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Brief aus Istanbul : Was uns eint und was uns trennt, ist mehr als ein Fluss

  • -Aktualisiert am

Die Bosporusbrücke ist eine Ikone Istanbuls. Sie verbindet den europäischen und den asiatischen Teil der Stadt. Doch die Türken trennt mehr als eine Meerenge. Bild: AP

Seit den Gezi-Protesten zerreißt Feindschaft die Türkei. Jeder hat offene Rechnungen. Es ist an der Zeit, sie zu begleichen und neu zusammenfinden: Erster Teil einer Briefserie aus einem Land im Ausnahmezustand.

          Seit 1923, dem allgemein anerkannten Gründungsdatum der modernen Türkei, ist beinahe ein Jahrhundert vergangen. Am Beginn der Republik, die Mustafa Kemal Atatürk anstelle des Osmanischen Reichs errichtete, stand das Prinzip des Zusammenlebens der in dieser Region existierenden Dutzenden verschiedenen Volksgruppen und Überzeugungen. Atatürk formulierte sein Hauptziel als Schaffung einer „zusammengewachsenen Masse ohne Privilegien und Klassen“.

          Bülent Mumay gehört zu den 42 türkischen Journalisten, gegen die Erdogan einen Haftbefehl erlassen hat.

          Selbstverständlich ist nation building keine Sache, die mit einem am Schreibtisch gefassten Beschluss und einer Parole umsetzbar wäre. Dutzende von Jahren waren nötig. Es brauchte einen gemeinsamen Lebensraum, um in aller Diversität gemeinsam leben zu können. Seit 1923 hat Anatolien mehr Kümmernis als Freude erlebt, Schmerzen und Leid haben uns zusammengeschweißt. Nicht dass es gar keine Freuden gegeben hätte, doch ich wage zu bezweifeln, dass sie uns zu einer Schicksalsgemeinschaft (oder auch einer Kümmernisgemeinschaft) gemacht haben.

          Umstürze, politische Erschütterungen, Wirtschaftskrisen führten wie in jeder Gesellschaft auch in der türkischen zu Differenzen und Polarisierungen. Insbesondere vor und nach den Militärputschen von 1971 und 1980 entstand Polarisierung, als einige Kreise sich extrem politisierten und radikale Gruppen zu den Waffen griffen. Ab 1984 verlor das Land aufgrund der kurdischen Sache Zehntausende junge Leute, ein Literaturfestival in Sivas endete mit dem mutwillig gelegten Brand des Hotels, in dem sich die Dichter und Schriftsteller aufhielten. Die Türkei erlebte diverse Massaker. Es gab alle möglichen Extreme, Meinungsverschiedenheiten und politische Entzweiungen. Dennoch ließ sich von einem gemeinsamen Selbst als Nation sprechen.

          Die neue Türkei der Zersplitterung

          Die Wende kam in der Ära der „neuen Türkei“, wie Erdogan sie postuliert. Es fing an mit einer politischen Polarisierung. Das Land wurde wie eine Melone politisch auseinandergeschlagen. Das Gewissen sollte von nun an zwischen uns und den anderen unterscheiden. Beispielsweise wurden Menschen, die gegen die Grubenkatastrophe protestierten, bei der Hunderte Arbeiter ums Leben gekommen waren, vor laufenden Kameras von Erdogans Berater persönlich mit Füßen getreten. Erdogan redete die Katastrophe, bei der nachweislich Unterlassung von seiner Seite eine Rolle gespielt hatte, klein: „Sterben liegt in der Natur dieser Arbeit.“

          Bei den Gezi-Protesten wurde der vierzehn Jahre alte Berkin Elvan von einer Gaspatrone der Polizei getroffen. Die regierungstreuen Medien diffamierten den Jungen als Terroristen. Nach elf Monaten im Koma war er auf ein Körpergewicht von sechzehn Kilo abgemagert. An dem Tag, als er starb, war Erdogan auf einer Wahlkundgebung. Dort erwähnte er die Sache und schaute bloß zu, als seine Parteianhänger die Mutter des verstorbenen Jungen ausbuhten. Dabei gebieten die religiösen Überzeugungen, die Moral und auch die Tradition in diesem Land Toten gegenüber unter allen Umständen höchsten Respekt.

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