tourismus ausbilden, das Fach „Alkoholische Getränke und Cocktailzubereitung“ künftig nicht mehr unterrichtet wird. Die Begründung: Schutz minderjähriger Schüler vor Alkohol. Wundern Sie sich also nicht, wenn Sie künftig in Prospekten einen Hinweis entdecken wie „All inclusive, Mojitos exclusive“.

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