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Veröffentlicht: 06.04.2017, 10:44 Uhr

Brief aus Istanbul Der süßeste Putsch der Weltgeschichte

Eigentlich müssen Sie über die Türkei nur eines wissen: Sie ist weniger das Land von Döner und schönen Stränden als vielmehr das Land des Absurden. So wie neulich, als Erdogan beinahe mit Schokolade gestürzt worden wäre.

von Bülent Mumay
© AP Erdogan warb auch in Diyarbakir, der größten Stadt mit kurdischer Bevölkerungsmehrheit, für ein „Ja“ beim Verfassungsreferendum.

Was fällt Ihnen spontan zur Türkei ein? Vor einigen Jahren wäre Ihre Antwort auf diese Frage wahrscheinlich eher unpolitisch ausgefallen, lieber Leser. Vermutlich hätten Sie etwas von den Menschen aus der Türkei erzählt, mit denen Sie seit fast sechzig Jahren zusammenleben. Vielleicht hätten Sie auch unseren legendären Dichter Nazim Hikmet, unseren Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk oder die Strände von Antalya erwähnt. Heute dürfte Ihre Antwort weniger positiv ausfallen. Wahrscheinlich fiele darin oft das Wort Demokratie, enden würden Sie sicherlich mit: „Aber Deniz Yücel...“

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Ganz gleich, ob es um Politik, Kultur oder Tourismus geht – letztlich müssen Sie nur eines wissen und sollten das auch nie wieder vergessen: Die Türkei ist weniger das Land von Döner und schönen Stränden, sondern das Land des Absurden. Natürlich ist mir bewusst, dass Kierkegaard, der Vater der Philosophie des Absurden, und Camus keine Türken gewesen sind. Doch das Absurde selbst ist unbedingt türkisch. Wir haben es erfunden, und wir erleben es. Nicht in seiner ästhetisierten Form in Kunst, Theater oder Literatur, sondern wir leben mittendrin, spielen es tagtäglich in seiner vulgarisierten, groteskesten Form. Um das zu veranschaulichen, genügt es zu berichten, was wir in den letzten zwei Wochen erlebt haben.

45703632 © Picture-Alliance Vergrößern Sie wären überrascht, wie umstürzlerisch diese Schokolade drauf ist.

Nachdem die türkische Familienministerin Fatma Betül Sayan Kaya aus den Niederlanden ausgewiesen wurde, haben wir uns an Kühen gerächt. Holländische Kühe hatten wir jahrelang geschätzt, weil sie so viel Milch geben. Doch nun wurde ihre Ausweisung beschlossen. Wir stachen auf Apfelsinen ein, weil ihre Farbe uns an Holland erinnert. Orangen aus Antalya, die nicht das Geringste mit den Niederlanden zu tun haben, pressten wir bis zum Letzten aus. Als Kinder eines Landes, das dem Weihnachtsmann die Waffe an die Schläfe gehalten hat, um gegen Silvesterfeiern zu protestieren, verwunderte uns das nicht weiter. Welcher Katastrophe wir vor einigen Tagen nur knapp entgingen, mochten wir dann jedoch selbst kaum glauben: Um Haaresbreite wäre unsere fortgeschrittene Demokratie einem Schokoladenputsch zum Opfer gefallen! Sie haben richtig gehört, lieber Leser: Nur weil sensible Mitbürger auf der Hut waren, sind wir glücklicherweise dem süßesten Putsch der Weltgeschichte entgangen.

Autorenportrait / Bülent Mumay © privat Vergrößern Bülent Mumay

Auf die Einzelheiten des Schokoladenputsches komme ich gleich zu sprechen, muss aber zuvor erwähnen, wie die vergangene Woche begonnen hatte. Die ersten Tage waren „sauber, schmerzlos und rein“. Es war eine Woche, in der wir Unerwünschtes loswurden. Nach einer frohen Botschaft von Erdogan, über die uns das Fernsehen unterrichtete, bereiteten wir uns aufs Epilieren vor. Die Live-Übertragung aus dem 1000-Zimmer-Palast zeigte, wie Erdogan in Anwesenheit von Dutzenden Schönheitsexpertinnen einen „Epilier-Erlass“ unterzeichnet. Er erlaubt, dass Laser-Epilationen fortan auch von Schönheitsspezialistinnen ohne medizinische Ausbildung durchgeführt werden können. Zehn Tage vor dem Referendum beruhigte diese Meldung die Gemüter. In unserem Land, in dem noch vor wenigen Monaten auf junge Leute geschossen worden ist, weil sie Broschüren eines Epilierstudios verteilt hatten, löste der Erlass eine Welle der Freude aus – zumal er zum Beginn der Bikini-Saison eintrudelte.

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