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Brief aus Istanbul : Sie ziehen furchtlos durch das ganze Land

  • -Aktualisiert am

Abstimmung mit den Füßen: 423 Kilometer lang ist der Weg, auf den sich Kemal Kiliçdaroglu begibt. Mit ihm setzen viele ein Zeichen gegen die türkische Regierung. Bild: Getty

Der Oppositionspolitiker Kemal Kiliçdaroglu hat in der Türkei zum „Gerechtigkeitsmarsch“ aufgerufen. Tausende folgen ihm. Das wird für Erdogan zum Problem. Also gibt die ihm hörige Presse den Protest als Terrorismus aus.

          Sprachlich gesehen, ist es gar nicht so schlecht, dass wir Türken im Lauf der Jahrhunderte siebzehn Staaten gegründet haben, wobei wir sechzehn davon zugrunde gehen ließen. Lange lebten wir mit Dutzenden Kulturen mal als Feinde, mal als Freunde zusammen und nahmen Wörter aus deren Sprachen auf. Den größten Beitrag leisteten dabei die Araber, mit denen wir uns im achten Jahrhundert gegen die Chinesen verbündeten. Nach dieser „Kooperation“ wurden wir islamisiert, und unsere Sprache wurde mit Tausenden Wörtern des Arabischen aufgepolstert. Bis heute sind sie ein wichtiger Bestandteil des Türkischen.

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          „Biat“ ist so ein arabischstämmiges Wort. Man kann es als Motto der regierenden AKP verstehen. Übersetzt bedeutet „biat“ so viel wie „jemandes Herrschaft anerkennen“. Die tiefere Bedeutung des Wortes wurzelt im Koran; über Jahrhunderte hinweg wurde es im Sinne von „dem Propheten seine Verbundenheit zusagen“, „Treue schwören“ und „sich unterwerfen“ verwendet. Die politische Linie des Islamismus verbreitete sich in der Türkei auch als Unterwerfung. Unter der AKP-Regierung verschärfte sich die Bedeutung von „biat“ dann auf eine Weise, die an die von George W. Bushs nach dem 11. September 2001 ausgegebene Doktrin „Bist du nicht mein Freund, bist du mein Feind“ denken lässt: Wer sich der AKP nicht unterwirft, wer nicht „biat“ macht, der wird vernichtet.

          Bülent Mumay

          Für Erdogans Partei zählt das nicht nur in der Politik. Auch in den Medien und in anderen Branchen wird hart bestraft, wer nicht im Sinn der AKP agiert. Einige Unternehmen wurden mit Steuerstrafen in Bedrängnis gebracht, andere durch den Ausschluss von staatlichen Ausschreibungen. Schon in der alten Türkei nannten große Unternehmer Fernsehsender und Zeitungen ihr Eigen. Durch die Berichterstattung übten sie Druck auf die Regierung aus, so dass diese eher bereit war, die Verantwortlichen mit staatlichen Mitteln zu besänftigen. Reichtum war die Folge. In Erdogans neuer Türkei hat sich das Prinzip von Ursache und Wirkung umgekehrt: Der Staat macht die Unternehmer erst reich und sorgt dann dafür, dass sie Medien-Bosse werden. Entweder lässt man sie neue Fernsehsender oder Zeitungen gründen, oder es wird ihnen ermöglicht, schon bestehende günstig zu kaufen. In der Regel handelt es sich um Medien, die von ihren Eigentümern aufgegeben werden mussten, weil sie sich der AKP nicht unterwerfen wollten. Nach dem Eigentümerwechsel haben sie nur noch eine einzige Aufgabe: 24 Stunden Regierungspropaganda am Tag!

          In der jüngeren Vergangenheit gingen die größten staatlichen Ausschreibungen nur an den Unternehmerkreis dieser Propagandamaschinerie. Milliardenschwere Projekte wie der Bau des ersten Atomkraftwerks in der Türkei oder der zurzeit entstehende dritte Istanbuler Flughafen haben das Kapital dieser Unternehmer vervielfacht. Das Ziel besteht nicht nur darin, ein der Regierung wohlgesinntes Großbürgertum zu schaffen. Nein, ein Wink genügt, und die Medien, die sich diese Unternehmer angeeignet haben, verteufeln jeden AKP-Gegner. Mal wird ein Journalist zum Terroristen erklärt, oder Leute wie die beiden Akademiker, die mit ihrem Hungerstreik gegen ihre Entlassung protestieren. Das Muster ist immer dasselbe: Einige Tage nachdem eine solche Schlagzeile in der Welt ist, greifen Regierungsvertreter die in den Propagandamedien verwendete Diffamierung auf und wiederholen sie.

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