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Brief aus Istanbul : Küssen nur noch zu Hause

  • -Aktualisiert am

Recep Tayyip Erdogan mit seiner Frau und Tochter. Bild: dpa

Erdogan gibt den autoritären Vater. Damit greift er ein Bild der Familie auf, das die Türkei noch immer prägt.

          Die Institution Familie ist in der türkischen Kultur sehr wichtig. Die Zeiten wandeln sich, die Moderne zeitigt Wirkung, doch Familienbeziehungen bleiben stark. Dass der Respekt gegenüber Mutter- und Vaterfiguren auch nur im Geringsten abgenommen hätte, lässt sich kaum sagen. Die Bedeutung dieser Begriffe in der Gesellschaft war selbstverständlich auch stets für die Politik von Interesse. Politiker hatten schon immer Bei- oder Spitznamen, vor allem solche aus familiären Rollen.

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          Süleyman Demirel beispielsweise, ein wichtiger Vertreter der türkischen Rechten, wurde in der Anfangszeit „Sülü der Hirte“ genannt, weil er in seiner Jugend Vieh gehütet hatte. Es war dann aber das Attribut „Vater“, unter dem er die politische Szene prägte. Nach langen Jahren in der Opposition stieg er mit dem Slogan „Rette uns, Papa“ zur Macht auf. Demirel, selbst kinderlos, war als „Vater der Nation“ siebenmal Ministerpräsident. Seine lange Amtszeit spiegelt sich sogar in der Musik wider. Bei dem Stadtpoeten Fikret Kizilok heißt es über den „Papa“ in dem Lied „Demirbas“ (Inventar): „Die Beatles waren nicht da (...) Mao war noch nicht gestorben (...) Mandela saß im Knast (...) Süleyman war immer Premier, Premier war immer Süleyman...“

          Nach seiner siebten Amtszeit als Ministerpräsident wählte ihn das Parlament zum Staatspräsidenten. Auf den freigewordenen Sessel rückte Tansu Çiller nach, die Wirtschaftsprofessorin aus seiner Partei. Auch Çiller, die erste und bisher einzige Premierministerin der Türkei, hatte einen Spitznamen. „Hürriyet“ titelte: „Das Absatzklappern der Lady“, und damit hatte Çiller ihren Spitznamen weg. Doch diese Übernahme aus dem Englischen sprach offenbar die traditionelle anatolische Wählerschaft der Partei zu wenig an. In dieser Hinsicht war es für Çiller schon ein Manko, dass sie viele Jahre in Amerika gelebt hatte. Sie nannte sich dann „Mutti“, um bei den Wählern anzukommen.

          Çiller erreichte nie das Charisma von „Papa“ Demirel. Der Spitzname „Mutti“ zog nicht. Dennoch konnten Politiker es nicht lassen, sich Analogien zuzulegen. Meral Aksener, die soeben die „Gute Partei“ gründete, die imstande ist, Erdogan Wähler abzujagen, wählte ebenfalls ein familiäres Attribut: „Meral Abla“ – große Schwester Meral. Auch in den Videos ihrer Partei verwendet sie diesen Beinamen. Ihr geht es offensichtlich darum, sich dem Wähler als „eine aus der Familie“ zu präsentieren.

          Erdogan als autoritäres Familienoberhaupt

          Bei Erdogan, auf dessen Wählerstimmen die „Gute Partei“ es abgesehen hat, stellt es sich etwas anders dar. Zunächst ließ er sich beim Vornamen nennen. „Tayyip“, der aus dem Arabischen stammende Name in der Bedeutung „gut, schön“, strahlte eine gewisse Intimität aus. Doch als er mächtiger wurde, brachte sein engerer Kreis das Attribut „Reis“ in Umlauf: Oberhaupt. Das autoritär konnotierte Wort beschreibt Erdogan recht gut, hat aber ein Defizit. Die Rolle, die Erdogan am liebsten spielt, ist der Vater. Und zwar nicht der gütige Vater, der seinen Kindern über den Rücken streicht, sondern der autoritäre. Anders ist sein Drang, die Gesellschaft zu formen, nicht zu erklären.

          Er will auf alles im Land seinen Stempel drücken, will in jeder Angelegenheit das letzte Wort haben. Er stellt fest, was für uns gut ist, und erteilt sogleich entsprechende Weisung. Er weiß am besten, wie viele Kinder Frauen bekommen sollen und wie viele Ausländer in eine Fußballmannschaft gehören. Letzten Monat übte er Kritik an den Aufnahmeprüfungen für Gymnasien und eine Woche später an denen für das Hochschulstudium. Am Tag darauf verkündete der Bildungsminister, man werde die Prüfungen, wie von Erdogan gefordert, modifizieren. Und das, obwohl in den fünfzehn Jahren unter Erdogans Regierung das Prüfungssystem schon fünfmal geändert worden war. Er bestimmt, um welchen Betrag die Kfz-Steuer anzuheben ist und ob Autos getönte Scheiben haben dürfen. Dabei gibt es durchaus eine, an ihn gebundene, Regierung, ein Parlament und gesetzliche Vorschriften im Land. Kürzlich ließ Erdogan ein Foto veröffentlichen, das ihn im Palast beim Spiel mit einem Enkel zeigt. Die Fernbedienung des Spielzeugautos hält er selbst in der Hand

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Schon früher hatte Erdogan Familien angewiesen, „mindestens drei Kinder“ zu bekommen, letzte Woche empfahl er Frauen als Maßnahme „gegen den Terror, zu heiraten und sich zu vermehren“. „Make love not war“ lautete das Motto der Achtundsechziger, „Heiraten gegen Terror“ nun das von Erdogan: „Verlobt euch, heiratet, vermehrt euch. Muslime müssen sich vermehren. Ich vertraue dabei auf die Sensitivität der muslimischen Frauen. In der Türkei ist die Terrororganisation da besonders sensitiv. Die haben mindestens zehn, fünfzehn Kinder.“

          Unser Staatspräsident ergeht sich ständig in Empfehlungen zu Eheschließung und Kinderzahl, doch die Stimmung im Land lässt Liebe und damit Verbundenes kaum zu. In ausländischen Filmen werden Vokabeln wie „sexy“ und „Präservativ“ zensiert. Im staatlichen Fernsehen wurde der Ausdruck „Wir liebten uns“ in einem bald fünfzig Jahre alten Lied von Zeki Müren, Ikone der klassischen türkischen Musik, ersetzt durch „Wir freuten uns“.

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          Selbst wenn Sie Erdogans Worte beherzigen und heiraten, dürfen Sie Ihrer Liebe nicht freien Lauf lassen. Vergangene Woche kam es zur Krise, als ein Ehepaar sich im Flugzeug von Istanbul nach Bodrum einen Wangenkuss gab. Das Paar kam aus den Flitterwochen und küsste sich vor dem Start auf die Wangen. Ein Mann versetzte dem Bräutigam einen Schlag auf den Kopf und brüllte: „Küss deine Frau gefälligst zu Hause!“ Als der Streit eskalierte, drehte der Pilot kurz vor der Piste um und rief die Polizei. Sicherheitsgurte retten auch in diesem Land Leben, doch sie schützen leider nicht vor der grassierenden Rückschrittlichkeit.

          Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

          Kriminalität : Immer mehr Ehrenmorde an Frauen in der Türkei

          Quelle: F.A.Z.

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